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André Brie, 27 Januar 2009; Beitrag für "DIE LINKE ZEITUNG" Salzland
Gaza: der Krieg, der Terror, die Dummheit
der Politik
Als die
Bundeskanzlerin zu Beginn des israelischen Krieges gegen den Gaza-Streifen
verkündete, die Schuld liege allein bei der Hamas, wollte ich ihre
Äußerung zunächst zynisch nennen. Dann überlegte ich, dass Dummheit
vielleicht doch die richtigere Bezeichnung sei. Etwas Dummes zu sagen,
scheint sicherlich harmloser als Zynismus. Und verharmlosen darf man
Merkels Behauptung nicht. Sie ist falsch, unverantwortlich,
menschenverachtend, ja, zynisch ist sie auch. Wenn ich dennoch von
Dummheit spreche, dann deswegen, weil sie auch von gewollter Unkenntnis
gekennzeichnet ist. Merkel und die meisten anderen Politikerinnen und
Politiker waren nie bereit, sich bei ihren zahlreichen Israel-Besuchen mal
ein paar Tage Zeit zu nehmen, um das von israelischen Mauern einbetonierte
Qalqilya im Westjordanland zu besuchen, wo Zehntausende Palästinenserinnen
und Palästinenser keine Bewegungsfreiheit haben, nicht auf ihre Felder
gelangen können, wie in einem Massengefängnis leben. Sie sind nie am
sogenannten Sicherheitszaun entlang gefahren, der - fast ausschließlich
auf palästinensischem Gebiet - die Menschen in den Westbanks von einander
und von den Krankenhäusern, Schulen, Universitäten und ihren Gemüse- und
Obstgärten trennt. Sie kennen nicht die zahllosen Straßensperren im
Westjordanland, an denen nicht selten Kranke und Schwangere in
palästinensischen Krankenwagen sterben, weil sie nicht rechtzeitig zur
Behandlung kommen, und die für Palästinenser verbotenen Straßen. Den
Gazastreifen, in dem anderthalb Millionen Menschen eingepfercht und oft
tagelang von jeder Versorgung abgeschnitten sind, kennen sie schon gar
nicht aus eigenem Erleben, sagen wir: aus dem Erleben eines Besuches, denn
wirklich erleben kann das nur, wer dort leben muss.
Wer glaubt gut
informiert zu sein, weil er die Berichte und Analysen der Zeitungen,
Ministerien, "think tanks" und Geheimdienste liest, bleibt dumm, weiß
nicht wirklich, was los ist. "Wenn die Deutschen nur einen Tag so leben
müssten", hat mir einmal eine deutsche Studentin an der palästinensischen
Universität Beirzeit gesagt, und von ihrem Alltag erzählt (in meinen
Reisetagebüchern unter andrebrie.de kann man darüber lesen). Das Gleiche
gilt für das israelische Leben in Sderot, um das propalästinensische Linke
gern einen Bogen machen, wo jahrelang täglich Dutzende Kassam-Raketen der
Hamas und anderer Fundamentalisten einschlugen. Die Bilder der getöteten
jüdischen Kinder, Frauen und Männer im Zimmer des Bürgermeisters werde ich
mein Leben lang nicht vergessen können.
Nichts ist zu
rechtfertigen. Nicht der Terrorismus und Fanatismus der Fundamentalisten,
nicht die Kriege und die Besatzungspolitik Israels. Auf keine dieser
Seiten kann man sich stellen. Die Antworten sind schwierig, und sie liegen
ganz wo anders. Beim Family Circle beispielsweise, in dem Jüdinnen und
Juden, Palästinenserinnen und Palästinenser, die ihre Kinder oder Eltern
durch den Terror und Krieg der jeweils anderen Seite verloren haben,
miteinander reden und nach Versöhnung suchen, eine Haltung, zu der eine
ungewöhnliche Menschlichkeit gehört. Oder die "Combatants for Peace",
israelische Soldaten und palästinensische Kämpfer, die sich weigern, auf
einander zu schießen, den unentwirrbaren Zyklus von Aktion und Reaktion
nicht mehr akzeptieren, Ächtung in ihren Gesellschaften hinnehmen und
stattdessen gemeinsam für Frieden kämpfen. Dazu gehört ein alles andere
als selbstverständlicher Mut. Diese Menschen sind ein Teil der Lösung,
doch die wird breiter getragen werden müssen.
Die Ziele einer
Lösung sind längst klar: Zwei Staaten, darunter ein lebens- und
wirtschaftsfähiges Palästina in den Grenzen von 1967 (oder mit
Kompromissen durch einen Gebietsausgleich), die Anerkennung Israels und
seiner Sicherheit durch die arabischen und andere islamische Staaten sowie
durch alle politischen Kräfte Palästinas, konsequenter Gewaltverzicht. Der
Weg dorthin ist kompliziert. Er wird von den Hardlinern auf beiden Seiten
blockiert und jeder vorsichtige Schritt voran durch Gewaltanwendung
zunichte gemacht. Die internationale Gemeinschaft versagt seit Jahrzehnten
gleichermaßen. Sie wendet, wie Frau Merkel, zweierlei Maß an, schweigt und
ist zu keiner gemeinsamen Politik fähig, die allein Israel zu einer
Beendigung der Besatzung veranlassen könnte. Der Wahlsieg der Hamas,
unendlich bedauerlich, aber durch die Korruption und Uneinigkeit der
Fatah-Führung und die anhaltende Unterdrückung und Demütigung der
Palästinenser erklärlich, wurde nicht anerkannt, damit das Resultat freier
und fairer Wahlen. Schlimmer hätte man den Palästinensern nicht die
westliche Doppelzüngigkeit und Geringschätzung von Demokratie
demonstrieren können. Die Kontaktsperre gegen die Hamas ist eher zu deren
Lebenselixier geworden und verhindert auch die harte politische
Auseinandersetzung mit ihrem Fundamentalismus, den palästinensische Frauen
und Intellektuelle ohnehin zuerst erfahren. Ich habe in den letzten zwei
Jahrzehnten gelegentlich doch einmal Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten
gehabt. Sie ist immer wieder im Blut unschuldiger Juden und Palästinenser
zerstört worden. Dieser erneute und so barbarische Krieg ohne jedes
Ergebnis zeigt möglicherweise endgültig, dass es so weder für Israel noch
für Palästina weiter gehen kann ohne Katastrophe. Aber wird das diesmal
begriffen? |
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