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Interview für den „FREITAG“
vom 13.06.2008
FREITAG: Wie muss man sich den typischen
Einsatzfall für die Quick Reaction Force in Nordafghanistan vorstellen?
ANDRE BRIE: Ausgelöst durch militärische
Aktivitäten von Taleban, von al-Quaida oder anderen aufständischen
Gruppen, zu denen die Formationen von Gulbuddin Hekmatyar zu rechen sind,
der sich mit seiner Partei Hezb-i-Ilsamii mehr und mehr auch im Norden
regt.
Wer erteilt den Befehl für einen Einsatz?
Zunächst käme dafür das Regionalkommando
in Nordafghanistan in Frage, das von Deutschland geführt wird.
Erleben wir mit der Übernahme der
QRF-Mission durch die Bundeswehr eine qualitativ neue Stufe des deutschen
Engagements am Hindukusch?
Eindeutig ja. Die QRF-Mission bezeugt eine
schleichende Ausdehnung des militärischen Parts, den die Bundeswehr in
Afghanistan übernimmt. Schließlich kann die QRF ausdrücklich für
Kampfeinsätze angefordert werden – auch wenn die in anderen
Regionalabschnitten von ISAF stattfinden, nicht zuletzt im Süden, wo es
eine faktische Zusammenarbeit von ISAF und der von den USA geführten
Operation Enduring Freedom gibt.
Das heißt, es gibt keine klare Abgrenzung
zu Enduring Freedom. In der Konsequenz bedeutet das, die QRF-Kräfte
operieren unter Umständen außerhalb des ISAF- und damit des UN-Mandats?
Ich sehe das so, die Bundesregierung wird
es formal damit begründen, dass ISAF und OEF nach wie vor getrennt sind,
aber in der Praxis läuft das längst anders.
Hätte es darüber nicht mindestens eine
Debatte, vielleicht sogar eine gesonderte Entscheidung im Bundestag geben
müssen?
Eine Debatte sowieso, weil sich immer mehr
zeigt, dass die gesamte Afghanistan-Strategie der NATO gescheitert ist.
Auch die Tatsache, dass die Norweger, an deren Regierung die
Sozialistische Linkspartei teilnimmt, jetzt ihr QRF-Mandat abgeben, ist
ein Indiz dafür, dass die militärische Lage sich eindeutig verschlechtert
hat, wie das im Übrigen auch der Lageanalyse des Außenministeriums in Oslo
zu entnehmen ist. Das Mandat für die Bundeswehr in Afghanistan hätte auf
jeden Fall verändert werden müssen – und zwar durch das Parlament in
Berlin.
Das klingt jetzt, als gäbe es am 1. Juli
gar keinen turnusmäßigen Übergang zwischen dem norwegischen und dem
deutschen QRF-Mandat ...
Es handelt sich schon um einen planmäßigen
Übergang, nur hätte es den Norwegern auch freigestanden, die QRF-Mission
fortzusetzen, doch wollte das die Sozialistische Linkspartei als
Juniorpartei in der Regierung auf keinen Fall länger mittragen.
Sie haben gerade erst Afghanistan bereist
– wie hoch sind momentan die Risiken für die QRF, in ernsthafte
Kampfhandlungen verwickelt zu werden ?
Das Risiko nimmt besonders aus einem Grund
zu, weil eine wachsende Mehrheit der afghanischen Bevölkerung in allen
Ausländern und auch in allen ausländischen Truppen eine Gefolgschaft der
Amerikaner sieht.
Sie haben jetzt schon mehrfach von
möglichen Einsätzen der QRF im Süden Afghanistans gesprochen, damit wird
doch stillschweigend als Tatsache vollzogen, was die Bundesregierung nach
außen hin nie wollte.
So ist es. Es gibt zu meinem letzten
Bericht an das Europäische Parlament, den ich dort als
Afghanistan-Berichterstatter abgegeben habe, Änderungsanträge der
konservativen, liberalen und der sozialdemokratischen Fraktionen. Diese
große Mehrheit fordert ausdrücklich, dass alle europäischen Staaten – ohne
nationale Vorbehalte – zu Kampfeinsätzen auch in den gefährlichen Gebieten
des Südens herangezogen werden sollen. Das zeigt, wie groß der Druck ist,
und Mehrheiten im Europäischen Parlament offenbart bereit sind, ihm
nachzugeben.
Kann man von einer zentralen
Kommandogewalt sprechen, die sich bei den Operationen der Taleban
bemerkbar macht?
Die gibt es zweifellos, und die ist
offensichtlich auch effizienter geworden. Parallel dazu kommt es zu sehr
vielen dezentralen und unkoordinierten Kämpfen. Sie gehen zumeist von
lokalen Gruppen aus, die man nicht ohne weiteres den Taleban zuordnen
kann. Daneben gibt es auch die sehr gut organisierte al-Qaida, die alles
andere als identisch ist mit den Taleban. Inzwischen ist auch die
Gefolgschaft von Gulbuddin Hekmatyar sehr zentral organisiert und verfügt
über eine hohe Kampfkraft.
Gibt es Hinweise auf die politische
Strategie der Taleban. Wollen Sie zurück zu einer Ordnung, wie sie bis zum
Oktober 2001 bestanden hat?
Das ist umstritten. Natürlich gibt es
solche Kräfte unter den Taleban, andererseits existieren beträchtliche
Teile von Taleban-Fraktionen und -Führern, die ihren ideologischen
Fundamentalismus über eine Teilhabe an der gegenwärtigen Macht durchsetzen
wollen.
Bedeutet das, bestimmte Taleban-Fraktionen
ließen sich in das heutige politische System Afghanistans einbinden?
Wenn, dann mit einer sehr reaktionären
Ideologie, für die es freilich in der Regierung und in großen Teilen des
Parlaments sowohl Anknüpfungspunkte als auch Sympathisanten gibt. Es
lassen sich zudem in der Afghanistan-Politik der USA und Großbritanniens
Bestrebungen nicht übersehen, eine solche Art der Einbindung zu forcieren.
Der Weg zu einer politischen Lösung?
Wenn damit eine grundlegende Veränderung
der internationalen Strategie verbunden ist, die vom militärischen
Engagement zum zivilen Aufbau übergeht, dann ja. Es müsste jedoch eine
Eingrenzung des Fundamentalismus geben, der für die Frauen eine
verheerende Situation heraufbeschwören würde.
Wäre es für die moderaten Kräfte der
Taleban ein Signal, wenn die NATO damit beginnen würde, über eine
Exit-Strategie nachzudenken und das öffentlich?
Ich hielte dies für das aktuell
wirkungsvollste Signal, das gegenüber diesen Fraktionen ausgesandt werden
könnte.
Das Gespräch führte Lutz Herden |