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Interview Berliner Zeitung, 29.02.2008
F: Herr Brie, in der SPD tobt die Debatte über eine
Zusammenarbeit mit der Linken im Westen. Ist Ihre Partei da überhaupt
schon regierungsfähig?
Das ist differenziert. Wir haben natürlich noch
zahlreiche Defizite. Wir haben bisher keine programmatische Klärung
erreicht, damit auch nicht die notwendige personelle Klärung. Aber die
Regierungsbeteiligung im Westen ist ja auch keine aktuelle Frage.
F: Aber die Rolle als reiner Mehrheitsbeschaffer, mit
dem man ansonsten nichts zu tun hat, die ihnen die SPD in Hessen zuweisen
will, ist doch eine traurige Rolle für eine Partei?
Das ist eine völlig unzureichende Rolle, die hoch
problematisch ist. Wir laufen Gefahr, unser Profil zu verlieren und
unsere Rolle für unsere Wähler, wenn wir ihre Forderungen nicht
realisieren. Gleichzeitig ist es ein Tabubruch, der viel schneller als
erwartet kommt und eine Dynamik ausgelöst hat, die von größter Bedeutung
für 2009 ist.
F: Also darf die hessische Linke Frau Ypsilanti unter
diesen Umständen gar nicht wählen?
Doch, wählen schon. Frau Ypsilanti steht teilweise für eine alternative
Politik, die man auch aus der Opposition unterstützen kann. Das würde
allerdings schnell zu Neuwahlen führen, und das wäre ein Problem für uns.
Wenn wir nicht gleichzeitig unsere Alternativität zur SPD deutlich
machen, drohen wir in einem solchen Konzept der SPD zu verschwinden.
F: Was sollen Ihre Parteifreunde also tun?
Frau Ypsilanti unterstützen, wo sie wirklich für eine
neue Politik steht, gleichzeitig das Profil einer zeitgemäßen Linken und
eigene realistische und praktikable Alternativen entwickeln.
F: Betrachten Sie die SPD eher als Konkurrentin oder als Partnerin für
eine linke Politik?
Wir sind erst einmal Konkurrenten. Die Agenda 2010, die Militärpolitik der
SPD sind sehr gute Gründe, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Auf der
anderen Seite ist die SPD aber auch unser strategischer Partner.
F: Können Sie die von vielen in der SPD vorgenommene
Aufteilung: Gute Linkspartei im Osten, böse im Westen nachvollziehen?
Nein. Da wird ein Popanz aufgebaut. Bei allen
Defiziten, die wir haben, weiß auch Herr Beck, dass die Linke im Westen
eine demokratische Partei ist.
F: Da ändern auch DKP-Einsprengsel nichts?
Das Problem ist weniger DKP, das Problem ist, dass wir insgesamt unsere
Klärungsprozesse vernachlässigt haben. Die alte PDS hatte da schon
beträchtliche Ergebnisse erreicht. In den jungen Landesverbänden im Westen
stehen diese Klärungsprozesse noch aus. Das gilt nicht nur für
DKP-Personal.
F: Klärungsprozesse mit Blick auf die
DDR-Vergangenheit?
Nein, viel umfassender. Entscheidend ist, dass wir ein modernes linkes
Profil entwickeln. Das schließt eine konsequente Auseinandersetzung mit
vielen alten linken Konzepten ein.
F: Reicht es nicht zu sagen: Opposition ist auch eine
wichtige Aufgabe in der Demokratie, wir konzentrieren uns darauf?
Das reicht nicht. Opposition ist eine äußerst
wichtige demokratische Funktion. Die Linke hat Wählerschichten, Interessen
und Forderungen angesprochen, die von den anderen sträflich ignoriert
worden sind. Sie trägt dazu bei, sie in das parlamentarische System zu
integrieren. Aber dauerhaft reicht es überhaupt nicht aus, für eine
Partei, die zehn und mehr Prozent der Stimmen bekommt und die vor allem
das Ziel hat, für dramatisch benachteiligte Menschen schnelle Besserungen
herbeizuführen.
F: Sie haben Oskar Lafontaine im vergangenen Jahr
vorgehalten, er wolle die Linke auf die Rolle der Protestpartei festlegen.
Sehen Sie sich bestätigt?
Die Tendenz ist immer noch stark. Das ist legitim, und kurzfristig
komfortabel, aber für die Perspektive der Partei unzureichend. Wir leben
zur Zeit sehr stark davon, dass wir Forderungen der Vergangenheit
aufgreifen, die die SPD fallen gelassen hat. Die sind bei vielen Menschen
populär. Aber gerade jüngere und gebildetere Wähler verlangen auch
Antworten, die den Entwicklungen der Globalisierung und Individualisierung
gerecht werden. Aber ich sehe da auch Fortschritte in der Linken.
F. Läuft die Linke Gefahr, ihre Identität als
ostdeutsche Regionalpartei zu verlieren?
Ja. und das wäre nicht gut. Wir haben nach wie vor zwei
Teilgesellschaften in Deutschland, kulturell, sozial, wirtschaftlich.
Allerdings zeigen neue Umfragen ja, dass wir im Osten stärkste Partei
sind. Das heißt, dass da auch neue Wähler dazukommen. Wir dürfen dieses
Potenzial nicht vernachlässigen, wenn wir ein bundesweites Profil
entwickeln.
F: Freut es Sie, dass Sie die SPD dermaßen
durcheinander bringen?
Ja, das freut mich schon. Ich war tief enttäuscht von
dem Kurs, den die SPD unter Gerhard Schröder eingeschlagen hat. Jetzt gibt
es Anzeichen für eine andere Entwicklung. Dazu hat die Linke - nicht
allein - beigetragen.
F: Glauben Sie, dass die SPD sich bis zur
Bundestagswahl noch weiter nach links öffnet?
Ich finde es zunächst einmal erstaunlich, dass das überhaupt vor der
Bundestagswahl geschehen ist. Die CDU/CSU werden den Wahlkampf ganz klar
als Lagerwahlkampf führen und die Gefahr von rot-rot-grün beschwören. Ich
glaube aber, dass die SPD jetzt in einem Prozess ist, der nicht mehr
umkehrbar ist.
F: Sehen Sie rot-rot-grün als eine realistische
Perspektive schon 2009?
Ich halte das für unwahrscheinlich, aber nicht mehr
für unmöglich.
F: Halten Sie die Argumente der SPD, weshalb die
Linke auf Bundesebene mit der SPD nicht regierungsfähig sei, für
stichhaltig und haltbar?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben noch viel in der
eigenen Partei zu leisten, aber das gilt auch für SPD und Grüne, wenn es
wirklich um eine politische Alternative gehen soll. Die gegenwärtigen
SPD-Argumente sind Wahlkampf, mehr nicht.
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Holger Schmale
Berliner Zeitung |