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André Brie, 9. Juli
2009, Kolumne für "Neues Deutschland"
Es war eine Premiere in Berlin: Erstmals seit dem
Zweiten Weltkrieg wurde am Montag an deutsche Soldaten eine
"Tapferkeitsmedaille" verliehen. Symbolisch ausgezeichnet wurden
mit dem Ehrenzeichen, das entsetzlich an das Eiserne Kreuz erinnert, vier
in Afghanistan eingesetzte Soldaten. Sie hatten im vergangenen Herbst nach
einem Anschlag bei Kundus versucht, Menschen zu retten.
Natürlich verdient es Hochachtung, dass die Bundeswehrsoldaten unter Einsatz
ihres Lebens versuchten, verletzte afghanischen Zivilisten und ihre
Kameraden aus der Gefahrenzone zu bergen. Was allerdings bei der Zeremonie
im Bundeskanzleramt nicht gesagt wurde: Der Krieg in Afghanistan (von dem
auch nicht gesprochen wurde) hat seit 2001 weit mehr als zehntausend Tote
unter der Zivilbevölkerung,
nach Un-Angaben allein im vergangenen Jahr 2118, gefordert. Die Hoffnungen
der Afghaninnen und Afghanen auf ein Ende von mehr als dreißig Jahren Krieg, ausländischer Besatzung und sozialer Not sind mit ihnen
begraben worden. Die deutschen Einheiten sind nicht erst seit der in der
vergangenen Woche vom Bundestag genehmigten Beteiligung an AWACS-Aufklärungsflügen ebenso Teil der Militärmaschinerie in Afghanistan wie die Truppen aus anderen Staaten - ob sie
nun als Teil der NATO-geführten ISAF-Mission oder der "Anti-Terror-Operation" Enduring
Freedom unter US-Flagge agieren. In diesem Sommer wird die Zahl der
Bundeswehrsoldaten mit knapp 4.800 Mann einen neuen Höchststand erreichen und stößt damit an die Grenze des vom Bundestag Erlaubten.
Die Truppenentsendung ist Teil der "Obamaisierung"
des Afghanistan-Feldzugs. Während der neue US-Präsident offensichtlich eine Entspannung in Irak und den schrittweisen Rückzug der dortigen amerikanischen Einheiten
anstrebt (der jedoch ebenfalls völlig offen ist), setzt er am Hindukusch verstärkt auf die militärische Karte - obwohl zu Beginn seiner Amtszeit durchaus noch von neue
Elementen, wie der stärkeren finanziellen Unterstützung des zivilen und wirtschaftlichen Aufbaus, die Rede war. Letztlich
bedeutet die "neue" US-Strategie auch die endgültige Zurückdrängung
autonomer und alternativer Strategien anderer Akteure in Afghanistan,
darunter die UN und die EU, ihre beninahe vollständige Unterordnung unter die gescheiterte Politik der USA. Erst in der
Vorwoche startete eine der größten US-Militäroperationen gegen mutmaßliche und tatsächliche Taliban. Von Erfolgen, die sonst selbst bei der
"Ausschaltung" weitgehend unbedeutender lokaler Führer der Extremisten groß vermeldet wurden, hörte man diesmal nichts.
Auch das Europäische Parlament hat wiederholt darauf verwiesen, dass eine militärische "Lösung" für die Konflikte in Afghanistan nicht möglich ist und einen wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen
Wiederaufbau stark behindert oder gar ganz unmöglich macht. Schon bei meinen letzten Besuchen in dem Land am Hindukusch
musste ich eine enorme Zuspitzung der Situation konstatieren. Im
Zusammenhang mit der Präsidentenwahl im August verschärft sich die Lage nochmals.
Die Abkehr von der fortgesetzten Kriegsstrategie in
Afghanistan ist unabdingbar. Dazu muss trotz der internationalen Krise
eine massive Anhebung der zivilen, sozialen und wirtschaftlichen Unterstützung für das Land kommen und die Bereitschaft, Afghanistan selbst über seine eigenen Belange entscheiden zu lassen und
wirklich funktionierende staatliche und zivilgesellschaftliche Strukturen
zu stärken.
Und natürlich
müssen alle internationalen Akteure, auch der Iran,
in diesen Prozess einbezogen werden. Nur so hat Afghanistan eine Chance.
Das weiß
auch jede europäische
Regierung. Die EU steht daher in der Pflicht, zum neuen, alten Kurs des
US-Präsidenten nicht zu schweigen. |
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