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Interview für das "Neue
Deutschland" vom 31. Januar 2008
Sie fordern die strikte Trennung
von ISAF-Mission und den »Anti-Terror-Operationen« der USA. Ist das
angesichts der Sicherheitslage in Afghanistan nicht illusorisch?
Diese Trennung ist dringend
notwendig und für die Sicherheit im Land wäre es ein erster, wenn auch
noch unzureichender, positiver Schritt. Die US-Mission Enduring Freedom
verschärft akut die Sicherheitslage im Land und stößt bei der Bevölkerung
auf Ablehnung. Darüber hinaus werden zahlreiche internationale
Organisationen – auch die anderen internationalen Streitkräfte in
Afghanistan – diskreditiert.
Vor wenigen Wochen haben Sie
erneut Afghanistan bereist, in Kürze werden Sie Ihren Bericht im
Europaparlament vorlegen. Welche positiven und negativen Punkte werden Sie
ansprechen?
Positiv werde ich hervorheben,
dass es im Bildungs- und Gesundheitsbereich Fortschritte gibt. Auch diese
sind noch unzureichend und sehr differenziert, vor allem im Süden und
Südosten des Landes ist davon noch wenig zu spüren. Für Frauen und Mädchen
ist die Situation nach wie vor katastrophal. Vor allem aber werde ich
einen Strategiewechsel in der internationalen Gemeinschaft fordern. Es ist
unakzeptabel, dass derzeit von zehn Euro nur ein Euro in den zivilen und
wirtschaftlichen Aufbau fließt, während neun Euro für die Kampfeinsätze
ausgegeben werden. Zudem werde ich dazu aufrufen, die Rolle der
afghanischen Institutionen wesentlich zu stärken. Wir brauchen
afghanisches Eigentum, vor allem an den Entscheidungen, die dieses Land
selbst betreffen. Drittens schließlich ist die internationale Hilfe
unkoordiniert, es überwiegen insbesondere machtpolitische Interessen der
USA. Hier müssen wir eine Abstimmung in erster Linie über die UNO
erreichen, damit die Hilfe effektiver wird.
Die
Demokratisierung scheint unter der Regierung Karsai nicht voran zu kommen.
Sie haben die Situation von Frauen angesprochen, das Mediengesetz wurde
vom Präsidenten nicht unterzeichnet, ein kritischer Journalist zum Tode
verurteilt.
Es gibt ernste Rückschritte. Der
Journalist wurde ja nicht für Kritik verurteilt, er hatte nur den Koran
zugunsten von Frauenrechten interpretiert. Allein das reicht schon im
angeblich liberaleren Norden für ein Todesurteil. Die Regierung Karsai ist
nach wie vor bestenfalls eine Regierung über Kabul. Sie ist zudem
diskreditiert, weil sie sich mit Kräften verbündet hat, die für grausame
Menschenrechtsverletzungen vor allem im Bürgerkrieg verantwortlich sind.
Und sie hat ein gewaltiges Maß an Korruption und Verwaltungsunfähigkeit
aufzuweisen.
Karsai
hat faktisch die Bekämpfung der Taliban in ihren Rückzugsorten in Pakistan
gefordert. Wird sich der Krieg ausweiten?
Diese Gefahr ist groß. Man müsste,
wenn man über internationalen Terrorismus und die Gefahr der Verbreitung
von Kernwaffen spricht, den Blick ohnehin viel stärker auf Pakistan als
Afghanistan richten. Nur ist die Ausweitung von Militäraktionen keinerlei
Lösung. Berücksichtigen sollte man dabei auch, dass mit aktiver Hilfe des
Westens in diesen Regionen Pakistans 30 000
Religionsschulen finanziert und aufgebaut wurden, in denen sich
fundamentalistische Kräfte mit einer reaktionären Ideologie ausstatten.
Die Lösung kann nur im wirtschaftlichen Aufbau, in der Kultur und
Bildungsarbeit in Afghanistan und den betroffenen Gebieten in Pakistan
liegen. |