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Dr. André Brie am 23. Auguat 2005:
Zur
erneuten Verschiebung der Abstimmung über Iraks Verfassung erklärt André
Brie, Europaabgeordneter der Linkspartei:
Die von
Washington vollmundig herbeigeredete Demokratisierung des Irak findet
nicht statt. Zwar wurde in buchstäblich letzter Minute vor Fristablauf ein
Verfassungsentwurf vorgelegt, eine Einigung über das Papier steht aber
nach wie vor aus. Innerhalb von drei Tagen sollen die verbliebenen
“Unstimmigkeiten” ausgeräumt werden. Frieden, Stabilität und Entwicklung
wird die Konstitution den Irakerinnen und Irakern aber trotzdem nicht
bringen. Die Verfassung ist letztlich nicht mehr als ein modus vivendi,
der die Situation in dem Land weiter zuspitzen könnte.
Denn
erstens werden schon bei der Annahme der Konstitution demokratische
Grundprinzipien verletzt. So sind die Sunniten, die ihre Zustimmung
verweigern, bei der Ausarbeitung des Entwurfs übergangen worden und sollen
offensichtlich im Parlament überstimmt werden. Die Spaltung des Landes
würde damit forciert, möglicherweise ein Bürgerkrieg heraufbeschworen.
Zweitens spart die neue Verfassung grundlegende Elemente von
Rechtsstaatlichkeit und Demokratie aus. Insbesondere die dramatische Lage
von Frauen und Mädchen wird fortbestehen. Die Scharia, so hieß es im
Verfassungsausschuss, bestimme die Rolle der Frau. “Wir wollen Rechte für
Frauen – für Familienmütter, Arbeitnehmerinnen und Bürgerinnen”, forderten
dagegen Demonstrantinnen Anfang des Monats in Bagdad.
Drittens ist der Verfassungsprozess nicht mit dem Ende des
Besatzungsstatus verbunden. Der Widerstand vor allem gegen das Vorgehen
der US-Truppen fordert täglich Opfer, auch unter der Zivilbevölkerung. Die
Konstitution wird daran nichts ändern.
Das
Weiße Haus und das US-Außenministerium sprechen angesichts der in Bagdad
vorgelegten Fragmente von einem “weiteren bedeutsamen Schritt zur
Verfassung”. Von einem Schritt zur Demokratie ist keine Rede mehr. |