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André Brie, Beitrag für "parlament von links", pvl,
28.02.08
Lissabon ohne Rückfahrschein?
Eine "lebhafte Debatte" werde es in ihrer Heimat um
den EU-Reformvertrag geben, meinte die irische Präsidentin Mary McAleese
vor wenigen Tagen bei ihrem deutschen Amtskollegen Horst Köhler.
Volksentscheide über gesellschaftliche Grundfragen, und darum handelt es
sich zweifelsohne beim Lissabonner Vertrag, sind ohnehin ein
demokratisches Gebot. Sie haben zudem einen unersetzbaren Vorteil: Wo die
Menschen selbst nicht einbezogen werden, sind auch öffentliche
Auseinandersetzungen nur schwer zu organisieren. Die Linke erlebt es
derzeit in ihrem Versuch, eine Kampagne zum Vertrag zu initiieren,
schmerzlich. Volksentscheide tragen dagegen wesentlich dazu bei, dass
öffentlich und in den Medien über das Pro und Contra informiert und
debattiert wird. Anders als hierzulande, wo allein der Bundestag über das
Ende vergangenen Jahres unterzeichnete Vertragswerk entscheidet, wird es
ein Referendum über das Abkommen auf der grünen Insel geben, in keinem
weiteren Mitgliedsland der Europäischen Union. Die erklärte Zuversicht der
Staatschefin, dass die Iren dem neuen EU-Vertrag ihr Ja geben, ist
allerdings trügerisch: In jüngsten Umfragen sprachen sich nur 25 Prozent
für das Dokument aus. Zwölf Prozent lehnten es ab, und 62 Prozent hatten
sich noch keine Meinung gebildet.
Dass selbst im europafreundlichen Irland (74
Prozent der Befragten sahen in der Eurobarometer-Erhebung vom Herbst 2007
die EU-Mitgliedschaft als positiv) die Skepsis gegenüber dem Lissabonner
Vertrag so hoch ist, wirft ein Schlaglicht auf dessen Festlegungen.
Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass Institutionen, Mechanismen und
Arbeitsweise der EU auf eine neue, demokratische Basis gestellt werden
müssen. Noch immer funktioniert - oft mehr schlecht als recht - die
heutige "EU-27" nach Verfahren, die vor über 50 Jahren von den sechs
Gründungsstaaten in Rom beschlossen wurden. Noch immer ist die
Gemeinschaft vor allem Instrument der Wirtschaft, des Kapitals und der
Regierungen, die in diesem Sinne europäische Politik betreiben und soziale
Aspekte weitgehend ausblenden. Noch immer haben die Bürgerinnen und Bürger
nur begrenzte Mitsprachemöglichkeiten und auch das Europäische Parlament
ist trotz aller Verbesserungen noch nicht mit allen parlamentarischen
Rechten ausgestattet. Und immer mehr wird die EU zu einem Staatenbund, der
seine Ziele auch im globalen Rahmen aggressiv und zunehmend mit
militärischen Mitteln umsetzt. Angesichts dessen ist es nicht
überraschend, dass sich zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger in der EU
dafür aussprechen, die Gemeinschaft auf eine neue Grundlage zu stellen,
mit der die heutigen Herausforderungen zu meistern sind.
Mit der gescheiterten Verfassung und dem
Lissabonner Vertrag aber ging und geht es den Regierungen nicht um diese
dringend notwendigen Veränderungen, sondern darum, den eingeschlagenen
neoliberalen in eine rechtliche Form zu gießen. Obwohl der
Verfassungsvertrag in Frankreich und den Niederlanden im Frühjahr 2005 mit
Pauken und Trompeten durchfiel, wurde dieses Ziel nie aufgegeben. Die nach
dem Non und Nee folgende "Denkpause" nutzten die EU-Oberen, um Wege zu
finden, wie die Verfassungsinhalte doch noch zu retten sind. Schon im
Januar 2007 hatte Bundeskanzlerin Merkel die Devise ausgegeben, die
"Substanz der Verfassung" zu erhalten. Unter den halbjährigen deutschen
und portugiesischen EU-Ratspräsidentschaften 2007 ist das denn auch
gelungen.
Tatsächlich kommt mit dem Lissabonner Abkommen der
Verfassungsvertrag zur Wiedervorlage. Sicher wurden einige Formulierungen
entschärft, die "schlimmsten Passagen" sind in die Fußnoten gerutscht -
aber eben nicht verschwunden. So findet sich die Forderung nach einer "in
hohem Maße wettbewerbsfähigen Marktwirtschaft", wenngleich mit dem
Attribut sozial versehen, gleich im Artikel 2 der "Allgemeinen
Bestimmungen". Und im "Protokoll über die ständige strukturierte
Zusammenarbeit" ist die bekannte Verpflichtung zur permanenten Aufrüstung
und zur Durchführung weltweiter Militärmissionen enthalten - sogar noch
erweitert mit der Einrichtung eines "Anschubfonds", der die Kosten dafür
vorschießen soll. Die in den Verfassungsvertrag eingebettete
Grundrechtecharta, die zumindest ein verbindliches Minimum an politischen
und - einigen - sozialen Rechte fixierte, wurde dagegen zur Anlage
deklariert. Da können die EU-Spitzen noch so oft die trotzdem gegebene
Verbindlichkeit betonen - der Eindruck, das Dokument abgewertet zu haben,
bleibt. Ebenso übrigens das ungute Gefühl, wieder einmal den schärften
Gegnern einer gemeinschaftlichen Sozialpolitik wie Großbritannien und
Polen nachgegeben zu haben, für die die Grundrechtecharta gar nicht
angewendet wird, wenngleich sich die meisten anderen Regierungen in dieser
Frage nicht ungern hinter London verstecken. Was die Absage an eine
europäische Sozialunion praktisch bedeutet, hat die EU-Kommission - eher
unfreiwillig - kürzlich dokumentiert: Im Ende Februar vorgelegten
Sozialbericht musste Brüssel einräumen, dass inzwischen 19 Millionen
Kinder in der EU als arm gelten. Das noch 2000, ebenfalls in Lissabon,
verkündete Ziel, die Kinderarmut zu überwinden, wird längst nicht einmal
mehr erwähnt. Insgesamt sind in der Union 78 Millionen Menschen arm oder
armutsgefährdet.
Der Lissabonner Vertrag rettet zunächst die
Europäische Union. Wer die europäische Integration als eine historische
(aber längst noch nicht realisierte) Chance begreift und einen Rückfall in
den Nationalismus ablehnt, wird das durchaus als einen Erfolg ansehen
müssen. Doch dieser Erfolg ist kurzfristiger Natur. Der vertraglich
verfestigte Marktradikalismus treibt die Staaten ebenso in einen
Standortwettbewerb um niedrige Unternehmenssteuern und Lohnkosten
gegeneinander. Ohne demokratische Union und ohne Sozialunion wird es kein
dauerhaft vereintes Europa geben. Dieser Kampf hat erst begonnen, und er
muss notfalls auch auf der Grundlage des neuen Vertrages geführt werden. |
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