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André Brie, 8. Juli
2008, Afghanistan-Rede im Plenum des EP
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr
geehrte Frau Kommissarin, Herr Minster, liebe Kolleginnen und Kollegen,
beim blutigsten Anschlag seit 2001 sind
gestern in Kabul mehr als 40 Afghaninnen und Afghanen und Inder getötet
und 140 verwundet worden. Ihnen und den Familien gilt unser tiefes
Mitgefühl, den Mördern unsere Empörung. Wer nicht nur die europäischen
Medien verfolgt, sondern beispielsweise auch die heutige Ausgabe des
englischsprachigen Daily Outlook Afghanistan, weiß, dass die Gewalt in
Afghanistan noch viel umfassender und alltäglich ist. Lehrerinnen und
Lehrer werden praktisch jeden Tag erschossen. Das ist eine der zynischsten
Seiten der Taliban-Strategie. Schulen, vor allem Mädchen-Schulen werden
niedergebrannt oder ihre Schließung erzwungen, Brücken und Straßen werden
gesprengt. Nicht berichtet wurde in Europa auch der Angriff der
US-geführten Koalitionsstreitkräfte auf eine Hochzeitsfeier in der
Nangarhar Provinz am Sonntag, bei der 23 Menschen, darunter die Braut,
getötet wurden. Zu einem ähnlichen Fall in der benachbarten Nuristan
Provinz, wenige Stunden zuvor, hat Präsident Karzai, eine Untersuchung
angeordnet.
Die Sicherheit in Afghanistan hat sich in
den letzten drei Jahren dramatisch verschlechtert. Viele andere Aspekte
sind zu berücksichtigen. Ausgesprochen positive, wie die Fortschritte in
der Bildungs- und Gesundheitspolitik, regionale Erfolge beim Wiederaufbau
und bei der Bekämpfung des Drogenanbaus und -handels, die Existenz von
kritischen und unabhängigen Medien und - partiell - einer lebendigen
Zivilgesellschaft und kämpferischer Frauenorganisationen. Aber auch sehr
negative, wie der im Landesdurchschnitt auf Rekordniveau verharrende
Schlafmohnanbau, seine zunehmende Verflechtung mit den allgemeinen
Wirtschaftsstrukturen, insbesondere aber mit der ausufernden Kriminalität
und Korruption sowie den aufständischen Gruppen. Dramatisch sind die
Auswirkungen der internationalen Nahrungsmittelkrise für die meisten
Afghaninnen und Afghanen. Die Korruption reicht weit in Regierungskreise
und geht von ihnen aus. Rechtstaatlichkeit ist schwach ausgeprägt und wird
mit Guantanamo oder dem US-Gefängnis in Bagram auch von der
internationalen Politik prinzipiell in Frage gestellt. Fundamentalistische
Ideologie hat auch in einflussreichen Teilen der Regierung und des
Parlaments an Macht gewonnen und bedroht die Freiheit der Medien und
zerstört die Hoffnungen afghanischer Mädchen und Frauen auf eine
gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die grausame und
alltägliche häusliche, familiäre und lokale Gewalt gegen Frauen und
Mädchen ist ohnehin das brennendste, schlimmste und von unseren Medien am
meisten ignorierte Problem.
Es tut mir weh, aus Zeitgründen darüber
nicht anschaulicher reden zu können. Afghanistan und seine Menschen haben
unser ganzes Engagement verdient. Seit dreißig Jahre leiden sie unter
Kriegen. Mehr als anderthalb Millionen Menschen sind umgekommen. Die
internationale Gemeinschaft ist zur umfassenden Solidarität mit
Afghanistan verpflichtet. Dieser Staat und seine Gesellschaft sind durch
die Politik und den Besatzungskrieg der Sowjetunion, durch den internen
Krieg der von den USA, Pakistan, dem Iran und anderen Staaten
aufgerüsteten Mudjahedin-Gruppen, durch die finstere Herrschaft der
Taliban zerstört worden.
Unser Bericht gibt ein differenziertes
und realistisches Bild. Er würdigt die bedeutenden Erfolge der Afghaninnen
und Afghanen und benennt die Defizite der afghanischen und internationalen
Politik. Er drückt unsere weit reichende Unterstützung für die Menschen in
Afghanistan aus. Er macht unser Engagement für Demokratie und
Menschenrechte, insbesondere auch für die Rechte der afghanischen Mädchen
und Frauen, deutlich: Ganz prinzipiell, und in der notwendigen Konkretheit
für Malalai Dschoja, Pervez Kambasch und Latif Petram. Das Europäische
Parlament fordert mit diesem Bericht eine neue, alternative Strategie der
internationalen Gemeinschaft und der afghanischen Regierung, in deren
Mittelpunkt der zivilen und gesellschaftliche Wiederaufbau, die Stärkung
afghanischer Entscheidung, Rechtstaatlichkeit und Menschenrechte stehen.
Das ist die Linie, die auch der UN-Gesandte für Afghanistan Kai Eide
fordert.
Dafür und für die gute Zusammenarbeit
möchte ich mich bei den Kolleginnen und Kollegen der anderen Fraktionen,
bei der Kommission - Frau Kommissarin, Sie haben wunderbare
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kabul und Brüssel -, beim
Sondergesandten des Rates und bei vielen afghanischen und internationalen
NGOs bedanken. Das ist sehr, sehr wichtig. Ich bin über dieses Signal
unseres Hauses sehr froh.
Umso schwerer fällt es mir, dennoch
meinen Namen von dem Bericht zurückzuziehen. Es ist mir nicht gelungen,
eine Mehrheit davon zu überzeugen, dass die Probleme Afghanistans nicht
militärisch gelöst werden können. Wenn nun sogar eine parlamentarische
Mehrheit Verstärkung der Truppen gefordert wird und nationale Vorbehalte
in Mitgliedstaaten ausdrücklich missachtet werden sollen, werden das
eigentliche Anliegen des Berichtes und mein persönliches konterkariert.
Krieg ist keine Lösung. Dass dabei auch der Mehrheitswillen in allen
europäischen Bevölkerungen ignoriert werden soll, ist unakzeptabel. Für
Afghanistan, das zeigen die Ereignisse der letzten Tage, ist es ganz und
gar die falsche Politik. |
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