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André Brie, Artikel für "Neues Deutschland" vom 7./8. Juni 2008
Herat - eine afghanische Hoffnung?
Auf dem Flug von Kabul nach Herat
beeindrucken zunächst die gewaltigen, nahen Gletscher des Hindukusch. Dann
geht es mehr als eine Stunde über das Braun weniger hoher, aber ebenso
unwegsamer Berge. Nur die wenigen, Flusstäler ziehen sich wie dünne grüne
Adern durch das Gebirge. Wo immer sie den Felsen und dem Lehm mehr als ihr
Bett abgerungen haben, sind die sorgfältigen kleinen Vierecke der Reis-
und Weizenfelder aus der Höhe erkennbar. Die einsamen Dörfer liegen im
Geröll, um keinen Fleck des kostbaren Ackerlandes zu verschwenden. Zum
ersten Mal nach so vielen Flügen über Afghanistan fällt mir auf, wie bunt
das Braun ist. Ich finde rotes, graues, sandiges, schwarzes, gelbes,
orangenes, smaragdgrünes, weißes, goldenes, antrazithenes, sogar blaues
Braun. Mancherorts fließen die Farben fleckig ineinander, andere Male
streben sie in langen Streifen im Gestein der Hänge auseinander.
Herat sieht im Landeanflug wie ein
verführerischer Garten aus, eine Oase in der trockenen Steppe, ganz anders
als die Häuser- und Lehmhüttenwüste Kabuls. Auf einem der nördlichen Berge
sieht man die Zitadelle, die Alexander der Große auf seinem Eroberungszug
nach Indien erbauen ließ, im alten Zentrum der Stadt die vier hohen
Minarette der Musalla-Moschee aus dem 14. Jahrhundert. Dass die Stadt als
"Florenz Afghanistans" galt, hat sie jedoch ihrer strategischen Lage an
der historischen Seidenstraße und vor allem ihrer herausragenden Rolle in
der persischen, afghanischen und muslimischen Kultur zu verdanken. Einer
der berühmtesten Dichter Persiens, Dschami, und der große Miniaturmaler
Ustad Kamal-du Din Behzad lebten hier.
Unter den Kriegen der jüngsten drei
Jahrzehnte hat Herat weniger als andere afghanische Städte gelitten. Doch
schon im März 1979, ein Dreivierteljahr vor dem Einmarsch der Sowjetunion
in Afghanistan, bombardierte die Rote Armee Herat und tötete Tausende
Soldaten sowie Einwohnerinnen und Einwohner, nachdem während einer
Meuterei der afghanischen Armee unter Ismail Khan mehr als dreihundert
sowjetische Militärberater umgebracht worden waren. In Afghanistan, ich
erfahre es immer wieder, gibt es keine einfachen Geschichten. Die Taliban
steckten Ismail drei Jahre in das Gefängnis. Nach der US-amerikanischen
Militärintervention 2001 wurde er Gouverneur der Provinz. Seine
ungewöhnliche und bis heute spürbare Popularität speiste sich aus seinem
Widerstand gegen die sowjetische Besetzung und wohl noch mehr aus den
reichen Zolleinnahmen aus dem Handel mit Iran, die er einbehielt und in
Herat investierte, bis ihn Präsident Karsai absetzte und zum Minister für
Wasser und Energie machte. Malalai Joya, die mutigste und von einer
Männermehrheit verfassungswidrig aus dem Parlament ausgeschlossene
Abgeordnete der Wolesi Jirga, nannte ihn einen "Killer-Warlord und Lakaien
des iranischen Regimes".
In Karsais Regierung ist Ismail Khan
kein Einzelfall. Warlords, Kriegsverbrecher und Drogenhändler haben
dutzendfach Positionen an den Schalthebeln inne. Die meisten von ihnen
sind ehemalige Mudjahedin-Führer, die von den US-Geheimdiensten für den
Kampf gegen die Sowjetarmee ausgebildet, finanziert und aufgerüstet worden
waren. Nach dem 11. September 2001 wurden sie erneut zu Verbündeten der
USA beim Sturz der Taliban und sicherten ihren Gefolgsleuten beim
Einmarsch in Kabul einflussreiche Positionen in den Ministerien und
"nebenbei" jene Villen, die sie in ihrem verheerenden Krieg gegeneinander
in den neunziger Jahren nicht zerstört hatten. Karsai holte sie auf
Washingtoner Wunsch in die Regierung und die Führung der Armee (der als
ungewöhnlich korrupt und unfähig geltende Verteidigungsminister Wardak
besitzt die amerikanische Staatsbürgerschaft), wollte damit zugleich seine
Todfeinde einbinden. Das Ergebnis ist fatal. Der damals weithin bekannte
argentinische Lehrer, Publizist und Politiker Sarmiento hat 1845 in seinem
Buch "Barbarei und Zivilisation" über die blutigen Wirren der
argentinischen Unabhängigkeitskämpfe eine gültige Einschätzung dieser
Politik formuliert: "Zwar ist es die Regierung der Stadt, die den Titel
des Landkommandeurs verleiht, doch da die Stadt auf dem Lande eine
schwache Stellung hat, ohne Einfluss und ohne Anhänger, ernennt sie für
dieses Amt ausgerechnet diejenigen Männer, die sie am meisten fürchtet, um
sich ihres Gehorsams zu versichern - ein wohlbekanntes Verfahren aller
schwachen Regierungen, die auf diese Weise das Übel vorübergehend bannen,
mit der Folge, dass es später ins Kolossale vergrößert auftritt."
