|
Interview Neues
Deutschland, 9. Juli 2008
Herr Brie, das EP
hat heute den von Ihnen verfassten Afghanistan-Report diskutiert und
letztlich - allerdings ohne die von Ihnen geforderten kritischen
Bemerkungen hinsichtlich der Rolle des NATO-Streitkräfte und besonders der
Politik der USA - diskutiert und angenommen. Sehen Sie sich in ihrer
Ansicht bestätigt, dass die bisherige militärische Strategie der
NATO-Streitkräfte in Afghanistan fehlgeschlagen ist?
Es zeigt sich, dass
keine Stabilisierung der Lage erreichbar ist, wenn man immer mehr Militär
nach Afghanistan bringt. Es ist im Gegenteil so, dass immer mehr Soldaten
zu immer mehr Attentaten führten. Dies ist auch deshalb eine falsche
Politik, weil sie offensichtlich die Bevölkerung zunehmend gegen die
ausländische Präsenz aufbringt. Gerade die zwei großen NATO-Angriffe, die
am Wochenende Zeit sehr viele zivile Opfer forderten, haben bewirkt, dass
die Akzeptanz der Taliban eher gestiegen als zurückgegangen ist.
Trifft dies auf
alle Regionen des Landes zu?
Offensichtlich haben
die Taliban nicht mehr allein im Süden und Osten steigenden Einfluss zu
verzeichnen. der Anschlag auf die indische Vertretung in Kabul kann nur
erklärt werden durch eine Unterwanderung der afghanischen
Sicherheitskräfte durch die Taliban.
Auch dies zeigt,
dass die bisherige Strategie der NATO bzw. der EU gescheitert ist und es
einer neuen bedarf.
Die Mehrheit des
EP verschließt sich aber offenbar dieser Erkenntnis. Sonst hätte man den
von Ihnen angemahnten Strategiewechsel auch durch Aufnahme in den Report
zur Kenntnis nehmen und unterstützen können. Haben Sie deshalb Ihre
Unterschrift unter den Report am Ende zurückgenommen?
Der Bericht ist ja
insgesamt gut, weil er durchaus auf eine Verlagerung des Engagements auf
den zivilen Bereich orientiert. Aber den Militäreinsatz noch aus zubauen,
kann unsere Fraktion nicht gutheißen. Am Ende stimmten allein die Grünen
und wir gegen diese Linie (423:74).
Sind denn damit
jetzt überhaupt Änderungen zu erwarten, was das prinzipielle Herangehen an
den Konflikt betrifft?
Der Einfluss des EP
ist hier gering. Trotzdem sind seine kritischen Akzente sicher nicht
völlig zu ignorieren. Er wird auf jeden Fall den Druck auf die Kommission
erhöhen, die gescheiterte Herangehensweise an den Konflikt in Afghanistan
nicht einfach so weiterzufahren wie bisher.
Das Interview
führte Roland Etzel |