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André Brie, 22. Januar 2009, Rede zur Eröffnung der Ausstellung von
Alexander Schippel in Stralendorf
Der Fotograf Alexander Schippel: Ein
genaues Auge für das Wesentliche
Sehr geehrte Damen
und Herren, sehr geehrter Herr Bürgermeister, lieber Alexander,
wenn eine Gemeinde
ihr Jubiläum feiert, denkt man über ihre eigene Geschichte nach und über
die Große Geschichte, der sie ausgeliefert war und ist. Sie hat
Stralendorf natürlich geprägt und prägt sie, wie jeder sehen kann. Doch
der Aufmerksame weiß, wie Wilhelm Raabe, dass man das Große auch im
Kleinen zu finden vermag: „Die Geschichte eines Hauses ist die Geschichte
seiner Bewohner, die Geschichte seiner Bewohner ist die Geschichte der
Zeit, in welcher sie lebten und leben, die Geschichte der Zeiten ist die
Geschichte der Menschheit...“
Ich habe das nicht
an den Anfang meiner kurzen Rede gestellt, um Stralendorf zu feiern und
über die konkreten Verbindungen zwischen seinen Bürgerinnen und Bürger und
dem Zeitenlauf nachzudenken. Das vermögen andere, und Sie, Herr
Bürgermeister vor allem, viel besser. Und ich soll ja über Alexander
Schippel und seine Fotografien reden.
Aber ich denke, dass
es eine gute Idee war, dieses Jubiläumsjahr mit dieser Ausstellung zu
beginnen. Alexander Schippel und seine Fotografien kenne ich seit sechs
Jahren. Was Wilhelm Raabe in seiner „Chronik der Sperlingsgasse“ auf
vielen Seiten literarisch getan hat, das muss ein Fotograf, wenn er es
möchte und kann, in einem Bild schaffen. Und eben dies ist es, was mich an
den Fotografien von Alexander Schippel fasziniert, was ich in ihnen zu
finden glaube. Technisch ist die Fotografie buchstäblich eine
Momentaufnahme. Doch die Bilder von Alexander Schippel sind mehr, viel
mehr. Das ist seine Kunst. Er vermag mit Menschen so umzugehen, dass sie
sich ihm öffnen, und er vermag so zu fotografieren, dass in den Bildern
nicht nur ein Moment festgehalten wird, sondern ein Charakter, ein Leben
und eine Geschichte. Er hat den Blick für das ganz Wesentliche, für den
richtigen Moment, jenen, in dem die Beziehungen eines Menschen zu seinem
Umfeld, zu seiner Arbeit, zum eigenen Leben ein Stück sichtbar werden,
oder die Beziehung, die Alexander Schippel zu ihm oder zu einer Landschaft
hat. In diesen Fotografien stecken viele Geschichten, viele Schicksale und
Haltungen.
Jede und jeder mag
anderes entdecken. Es kommen ja immer drei dabei zusammen: das Bild eines
Menschen, einer Landschaft oder eines Gebäudes, dann Alexander Schippel,
der den Moment, den Blickwinkel und die Zusammenhänge nach seinen
subjektiven und künstlerischen Eindrücken, Einsichten, Einschätzungen
auswählt und schließlich wir, die wir uns die Bilder mit unseren so
unterschiedlichen Augen, Erfahrungen und Empfindungen ansehen.
Alexander Schippel
ist beneidenswerte kaum dreißig Jahre jung. Seinen Beruf hat er an der
Freien Universität Berlin studiert. So zu sehen, eine solch genaue
Beziehung zu Menschen und Landschaften zu gewinnen, kann man, glaube ich,
nicht studieren. Ich habe mit ihm jetzt drei Jahre eng zusammengearbeitet.
Selbst in Mecklenburg geboren, in Schwerin, nur wenige Kilometer von
Stralendorf entfernt, war es für mich auch eine gute Erfahrung, dass der
gebürtige Berliner nicht nur die Vorliebe eines Besuchers oder eben eines
Fotografen für die wunderschöne Herbheit unserer Landschaften in
Mecklenburg-Vorpommern und die Gesichter der Menschen entwickelte, die sie
gestalten, mit, von und in ihnen leben, sondern eine neugierige Liebe für
sie. Er sucht seine Motive, er findet sie. Ich habe ihn dabei erlebt, wie
er Menschen aus ihrer Arbeit riss, sie stundenlang aus verschiedenen
Richtungen beobachtete, sie ausfragte, mit ihnen sprach, lachte, das Licht
und den eigenen Standort änderte. Er sucht seinen, seinen eigenen
Blickwinkel und zugleich den Blickwinkel des Menschen, mit dem er zu tun
hat. Ich habe durch ihn so viel Neues entdecken können in meiner Heimat,
so wunderbar widerspruchsvolle und - menschlich - reiche Menschen. Das hat
mich selbst in einer seltenen, manchmal auch anstrengenden Weise
bereichert. Gelegentlich durfte ich für ihn in wenigen Zeilen über diese
Menschen schreiben. Wenn ich aber dann seine Bilder sehe, zweifle ich
daran, dass ich ihnen wirklich gerecht geworden bin. In den Fotografien
steckt viel mehr und anderes.
Dass Alexander
Schippel klassisch Schwarz-Weiß fotografiert, mag in unserer von Buntheit,
Moden und Bildern überschwemmten Zeit dazu beitragen, dass er so genau
sein, dass Zufällige, vermeiden, das Wesentliche so genau treffen kann,
und es uns selbst erleichtern, ihm auf unserem eigenen Weg dorthin zu
folgen.
Wenn wir uns darauf
einlassen, und das wünsche ich dieser Ausstellung, ihren Besucherinnen und
Besuchern und Alexander Schippel, dann werden wir aber ganz farbige,
vielfältige, nuancen- und beziehungsreiche Menschen in
Mecklenburg-Vorpommern kennen lernen können, vielleicht sogar uns selbst
ein wenig mehr. |
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