Karsais persönliche Integrität wird von
wenigen in Frage gestellt, sein Ruf jedoch ist ramponiert, zumal die
meisten Afghaninnen und Afghanen wirtschaftlich und sozial keinen
Fortschritt erleben. Die gegenwärtige Nahrungsmittelkrise trifft sie mit
elementarer Wucht. Der Preis für 50 Kilogramm Weizen ist seit Jahresbeginn
von 700 Afghani (14 US-$) auf 2500 Afghani gestiegen und macht allein ein
ganzes durchschnittliches Monatsgehalt aus, das die meisten Menschen
jedoch nicht haben. Das US-amerikanische Center for Strategic and
International Studies schätzte mit seltenem Realismus ein: "Die Afghanen
sind frustriert über ihre wirtschaftliche Lage. Sie leiden unter unsteter
Beschäftigung und wirtschaftlicher Unsicherheit, und wenden sich
unerlaubter und illegaler Aktivität zu wie Korruption und Opiumhandel."
Das und die Taliban oder andere aufständische Gruppen sind die
Arbeitsagenturen Afghanistans.
In den internationalen Medien werden
die Probleme mit abstrakten Zahlen diskutiert und nur die großen Anschläge
und Kämpfe gemeldet. Die Realität ist bei weitem schlimmer. In den
afghanischen Zeitungen wird täglich über die Zerstörung von Schulen (vor
allem jenen für Mädchen), Morde an Lehrerinnen und Lehrern berichtet, die
ein bevorzugtes Ziel der Taliban sind, über die Sprengung von Brücken,
Angriffe auf Lastkraftwagen und Baustellen. Auch die einheimischen Medien
schreiben jedoch nichts über die und grauenhafte Gewalt, der jeden Tag
Mädchen und Frauen Afghanistans ausgesetzt sind. Verbrennungen,
Selbstmorde verzweifelter Frauen, kollektive Vergewaltigungen, Morde für
die angebliche Ehre der Familie oder des Stammes sind an der Tagesordnung
und werden nicht verfolgt und nicht gesühnt, gar nicht zu reden von der
tausendfachen häuslichen Gewalt.
Weite Teile Kabuls, kilometerlang,
sind eine Aneinanderreihung von schwer bewaffneten Festungen, hinter denen
sich Botschaften, afghanische und internationale Behörden, Unternehmen,
Banken, nichtstaatliche Organisationen, Militär und Polizei verschanzt
haben. Den Einwohnerinnen und Einwohnern der Hauptstadt wird täglich die
Okkupation und Feindschaft ihnen gegenüber vor Augen geführt. Die Mehrheit
ist inzwischen ablehnend geworden gegen alle Ausländer, die als
Gefolgsleute der USA angesehen werden - alles andere als zufällig
angesichts der Unterwerfung der europäischen Politik unter die imperiale
Strategie der Bush-Administration.
Herat sieht anders aus. Die Stadt wirkt
vergleichsweise wohlhabend und gilt als sicher. Privates Gewerbe und der
Handel mit dem nahen Iran prägen ihre Wirtschaft. Doch der sehr trockene
und extrem kalte Winter ist den Pinien, die an jeder Straße stehen
anzusehen: Sie sind braun gefroren. Wenig Wasser ist in der Schneeschmelze
des Frühjahrs in die Flüsse gelangt. Dem Land und Herat steht eine Dürre
bevor, die die Nahrungsmittel noch knapper und noch teurer machen wird.
Der Schlafmohnanbau in der Provinz ist zurückgegangen. Doch die Stadt
liegt nicht mehr an der Seidenstraße, sondern an einem schmutzigen
Drogenhandelsweg. Auch dort, wo es günstiger aussieht oder gar vorangeht,
offenbart sich das Scheitern der internationalen und afghanischen
Regierungs-Politik. Fast jeder in Herat diskutiert derzeit das Gerücht,
Ismail Khan wolle den aktuellen Gouverneur Anwari stürzen und in die
lukrative und von Kabul kaum kontrollierte Provinz zurückkehren, zumindest
einen seiner Vertrauten einsetzen. Im Krankenhaus ist von den USA, der EU
und Frankreich ein beeindruckend modernes Zentrum für Brandopfer errichtet
worden. Gut ausgebildete, wunderbar engagierte Ärzte aus Europa und
Afghanistan sind hier tätig. So etwas hat es in Afghanistan noch nie
gegeben. Dass es eine solche Einrichtung geben muss, und insbesondere für
Mädchen und Frauen, die von ihren Männern mit kochendem Wasser und
brennendem Öl gefoltert werden, ist auch in Herat gebliebene Realität.
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