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André Brie, 17. November
2008, Beitrag zum 60. Geburtstag von Ronald Weckesser
Ronald Weckesser und seine Echos
"Das Echo der Zeit" nannte der britische
Schriftsteller Evelyn Arthur St. John Waugh Geburtstage. Das Echo der
Medien oder einiger Parteifunktionäre interessiert mich nicht. Dazu ist
von Erfahreneren, Klügeren alles gesagt, von Jean Paul beispielsweise:
"Das Echo wie der Nachruhm behalten nur die Silben eines Menschen." Und
Rabindranath Tagore: "Das Echo verspottet seinen Ursprung, um seine
Originalität zu beweisen."
Nein, ich möchte mich fragen, lieber
Ronald, was in mir widerhallt von Deinen sechzig Jahren, genauer von jenen
knapp zwanzig, als ich Dich kennengelernt hatte. Ich kann nicht über
konkrete, einprägsame oder besondere Erlebnisse mit Dir berichten. Vor
1990 kannte ich Dich nicht, und danach trafen wir uns in Diskussionen und
Veranstaltungen. Wann genau es zum ersten Mal war, weiß ich nicht. Ich
erinnere mich, wie wichtig es mir war, dass da ein Techniker, ein
Entwicklungsingenieur saß. Absolventen der Parteihochschule,
Gesellschaftswissenschaftler und frühere Funktionäre traf ich oft. Dass
auch viele Menschen dabei blieben, die einfach Kindergärtnerin, Lehrerin,
Kraftfahrer gewesen waren, viel zu selten war auch einmal ein
Produktionsarbeiter darunter, hat mich gerade 1990 ermutigt, als mir nicht
selten gar nicht Mutigsein zu Mute war, und ich dennoch Mut machen sollte.
Reihenweise traten meine Eben-Noch-Genossen aus der Partei aus, nicht
wenige Freunde darunter. In Hunderttausenden rechneten wir 1989/90 die
monatlichen Austritte. Sehr oft tat es mir weh. Ich traf Menschen, die
unbeherrschbar weinten. Einige traf ich gar nicht mehr an. Es war ein
Epochenumbruch; wir haben ihn als gewalttätigen Umbruch unseres ganzen
eigenen Lebens erlebt. War es mein vereinfachtes Materialismus- und
Marxismusverständnis, dass mir besonders auffiel, wie wenige Techniker und
Naturwissenschaftler noch mit uns zu tun haben wollten? Ich musste das
skizzieren, um wenigstens daran zu erinnern, wie wenig selbstverständlich,
wie eben doch besonders es für mich war, warum es sich mir eingeprägt hat,
als Du mir vorgestellt wurdest: in Dresden, wo der Bezirksvorstand
geschlossen hingeschmissen hatte und Christine Ostrowski mit ihren
Freundinnen und Freunden energisch die PDS von unten bewahrte und
aufrichtete.
Anderes wurde sofort und später viel
wichtiger. Du hast genörgelt, kritisch gefragt, kritisch geantwortet. Wir
versuchten, die Ruinen unserer Überzeugungen am völligen Zusammensturz zu
hindern und bauten in zahllosen Partei- und Wahlprogrammen,
Strategiepapieren, Sechs- oder Zehnpunktethesen, Arbeitsplatzvorschlägen
und was weiß ich schon wieder neue Zukunftsprojekte zusammen. Du hast nach
Realismus gefragt, nach dem Wie, dem Mit-Wem, dem Wann. Ja, Du warst (und
bist) ein ausgemachter Nörgler. Deshalb habe ich Dich damals so besonders
gebraucht, und deshalb brauche ich Dich heute. Ich weiß, ich habe es Dich
nie spüren lassen. Ich versuchte mir selbst und jenen 95 Prozent der
Partei zu helfen, die einen Halt brauchten, Du hast mir erklärt, dass so
dieser Halt auf Sand gebaut ist. Oh, geärgert habe ich mich des Öfteren
über Dich, erstrecht, wenn ich wusste, dass Du eigentlich Recht hattest.
Und gebraucht habe ich Deine Nörglerei. Das war und ist unendlich
wichtiger als der Ärger. Du warst etwas linkisch, glaube ich mich zu
erinnern, in Diskussionen. Da hatte ich es leicht, den Beifall zu
erhalten. Aber vor allem warst Du links. Du brauchtest dazu nicht die
großen Worte, schon gar nicht die großen Programme. Das konnte auch jede
und jeder spüren, wenn Du nachdenkend geschwiegen hast. Du hast unseren
Zuhörerinnen und Zuhörern selten das sagen wollen oder können, was sie
hören wollten, aber sie konnten bei Dir das viel Bedeutsamere erleben,
dass Linkssein nicht nur Ideologie und Hoffnung ist, sondern auch nach dem
Kollaps des DDR-Sozialismus praktiziert werden kann und muss.
Man konnte bei Dir etwas erleben, das
Diderot in seinem "Jacques der Fatalist und sein Herr" schildert; ich
glaube es könnte Deine Schlussfolgerungen aus der SED und Deine Art
weiterzumachen charakterisieren:
"DER HERR: Und du, was hast du gemacht?
