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Interview Neues Deutschland 29.01.2009
F.:
Der irakische Premier Nuri al-Maliki meint, die Provinzwahlen würden die
neue Stabilität des Landes belegen. Konnten Sie diese Stabilität in Irak
erleben?
A.:
Ich habe erfahren, dass die Zahl der Anschläge und Toten substanziell
zurückgegangen ist. Stabilität aber konnte ich nicht erkennen, denn ich
habe Panzer und Kampfhubschrauber gesehen - und unzählige Mauern, nicht
nur um die "Grüne Zone", sondern praktisch um jedes Wohnviertel in Bagdad.
Darüber hinaus ist die recht gute Vorbereitung der Provinzwahlen ganz und
gar nicht mit Sicherheit gleichzusetzen: Es sind drei Kandidatinnen und
Kandidaten getötet worden, etwa 80 Menschen wurden während der
Wahlkampagne verletzt. Zudem gibt es nach Einschätzung der
EU-Wahlexpertenmission in Irak für Journalisten praktisch keine freien
Arbeitsmöglichkeiten.
F.:
Also keine Verbesserung der Sicherheitslage?
A..:
Doch, das zeigt sich nicht nur an der verminderten Zahl von Anschlägen und
Toten, sondern auch an einer größeren Bewegungsfreiheit für Irakerinnen
und Iraker. Aber es ist eine Stabilität, die erstens auf einer massiven
Militärpräsenz vor allem der US-Amerikaner sowie der Armee und der Polizei
Iraks und zweitens den Ergebnissen der religiösen und ethnischen
"Säuberung" und Trennung beruht. Drittens - und das haben alle unseren
kritischen und unabhängigen Gesprächspartner in Irak ebenso betont wie der
stellvertretende Kommandeur der multinationalen Streitkräfte - sind alle
Konflikte ungelöst und die Gewalt kann jederzeit wieder ausbrechen.
F.:
Stichwort US-Militärpräsenz. Glauben Sie, dass sich daran unter Präsident
Obama etwas ändert?
A.:
Die bisherige Politik in Irak wird auch von Obama als erfolgreich
angesehen. Dass der US-Präsident an Pentagonchef Gates festhält, weist
darauf hin, dass er diese Strategie auch in Afghanistan anwenden will.
Daher erwarte ich in dieser Frage keine Änderungen und bin überzeugt, dass
die Stabilisierung nur scheinbar ist und keinen Erfolg darstellt.
F.:
Sie haben die Frage der religiösen Trennung angesprochen. Wie hat sich das
Verhältnis zwischen Sunniten und Schiiten entwickelt?
A.:
In diesem Verhältnis gibt es eine gewisse Entspannung. In der Bevölkerung
gab es diesen Konflikt ohnehin nicht, er ist vor allem von den USA in das
Land hinein getragen worden. Auf der politischen Ebene schwelt er aber
massiv weiter. Das zeigt sich derzeit in der Unfähigkeit des irakischen
Parlaments, einen neuen Präsidenten der Vertretung - der ein Sunnite sein
soll - zu wählen. Ein anderer Ausdruck dieser Spannungen ist, dass die
Provinz Anbar, die eine Hochburg sunnitischer Aufstände war, inzwischen
mit den USA, nicht aber der Zentralregierung zusammenarbeitet.
F.:
Iraks Regierung verweist auf Erfolge beim Wiederaufbau. Konnten Sie davon
etwas sehen?
A.:
Ich habe solche Erfolge nicht gesehen und denke, dass sie nicht
existieren. Ein ganz konkretes und makaberes Erlebnis: Parallel zu unserem
Besuch in Bagdad tobte der Gaza-Krieg. Auf der Straße hörten wir mehrfach
die Aussage: In Gaza haben sie fünf Stunden keinen Strom, aber wir haben
seit fünf Jahren keinen. Neben der praktisch fehlenden Energieversorgung
gibt es weitere dramatische Probleme. Die Arbeitslosigkeit ist horrend,
die Not großer Bevölkerungsteile entsetzlich, der wirtschaftliche Aufbau
stockt, Investitionen finden nur in ganz wenigen Bereichen und Gebieten
statt. Allerdings, und auch das muss gesagt werden, sieht es im kurdischen
Norden anders aus.
F.:
Mit der dramatischen Lage entsteht neues Konfliktpotenzial ...
A.:
Das glaube ich, und das wird auch von vielen Experten vor Ort so
eingeschätzt. Irak wird durch den gefallenen Ölpreis sehr schnell seine
Reserven aus den Vorjahren aufbrauchen, bereits in diesem Jahr besteht die
Gefahr, dass Löhne nicht mehr gezahlt und viele Infrastrukturmaßnahmen
nicht mehr durchgeführt werden können. Das wird angesichts der allgemeinen
Situation und der sozialen Not zusätzliches und gefährliches
Konfliktpotenzial entstehen lassen.
F.:
Von Geberkonferenzen oder internationalen Beratungen zur Zukunft Iraks ist
kaum noch etwas zu hören. Hat sich insbesondere der Westen mit der Lage
des Landes abgefunden?
A.:
Man muss keine Geberkonferenzen einberufen, Irak hat durch seinen
Ölreichtum eigene Möglichkeiten. Das Problem liegt auf politischem Gebiet:
Die USA haben durch ihre Invasion Irak zerrissen. Und auch Barack Obama
hat sich noch nicht von dem Plan, das Land faktisch in drei Teile zu
spalten, verabschiedet.
F.:
Wie sehen sie in diesen Zusammenhang das Engagement der EU?
A.:
Tragisch. In der "Grünen Zone" sitzen nur vier oder fünf EU-Beamte. Damit
kann weder politisch noch finanziell durch die EU eine wirkungsvolle,
sichtbare und autonome Politik betrieben werden. |