|
Dr. André Brie am 31. August 2005:
Zu den
EU-Beitrittsgesprächen mit der Türkei erklärt der außenpolitische Sprecher
der Fraktion der Vereinten Europäischen Linken/Nordisch Grüne Linke im
Europäischen Parlament André Brie:
Ja zu
Verhandlungen, Nein zum Persilschein
Unmittelbar vor dem
EU-Außenministerrat hat der PDS-Europaabgeordnete André Brie zu
ergebnisorientierten Beitrittsgesprächen mit der Türkei aufgerufen. „Es
geht weder darum, Ankara einen Persilschein auszustellen, noch darum, die
Fortschritte auf dem Weg in die EU zu ignorieren“, erklärte der Politiker
am Donnerstag in Brüssel. „Was gebraucht wird, sind ehrliche
Verhandlungen, die das Ziel verfolgen, die Türkei im vollen Umfang
beitrittswürdig zu machen.“ Brie bezog sich damit auf Presseberichte,
wonach einige Außenminister die völkerrechtliche Anerkennung Zyperns zur
Voraussetzung der Gespräche machen wollen. „Die völkerrechtliche
Normalisierung des Verhältnisses der Türkei zur Republik Zypern ist
überfällig und muss bis zur offiziellen Aufnahme der Verhandlungen
erfolgen. Aber ein weiteres Hinhalten Ankaras könnte zu einer neuerlichen
Belastung der Beziehungen zwischen EU und Türkei führen“, so der
Abgeordnete.
Als zentralen Punkt der Gespräche
sieht Brie die Sicherung der Bürger- und Menschenrechte. Er widersprach
der Einschätzung der EU-Kommission, die türkische Regierung habe bereits
alle Forderungen zur Verhandlungsaufnahme erfüllt: „Die Folter ist zwar
auf dem Papier ausgeräumt, in den Polizeirevieren aber noch an der
Tagesordnung. Kurdisch als Sprache ist anerkannt, noch immer drohen jedoch
jedem Repressionen, der sie im offiziellen Rahmen spricht. Die
Gleichstellung der Frau ist juristisch fixiert, im Alltag jedoch
keineswegs durchgesetzt.“
Entscheidend ist nach Ansicht des
Abgeordneten, die deutlichen Bemühungen Ankaras zur Demokratisierung – die
sich beispielsweise in der Justizreform und der Abschaffung der
Todesstrafe zeigen – unumkehrbar zu machen und zu intensivieren. „Die
Menschen- und Bürgerrechte auf dem Papier zu verankern, ist nur die eine
Seite. Sie müssen vor allem in die Realität umgesetzt werden.“ Dazu
sollten verifizierbare Forderungen gestellt und deren Erfüllung durch
unabhängige Beobachter überwacht werden. „Das geht jedoch nur mit der
Türkei und nicht gegen sie.“
Deutliche Kritik übte der
PDS-Abgeordnete an Bestrebungen der CDU/CSU, den EU-Beitritt der Türkei
zum Wahlkampfthema zu machen. Brie erinnerte daran, dass die
Christdemokraten, unter anderem der frühere Präsident der damaligen
EWG-Kommission Walter Hallstein, jahrelang Beitrittsgespräche mit Ankara
gefordert haben. „Wer nun mit dem Scheinargument einer Überforderung der
EU und mit religiösen Vorurteilen hausieren geht, zielt ganz
offensichtlich auf die Stimmen von den Stammtischen.“ |