JACQUES: Ich lief mit einem Maulknebel
durch die Stube.
DER HERR: Mit einem Maulknebel!
JACQUES: Ja, mit einem Maulknebel; und
diesem verdammten Knebel verdank ich meine Redewut. Manchmal verging eine
Woche, ohne dass einer in Jasons Haus den Mund aufgemacht hat. In ihrem
ganzen langen Leben hat Großmutter nicht mehr gesagt als „Hüte zu
verkaufen“, und Großvater, den man beim Aufkauf immer kerzengerade, die
Hände unterm Gehrock, stehen sah, hat nie ein Wort mehr gesagt als 'ein
Sou'. Es gab Tage, da war er versucht, nicht mehr an die Bibel zu glauben.
DER HERR: Warum?
JACQUES: Wegen der vielen Wiederholungen;
er hielt sie für Geschwätz und des Heiligen Geistes unwürdig. Er hat
gesagt, wer sich so oft wiederholt, ist ein Gimpel, der seine Zuhörer für
Gimpel hält."
Ein politisches Erlebnis, jenes, das sich
mir nach 1989/90 wie kein anderes eingegraben hat, verbindet sich auf die
intensivste Weise mit Dir, obwohl Du an ihm nur passiv und fast tragisch
teilnahmst. Es war der PDS-Bundestagswahlkampf 2002, unentschlossen
zwischen sich verweigernder Radikalopposition, für die es gute Gründe gab,
und anbiederdem Schielen auf ein rot-rot-grünes Bündnis, für das es nur
gute Gründe gegeben hätte, wenn man es geistig und politisch vorbereitet
hätte - bei uns und in der SPD. Alle, sehr frühen und internen Warnungen
waren missachtet oder sogar denunziert worden. Die PDS schickte ein Schiff
auf der Elbe in den Wahlkampf mit Sekt trinkenden jungen Menschen. Das war
weder ein Bild für entschiedene Opposition noch für eine Beteiligung an
einem Reformbündnis. Das war einfach ein Bild aus einer Welt, die nicht
die der linken und protestierenden Wählerinnen und Wähler und der Menschen
mit existenziellen Nöten war. An der Wahlurne, oder indem sie zu Hause
blieben, straften sie uns ab. Wie ein Menetekel hatten die Elbe und ihre
Nebenflüsse zuvor alle Ufer überflutet, als wollten sie sich gegen unsere
Dummheiten wehren, und als ob ein zweites Menetekel notwendig gewesen
wäre, lagst Du in lebensbedrohlichem Zustand im Koma. Christine brach
ihren Wahlkampf ab. Du warst wichtiger. Ronald Weckesser im
lebensbedrohenden Koma, die Partei in einem politisch-geistigen Koma.
Christine hatte Recht. Dennoch führten wir anderen loyal den Wahlkampf
weiter. Wir wussten, dass es aussichtslos war, aber zumindest wollten wir
die Möglichkeit eines Weitermachens, eines erneuten Beginns erhalten.
Als Du Deine Krankheit überwandst, die
Partei aber erstrecht in die Krise stürzte, war mir Deine Gesundung ein
Ereignis, das alles andere, obwohl es mich so umtrieb, relativierte,
erleichterte. Letzten Endes, und das musste man, das musste ich, in aller
Schärfe erfahren, auch wenn es mir immer in dieser Alternativität schwer
von den Lippen kommt, war es viel wichtiger, dass ein Mensch überlebt, als
dass eine Partei überlebt.
Dass Du ein Linker, dass Du mein und
unser Genosse bist, und ein Genosse für Oskar Maria Graf gewesen wärst,
steht für mich außer Frage. Dass Du ein widerborstiger Linker bist und
Fehler machst, auch grobe, heißt auch, dass Du ein sehr menschlicher
Linker bist. Und solche wollten wir alle nach 1989 sein. Auf Dich trifft
nicht zu, was Kardinal Retz vor ein paar Jahrhunderten über Marschall de
la Mothe meinte: "In einer Partei war er, da leicht zu lenken, gut zu
brauchen." Deshalb gehörst Du auch so sehr in die neue Linke. Deshalb
braucht die Partei Dich, brauche ich Dich. Aber Du erlebst etwas Anderes,
das Kardinal Retz, der Akteur der frühbürgerlichen Fronde, ebenfalls schon
wusste: "... ich musste im Vorbeigehen daran rühren, um Ihnen zu
vergegenwärtigen, dass es in Parteien mehr Mühe kostet, mit denen
auszukommen, die dazugehören, als jene zu bekämpfen, die dagegen sind."
Das wirst Du aushalten müssen. Ronald, das hältst Du aus. Du hast ganz
anderes geschafft, leben bleiben, physisch und politisch, das Linksbleiben
in einer Zeitenwende, bei den Menschen bleiben, vor allem bei jenen, die
ausgegrenzt und benachteiligt werden, nachdenklich, aufmerksam,
kulturvoll, kritisch und kritisiert. Ja, das ist mein Echo, unvollständig
wie jedes Echo, das ich von Ronald Weckesser höre. Auf dieses Echo und
noch mehr auf jenen, auf Dich, lieber Ronald, der es auslöst, verzichte
ich nicht.
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