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André Brie, 23. Januar 2009; Gastkommentar für den „Nordkurier“
Obama und die EU
Barack Obama ist
zweifellos ein faszinierender Politiker. Seit Gorbatschows besten Jahren
hat keiner die Menschen weltweit so bewegt, ihnen Hoffnung gegeben und
ihre Visionen bestärkt. Doch man sollte, gerade in Europa, realistisch
bleiben, in mancher Hinsicht muss man sogar sehr skeptisch sein. Obamas
Politik wird sich innen- und außenpolitisch deutlich von jener Bushs
unterscheiden, insbesondere weil er von einer veränderung des geistigen
und politischen Klimas in den USA getragen wird. Aber hat trotz großer
demokratischer Mehrheiten mit einem widerständigen Kongress zu tun. Das
wird sich in der Klimapolitik, ebenso wie bei der Ratifizierung von
bestehenden oder neuen Abrüstungsvereinbatrungen rasch als ein ernstes
Hindernis für die Einbindung der USA in internationale Verträge erweisen.
In sein Kabinett hat er Minister aus der Ära Clinton und mit
Verteidigungsminister Gates sogar einen Bush-Vertrauten geholt, die eher
für Kontinuität als für Wandel stehen. Die Wirtschafts- und Finanzkrise
wird seinen sozialpolitischen und finanziellen Handlungsspielraum äußerst
einengen. Und er selbst hat zwar zahlreiche bedeutsame außenpolitische
Veränderungen versprochen, weniger Alleingänge der USA, mehr
Zusammenarbeit mit anderen Staaten und der UNO, internationale
Klimapolitik, Abrüstung, den Rückzug aus dem Irak, die Schließung von
Guantanmo, aber zugleich die besondere und Führungsrolle der USA in der
Welt unmissverständlich reklamiert.
Politisch,
weltwirtschaftlich und weltfinanzpolitisch mag das trotz aller Probleme
einer gigantischen inneren und äußeren Verschuldungswirtschaft
nachvollziehbar sein, bleiben die USA doch mit Abstand die größte
Volkswirtschaft und vor allem die uneingeschränkt dominierende
Militärmacht der Welt. Obwohl Obama sich in seiner Antrittsrede auf die
großen Werte der amerikanischen Revolution berief, blieb ein
entscheidender Grundsatz unerwähnt. Es waren eben die Gründungsväter der
USA, die eine Rechtsordnung schaffen wollten, in der nicht das Recht des
Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts für alle gleich gelten sollte.
Das macht auch international das Wesen von Recht aus. Solange die USA ihre
Politik nicht konsequent völkerrechtlich begrenzen, sich rechtlich nicht
als Gleicher unter Gleichen sehen, bleibt ihre Politik ein Hindernis für
notwendige Veränderungen: für die vollständige Ächtung von
Interventionismus, für eine wirksame Nichtweiterverbreitungspolitik von
Kernwaffen, die ohne die Abrüstung der Kernwaffenmächte ihren rechtlich
diskriminierenden und politisch die Schwellenmächte motivierenden
Charakter behält, für die Bekämpfung von Terrorismus durch eine
gleichberechtigte und kooperative politische Weltordnung und eine
solidarische Weltwirtschaft statt durch Krieg, die Rechtsdurchsetzung
nicht nur für die Gefangenen von Guantanamo, sondern auch im afghanischen
Bagram oder im gigantischen Flugplatzgefängnis von Bagdad, wo die USA
Zehntausende unter gleichen unrechtlichen Bedingungen festhalten. Auch der
Rückzug aus dem Irak soll nun nicht mehr schnell, sondern
„verantwortungsvoll“ erfolgen. Vor allem aber soll er mit einer
Intensivierung des Krieges in Afghanistan einhergehen. Obama möchte
offensichtlich dort erfolgreich sein, wo Bush gescheitert ist - mit den
gleichen untauglichen Mitteln.
Ein enormes Problem
für die amerikanisch-europäischen Beziehungen liegt jedoch nicht bei ihm:
Die EU und ihre Mitgliedsländer sind weder zu der viel beschworenen
Gemeinsamen Europäischen Außen- und Sicherheitspolitik bereit und fähig,
noch dazu, den USA autonomer gegenüberzutreten und sich für eine zivilere
und weltwirtschaftlich solidarische Politik einzusetzen. Feigheit vor dem
Freund. Damit werden nicht zuletzt sie es Obama schwer machen, den
versprochenen internationalen Wandel einzuleiten. Doch wenn Politik in
Bewegung kommt, kommen vielleicht auch Politiker in Bewegung: in den USA
und in Europa. |
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