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André
Brie, 2. Februar 2009, Beitrag für
"Freitag"
Obama, die NATO und der
Realismus
Das Zauberwort heißt Obama.
Glaubt man den zahlreichen Medienberichten, hängt die Zukunft der NATO
allein am neuen Präsidenten der USA. Tatsächlich hatte Barack Obama erst
kürzlich auf der homepage des Weißen Hauses erklärt, die NATO müsse
"reformiert und gestärkt" werden. Die Stichworte, wo dies zum Tragen
kommen sollte, lieferte der neue Herr im Oval Office gleich mit:
Afghanistan, "homeland security" und Terrorabwehr. Das lässt für die
geplante Neufassung der NATO-Strategie 2009 oder 2010 nichts Positives
erwarten.
Damit steht Barack Obama allerdings
ganz in der Tradition seines Vorgängers George Bush. Auf dessen Drängen
hatten die NATO-Staaten nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zum
bisher einzigen Mal in der Geschichte des Bündnisses den Verteidigungsfall
erklärt. Diese mehr als fragwürdige Aktion erwies sich allerdings rasch
als eher symbolisch: Die USA nutzten die NATO für eine aggressive, vor
allem gegen Russland gerichtete Erweiterungspolitik, für die politische
und propagandistische Absicherung einer offensiven Nuklearstrategie und
ihres weltweiten Hegemonialanspruchs und globalen Interventionismus unter
dem verlogenen Etikett des „Krieges gegen den Terrorismus“ sowie die
Einbindung der Bündnispartner und anderer Staaten in diese Politik. Die
reale Bedeutung der NATO für die USA, aber auch für andere
Mitgliedsländer, ihre - wie auch immer zu bewertende - Effektivität und
ihr Zusammenhalt gingen jedoch zurück. Die USA setzten auch in ihrer
NATO-Politik auf Unilateralismus, bilaterale Beziehungen oder „Koalitionen
der Willigen“. Selbst für ihr offensives Raketenstationierungsprojekt in
Polen und der Tschechischen Republik ignorierten sie die NATO. Diese
Politik wurde von den Regierungen der anderen Pakt-Staaten jedoch
toleriert und vielfach, wenngleich unterschiedlich, wie in den Kriegen
gegen Jugoslawien 1999 und den Irak, unterstützt.
Gerade in dem für Obama zentralen "Fall
Afghanistan" zeigt sich die Fragwürdigkeit und Krise der NATO. Obwohl der
Konflikt ganz offensichtlich nicht militärisch zu lösen ist, soll die NATO
dennoch ihr "Engagement" verstärken. Afghanistan wurde sogar zum
"Prüfstein" für die NATO-Strategie erklärt, obgleich gerade der dortige
Krieg zu ihrem schwächsten Glied geworden ist. Letztlich ist Afghanistan
damit zum Ausdruck für das Scheitern der NATO, ihrer nach 1991 erneuerten
Strategie sowie ihrer Unfähigkeit geworden, heutige Sicherheitsprobleme
konstruktiv, nachhaltig und nichtmilitärisch zu lösen.
Die Bruchstellen in der NATO und ihren
verschiedenen Politiken sind nach 2001 groß geworden. Einigen Regierungen
scheint sogar klar zu sein, dass die von den USA betriebene Aufnahme der
Ukraine und Georgiens zum faktischen, wenngleich nicht formalen Zerbrechen
des Paktes führen können.
Es war durchaus im Sinne der USA, die
mittel- und osteuropäischen Staaten in ihre Politik einzubeziehen und sie
in der neu aufkeimenden politischen, weltwirtschaftlichen und
finanzpolitischen Rivalität zwischen den USA und der EU für die eigene
Dominanzpolitik zu mobilisieren und zugleich die eigene Bindung an die
NATO zu lockern. Darüber hinaus hat die von den USA, Großbritannien sowie
mittel- und osteuropäischen Staaten verfolgte antirussische und
antichinesische Konfrontations- und Einkreisungspolitik zusätzliche
Differenzen hervorgebracht.
Die Versuche der NATO-Staaten, mit einer
offensiven und global interventionistischen Strategie und der Entwicklung
der entsprechenden militärischen Fähigkeiten einen Ausweg aus ihrer Krise
zu finden, machen die Allianz auf eine neue Weise zu einem Hindernis für
eine kooperative Sicherheitsgestaltung im Rahmen der UN und OSZE, für
weltweite Abrüstung und Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen (nicht
einmal die Politik der nuklearen Teilhabe, die beispielsweise der
Bundesrepublik eine vertragswidrige Mitverfügung über US-Nuklearwaffen
ermöglicht, wird aufgegeben), zu einer Bedrohung internationaler
Stabilität und Sicherheit.
Vor diesem Hintergrund gibt es drei
Zukunftsoptionen für die NATO. Die erste ist, die Politik als globale
Interventionsmacht fortzusetzen und dabei die eigenen Vertragsgrundlagen
zu missachten. Das ist jenes Konzept, dessen Durchsetzung in der neuen
NATO-Strategie sich gegenwärtig abzeichnet.
Die beiden Alternativen zu
diesem Szenario dürften angesichts gegenwärtiger Kräfteverhältnisse, der
Positionen der Regierungen, darunter praktisch auch der russischen, und
angesichts der Schwäche politischer Massenbewegungen nur sehr schwer
durchsetzbar sein. So wäre als zweite Variante über eine Transformation
der NATO zu einem gesamteuropäischen, richtiger: transatlantischen und
transeuroasiatischen, kooperativen Sicherheitssystem zu diskutieren, die
mit der Entwicklung alternativer Sicherheit im UN-Rahmen zu verknüpfen
wäre.
Die
ehrlichste Variante wäre, die 1990er Forderung nach einer Auflösung der
NATO aufzugreifen. Dafür gibt es auch eher als für eine Transformation
öffentliche Mobilisierungsfähigkeit. Der Widerstand der Regierungen und
des politischen Mainstreams wird jedoch nicht minder stark sein. Das
politische Problem dabei: Mit der Auflösung der NATO wäre konstruktiv und
alternativ nichts gewonnen. Die USA könnten ihre Politik allein und
bilateral fortsetzen. Die Politik des Unilateralismus würde vollendet,
ohne die Militarisierung der internationalen Beziehungen zu beenden und
die Ächtung von Krieg und Rüstung durchzusetzen.
So schwierig jede Variante scheint:
Tatsächliche Alternativen zur NATO in Europa und weltweit sind dringend
erforderlich. Die Debatte darüber muss gewagt und geführt werden - mit Mut
und Fähigkeit gleichermaßen zum sehr weitreichenden Ziel und zum
mühevollen Weg mit seinen vielen kleinen Schritten. Der Ausweg, die seit
1990 offenkundige Legitimationskrise der NATO durch globalen
Interventionismus zu überwinden, muss dem Bündnis auf jeden Fall verwehrt
werden. Die Bilanz der Irak-, Jugoslawien- und Afghanistankriege ist
alarmierend genug. |
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