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André
Brie, 16. September, Beitrag für die „Sächsische Zeitung“
Das
Ostdeutschland-Papier der CDU. Drei Fragen.
Der
Bundesvorstand der CDU hat am 15. September ein Papier zur Geschichte und
Perspektive Ostdeutschlands gebilligt, das bereits im Vorfeld öffentlich
heftig debattiert wurde. Besseres gibt es nicht. Die Forderung der CDU,
Freiheit und Demokratie kompromisslos zu verteidigen, muss Konsens sein.
Das ist auch die wichtigste Konsequenz aus der Geschichte und Realität der
DDR. Kein angeblich oder tatsächlich noch so hehrer Zweck kann Unfreiheit,
Antidemokratismus, die Missachtung der Menschenrechte und Diktatur
rechtfertigen. Daran vor allem ist die DDR gescheitert. Das hat ihre
Legitimität letzten Endes zerstört. Wenn Sozialismus, nach Marx, eine
zivilisatorisch und ökonomisch überlegene Gesellschaft bedeuten sollte, in
der die freie Entwicklung der einzelnen Bedingung für die freie
Entwicklung aller ist, dann muss die Linke, viel mehr, aber auch aus
diesen zusätzlichen Gründen, zum einen eine scharfe Kritikerin des
Diktatursozialismus sein, zum anderen die Lektion bis zum Ende lernen,
dass Freiheit und Demokratie für linke und radikal erneuerte
sozialistische Politik uneingeschränkt gelten müssen. Das ist bei weitem
kein abgeschlossener Prozess, sondern eine bleibende Aufgabe für die
sozialistische Linke. Es wäre gefährlich und würde im übrigen auch die
Zukunftsfähigkeit der Linken zerstören, wenn sie angesichts ihrer neuen
Akzeptanz bei Millionen Menschen die Verantwortung für Verbrechen,
Diktatur und wirtschaftliches Scheitern bagatellisierte, die viele ihrer
Mitglieder haben, die, wie ich, aus der SED kommen. Wie sehr allerdings
die CDU-Führung in ihrem Papier die Tiefe, Ernsthaftigkeit und Intensität
der Veränderungen in der früheren PDS und jetzigen Partei Die Linke
ignoriert, ja sogar behauptet, sie trete für „die Überwindung unserer
freiheitlich-demokratischen Grundordnung und der Sozialen Marktwirtschaft“
ein, ist langweilig, unseriös und muss wohl im Zusammenhang mit einer
beabsichtigten Neuauflage eines Rote-Socken-Wahlkampfes 2009 gesehen
werden. Viele ihrer kommunalen Vertretungen und andere Abgeordnete, die in
der Linken demokratisch verlässliche Partner haben, wissen es besser.
Es
gibt aber drei für mich entscheidende Fragen, die ich der CDU stellen
möchte, wo ich die CDU-Führung nicht verstehe.
Erstens: Es ist für mich im höchsten Maße problematisch, dass die linke
Forderung nach einem „Systemwechsel“ per se als Angriff eben auf die
freiheitliche und demokratische Ordnung der Bundesrepublik diffamiert
wird. Dass die Linke einen Systemwechsel will, wie die CDU feststellt,
kann und will ich nicht in Abrede stellen. Doch der bezieht sich auf die
Überwindung des herrschenden Marktradikalismus (Neoliberalismus), den wir
Linken selbst als Systemwechsel gegenüber dem Sozialstaatsgebot des
Grundgesetzes ansehen. Der Journalist Arno Luik hatte die von CDU/CSU,
SPD, Grünen und FDP beschlossene Politik der Agenda 2010 im „Stern“ sogar
als Putsch und „qualitativen Sprung in ein anderes Gemeinwesen“
beschrieben. Da will, ich meine, da muss die Linke schon davon sprechen
und dafür eintreten dürfen, den von den anderen Parteien vollzogenen
Systemwechsel durch die Wiedergewinnung und zukunftsorientierte Erneuerung
des Sozialstaats rückgängig machen zu wollen.
