|
André Brie, 8. Mai 2008,
Gastbeitrag für den "Nordkurier"
Der Anschlag auf Präsident Karsai
war bei weitem nicht die blutigste Aktion während meines
Afghanistanaufenthaltes Ende April. Die englischsprachige Tageszeitung
"Daily Outlook Afghanistan", die ich jeden Morgen vor meiner Hoteltür
vorfand, berichtete täglich auf ein bis zwei Seiten über
Selbstmordanschläge, die Sprengung von Brücken, Kampfhandlungen, Morde an
Lehrerinnen und Lehrern, niedergebrannte Schulen. Davon bekommt man
außerhalb Afghanistans kaum etwas mit.
Der Angriff innerhalb der
Hochsicherheitszone während einer Militärparade wirft dennoch ein
besonderes Schlaglicht auf die aktuelle Situation des Landes. Er zeigte
zum einen, wie die afghanischen Sicherheitskräfte von terroristischen und
aufständischen Gruppen unterwandert sind. Zum anderen sind einflussreiche
Gruppen, selbst in der Regierung, offensichtlich bereit, mit diesen
Kräften gegen den Präsidenten zusammenzuarbeiten. Er und seine Regierung
sind inzwischen in weiten Teilen der Bevölkerung diskreditiert.
Es gibt sehr wichtige positive
Entwicklungen. Die grauenhafte Kindersterblichkeit ist um ein Fünftel
zurückgegangen. Mehr als sechs Millionen Kinder, darunter auch die
Mehrheit der Mädchen, können heute eine Schule besuchen. Die praktische
Umsetzung der Verfassung und der Menschenrechte, insbesondere der
Frauenrechte, ist jedoch alles andere als befriedigend. Weite Bereiche
Afghanistans, vor allem der Süden, Osten und Südwesten sind unsicher und
außer Kontrolle. Ebenso ist es die von der Regierung ausgehende Korruption.
Der Opiumanbau und Drogenhandel befindet sich auf Rekordniveau. Für viele
der Ärmsten ist er das afghanische Hartz IV. Seit Jahresbeginn sind die
Preise für Lebensmittel auf das Doppelte gestiegen. Karsais verbliebene
Stärke ist die Bestechlichkeit, Unfähigkeit und Zersplitterung der
Opposition, zu der einflussreiche Warlords gehören, die Verbrechen verübt
haben, die nicht weniger brutal als die der Taliban waren.
Mehr als sechs Jahre nach der
US-geführten Intervention ist die Bilanz ernüchternd. Es wäre höchste Zeit
die Strategie der internationalen Gemeinschaft und der afghanischen
Regierung grundlegend zu ändern. Geredet wird viel darüber, getan fast
nichts. Die geopolitischen Interessen der USA, der „Krieg gegen den
Terror“, bestimmen weiter die internationale Afghanistanpolitik, nicht die
Interessen des seit dreißig Jahren von ausländischer Einmischung und
Intervention gebeutelten afghanischen Volkes. Diese Strategie ist in der
Sackgasse und droht, Afghanistan erneut in den Abgrund zu führen.
Militärisch ist der Konflikt nicht zu gewinnen. Gesellschaftlicher Aufbau,
afghanische Entscheidung über das eigene Schicksal und eine nationale
Versöhnungspolitik sind die realistische und vernünftige Alternative. |
|