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Noch ein
weiter Weg zur Demokratie - Die
Wahl in Irak: Relativ hohe Beteiligung und relativ geringe Hoffnungen /
ND-Gespräch mit dem Europaabgeordneten und Wahlbeobachter Dr. André Brie
André Brie
sitzt seit 1999 im Europäischen Parlament und ist Mitglied im Ausschuss für
Auswärtige Angelegenheiten. Er hielt sich in den vergangenen Tagen zur
Wahlbeobachtung in Irak auf. Mit dem PDS-Politiker sprach Olaf Standke.
ND: Wo haben Sie sich in Irak aufgehalten?
Brie: In Sulaimanija, im südöstlichen kurdischen Teil Iraks.
Warum dort?
Es war die einzige Möglichkeit, überhaupt ins Land zu kommen, dank einer
Einladung der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), einer der großen
Parteien der Region.
Diese Beobachtungsmission war Ihre Initiative, Europaparlament und
EU-Kommission konnten sich nicht zu einer offiziellen Delegation
durchringen.
Begründung war die fehlende Sicherheit. Das ist für Bagdad oder das
sunnitische Dreieck fraglos zutreffend. Aber nach meinen Erfahrungen hätte
es im Norden und Süden durchaus die verantwortbare Möglichkeit gegeben,
Beobachter zu entsenden. Ich halte es für völlig falsch, dass man es
nicht getan hat. Ich habe in diesen Tagen erlebt, mit welchem Stolz
Irakerinnen und Iraker zur Wahl gegangen sind. Es war für sie ein
Feiertag. Und es wäre für sie ungeheuer wichtig gewesen, wenn ihnen die
internationale Gemeinschaft – es fehlten ja nicht nur die Europäer –
auch auf diese Weise solidarisch zur Seite gestanden hätte. Hier ist eine
große Chance vergeben worden.
Was Wahlbeteiligung und Sicherheitslage anbetrifft, gab es sehr
unterschiedliche, auch widersprüchliche Meldungen. Wie sind Ihre
Beobachtungen?
Ich kann ja nur von der genannten Region sprechen. Hier waren sehr viele
Sicherheitskräfte rund um die Wahllokale präsent, aber das hat nach
meiner Beobachtung den Charakter dieser Wahlen nicht beeinträchtigt. Wir
selbst konnten uns weitgehend frei bewegen und sind von den Menschen sehr
freundlich und offen aufgenommen worden.
Nicht nur in Washington wird von einem historischen Tag, von einem
Meilenstein in der Geschichte Iraks gesprochen. Wie fällt Ihre erste
Analyse dieser Wahlen aus?
Für viele Irakerinnen und Iraker waren sie zweifellos außerordentlich
bedeutsam und ein großer Schritt voran. Und dennoch kann ich nur vor
Euphorie warnen. Alle negativen Begleitumstände existieren fort, die
Besatzung des Landes, die Gängelung der irakischen Autoritäten durch die
US-Amerikaner und durch die Briten, der Vormarsch des rückwärts
gewandten Fundamentalismus im Süden. Die Sicherheit in Irak ist weiter
durch terroristische Kräfte gefährdet. Vor allem auch ist durch diese
Wahl die Frage des weiteren Zusammenhaltes Iraks, das Verhältnis zwischen
Schiiten, Sunniten und Kurden nicht vorangebracht worden.
EU-Kommissionspräsident Barroso sieht in den Wahlen ein starkes Signal für
die ganze Region. Geht Bushs Dominostrategie einer »Demokratisierung«
des Nahen Ostens doch auf?
Wer glaubt, dass mit diesen Wahlen schon der Vormarsch von Demokratie in
Irak oder in der ganzen Region begonnen hat, weiß wirklich wenig von den
betroffenen Ländern.
Wo sehen Sie jetzt die wichtigsten Aufgaben?
Es geht um die Stabilisierung des Landes, es geht um seine Unabhängigkeit,
den Rückzug der Besatzungstruppen, es geht um den Zusammenhalt Iraks, der
stark gefährdet ist. Die Dominanz der schiitischen Parteien etwa ist ein
großes Problem. Lösungen hier könnten die Grundlage sein für einen
wahrhaften Demokratisierungsprozess. Auch in der Region, in der ich war.
Man kann den Kurden keinen Vorwurf machen, dass sie sich für eine
Einheitsliste entschieden haben. Sie sind jahrhundertelang unterdrückt
worden, es gab Bürgerkrieg zwischen ihnen, da konnte für diese Wahlen
kaum anderes ausgehandelt werden. Noch konnten sich deshalb die Wähler
nicht zwischen der PUK, der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) oder
der Kommunistischen Partei entscheiden. 95 Prozent für eine Liste, wie in
jenem Wahllokal, das ich am Sonntag besucht habe, da kann man noch nicht
von wirklicher Demokratie sprechen. Und so ist es auch in anderen
Bereichen. In Irak geht es jetzt vor allem um Stabilität und um Unabhängigkeit.
Das sind die Probleme, die im Vordergrund stehen.
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Wie weiter?
Mit einem Wahlergebnis
wird im Laufe der Woche gerechnet. Die gewählte Nationalversammlung hat
erneut Übergangscharakter. Sie wählt einen Präsidenten und zwei
Stellvertreter. Der ernennt einen Interimspremier, der wiederum seine
Interimsregierung zusammenstellt. Das kann bis März dauern. Wichtigste
Aufgabe der Nationalversammlung ist die Diskussion einer neuen Verfassung.
Bis zum 15. August muss ein Entwurf vorliegen. Die Abstimmung darüber und
wiederum Neuwahlen finden Ende des Jahres statt. Sollte die Verfassung
nicht gebilligt werden, kann sich der Prozess ein weiteres Jahr hinziehen.
K. Leukefeld
(ND 01.02.05)
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