Freiheit und Demokratie sind, das muss nach parteikommunistischer und
DDR-Geschichte tatsächlich begriffen und uneingeschränkt praktiziert sein,
die unübertretbaren Grenzen für Parteienunterschiede. Ansonsten sind
Parteien natürlich parteiisch. Das ist gut. Auch wir einzelnen Menschen
haben unterschiedliche Überzeugungen und daher unterschiedliche
Schlussfolgerungen. Die Parteien unterscheiden sich nach ihren
Wertorientierungen, Weltanschauungen, Politiken. So brauchen Gesellschaft
und Demokratie sie. Doch vielleicht sollte man inzwischen schreiben: Sie
unterschieden sich. Zumindest in Deutschland sind sie sich in den
vergangenen zwei Jahrzehnten immer ähnlicher geworden. Das ist für die
Politik und insbesondere für die Demokratie, die öffentliche
Auseinandersetzung und die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an den
grundlegenden Angelegenheiten ihres Gemeinwesens zu einem sehr ernsten
Problem geworden. „Ende der Geschichte“ wurde dieses Phänomen genannt.
Inzwischen ist jedoch offensichtlich, dass auch nach dem Kollaps des
osteuropäischen Staatssozialismus nicht nur die eine oder andere Nuance
des politischen Weges verhandelt werden muss, sondern dass es angesichts
fortgesetzter und neuer radikaler wirtschaftlicher, sozialer, kultureller
und globaler Wandlungen durchaus auch um prinzipiell unterschiedliche
politische Weichenstellungen gehen kann und muss. Ralf Dahrendorf, ein
großer Liberaler, meinte schon 1994 sogar: „Es gibt Zeiten, in denen
soziale Konflikte und ihre wissenschaftliche Erörterung einen
fundamentalen oder konstitutionellen Charakter annehmen… Das war im
achtzehnten Jahrhundert der Fall…; es gilt am Ende des zwanzigsten
Jahrhunderts wieder. In solchen Zeiten stehen die Spielregeln von
Herrschaft und Gesellschaft selbst zur Diskussion.“ Ich denke, er hat
Recht. Vor solcher Auseinandersetzung sollte uns auch nicht bange sein.
Sie ist eine demokratische Chance. Die große Unterschiedlichkeit möglicher
Antworten zu verdrängen, ist dagegen gefährlich. Viele Menschen vermissen
längst die Parteiendifferenz. Zwei Drittel der Bevölkerung waren Ende 2006
der Auffassung, so der ARD-DeutschlandTREND, dass es in der Bundesrepublik
ungerecht zugehe, ein Drittel sah sich auf der Verliererseite. Erstmals
waren mehr Bürgerinnen und Bürger mit der Funktionsweise der Demokratie in
Deutschland unzufrieden als zufrieden. Diese deutschlandweite Zahl kann ja
wohl beim besten Willen nicht mehr unter DDR-Folgen verbucht werden,
sondern müsste bei allen Parteien als aktuelles Alarmsignal verstanden
werden. Eine demokratische Partei wie die CDU sollte meiner Meinung nach
den Wert und die Notwendigkeit auch von Parteien erkennen, die sich mehr
als zwillingshaft von ihr unterscheiden und einen demokratischen, aber
durchaus gesellschaftspolitischen Wettbewerb mit ihr wollen.
Zweitens: Warum ignoriert die CDU in ihrer Erklärung so sehr das
bedrohliche Ausmaß sozialer Verwerfung? Das ist in Ostdeutschland ein
besonders bedrohliches, aber längst auch ein bundesweites Problem. In
einigen ostdeutschen Regionen, Teilen der Lausitz, der Uckermark und
Vorpommerns drohen trotz großer Infrastrukturinvestitionen längst kaum
noch umkehrbare soziale, kulturelle und demografische Zerstörungen. Nein,
ich plädiere nicht für Schwarzmalerei, nur dafür Probleme zur Kenntnis zu
nehmen und sehr unterschiedliche Einschätzungen und politische
Schlussfolgerungen für legitim und notwendig zu halten und für sie im
demokratischen Wettbewerb zu streiten. Darf und muss man angesichts von
Millionen Menschen im Niedriglohnsektor, in prekären Arbeitsverhältnissen,
mit Hartz IV, nicht auch nach prinzipiellen Alternativen fragen dürfen?
Ist es nicht eine Tatsache, dass sehr, sehr viele Menschen in Deutschland
sozial ausgegrenzt sind? Dass diese Ausgrenzung vielfach an die Kinder
durch soziale Resignation und Einsamkeit oder schlechte Bildungschancen
„vererbt“ wird? Und muss man eigentlich Linker sein, dass man sich damit
nicht abfinden kann? Gesellschaftliche Spaltung dieses Ausmaßes ist nicht
nur für die Betroffenen furchtbar, sondern gefährlich und langfristig
zudem auch finanziell teuer für die ganze Gesellschaft. Es gibt
unbestreitbar so viel Positives, und seit 1990 hat sich gerade in
Ostdeutschland Entscheidendes für die Menschen getan: Freiheitsrechte,
Infrastruktur, Rettung alter Stadtzentren, Überwindung unverantwortlicher
Umweltzerstörungen, neue, hochmoderne Industrien, Zehntausende klein- und
mittelständische Unternehmen. Es gehört zu den wichtigsten Feststellungen
des Papiers, das es die Leistung der ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger
für die friedliche Revolution und diesen Wandel hervorhebt, die
tatsächliche Solidarität der ganzen Gesellschaft damit nicht vergisst,
auch wenn gleichzeitig der Eindruck erweckt wird, als wäre die CDU der
alleinige Motor oder Lenker dieser Geschichte. (Doch das verbuche ich
verständnisvoll unter Chamberlains allgemeingültigen Hinweis: „Das Prinzip
des geschichtlichen Unterrichts ist noch heute überall bei uns in Europa
die systematische Entstellung. Indem die eigenen Leistungen immer
hervorgehoben, die Errungenschaften der andern verschwiegen...“ usw.)
Doch
warum werden von der CDU-Führung diese soziale Verwerfungen und ihre
dramatischen Folgen und Gefahren so überhaupt nicht angesprochen? Sind sie
für Konservative und Liberale hinnehmbar? Für die Gesellschaft können sie
das nicht sein. Nach DGB-Angaben liegen 41,1 Prozent der
Lohnempfängerinnen und –empfänger nicht Ostdeutschland unter der
Niedriglohnschwelle, von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern gar nicht
zu reden. Die CDU-geführten Länder Thüringen und Sachsen sind Vorreiter
dieser Tendenz. Kann man Positives nicht ausdrücken, ohne solche ernsten
Fragen auch aufzuwerfen? Glaubt man denn wirklich noch immer, dass man
diese Probleme mit modernen Straßen und anderen Infrastrukturinvestitionen
oder einem Kombilohn lösen kann?
Drittens: Nun möchte ich doch noch einmal zu geschichtlichen Aspekten
zurückkehren, zu einem Thema, das mich seit längerem elektrisiert. Wenn
die CDU-Führung „konsequenten und entschlossenen Widerspruch“ gegen die
Verniedlichung der politischen Unterdrückung in der DDR verspricht, sage
ich: richtig. Und Ihr werdet dabei alles andere als allein sein. Doch
erneut: Warum soll das nur möglich sein, indem permanent „rechts- und
linksradikale Parteien“, Nationalsozialismus, Holocaust (!) und
SED-Diktatur gleichgesetzt werden? Es geht ins Detail: „Die DDR… war eine
Folge des sowjetischen Sieges im Zweiten Weltkrieg.“ Ich sehne mich nach
Richard von Weizsäcker und seiner Rede zum 8. Mai 1984 zurück, sogar nach
Helmut Kohl, der in der Zeitung „Die Welt“ am 11. Januar 1989 einen ganz
anderen Akzent gesetzt hat: „…die Teilung Deutschlands ist ja ein Ergebnis
des Zweiten Weltkrieges, den Adolf Hitler vom Zaun gebrochen hat.“ Die
Gleichsetzung von DDR und deutschem Nationalsozialismus bedeutet ja keine
besonders scharfe Auseinandersetzung mit den Verbrechen in der DDR,
sondern nur eine besonders unscharfe, falsche. Sie bagatellisiert vor
allem jedoch den Holocaust und das ganze einzigartige Ausmaß
nationalsozialistischen und rassistischen Völkermords und Krieges. Warum
können deutsche Konservative, aber wir sehen dieses Problem auch im
unsäglichen Hitler-Lafontaine-Vergleich von Helmut Schmidt, und deutsche
Linke sind ebenfalls nicht frei davon, nicht scharfe und konsequente
Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner und der DDR ohne solche
gefährlich-dummen Gleichsetzungen führen? Letzten Endes werden von solchen
Gleichsetzungen auch nur die neuen Nazis und Rassisten profitieren. Und
das lasse ich mir von niemandem einreden: Daran kann die CDU kein
Interesse haben, daran hat sie keines. |
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