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Interview "Neues
Deutschland" 04.06.2008
Maximalforderungen sind kaum durchsetzbar - Abstimmung vertagt: Kritischer
Bericht zu Afghanistan erneut beraten
Am Dienstag
(03.06.2008) sollte der Auswärtige Ausschuss des Europäischen Parlaments
über den Bericht "Stabilisierung Afghanistans - Herausforderungen für die
EU und die internationale Gemeinschaft" abstimmen. Der Autor, der
Abgeordnete der LINKEN André Brie, fordert darin eine grundlegende
Umorientierung auf die zivile Unterstützung Afghanistans und den Aufbau
handlungsfähiger staatlicher Strukturen. Verlangt wird in dem Rapport
ebenso die sofortige Beendigung der Operation Enduring Freedom. Kurz vor
der Sitzung wurde die Abstimmung jedoch vertagt - um Zeit für die "Suche
nach Kompromissen" zu gewinnen. Mit dem Berichterstatter sprach für ND Uwe
Sattler.
Sie haben erst vor
kurzem erneut Afghanistan besucht. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation
ein?
Es gibt einige
Verbesserungen, die man zur Kenntnis nehmen muss. Das betrifft
insbesondere den Gesundheitsbereich und vor allem die Bekämpfung der
Kindersterblichkeit, die um ein Fünftel zurückgegangen ist. In einigen
Teilen des Landes gibt es auch gute Entwicklungen im Bildungsbereich,
allerdings nicht im Süden und Osten. Positiv zu vermerken ist auch, dass
es - wenngleich eingeschränkt - erstmals seit Jahrzehnten unabhängige,
kritische Medien gibt. Diese stehen unter großem Druck, können sich aber
behaupten. Andererseits hat sich die Sicherheitssituation in den
vergangenen drei Jahren deutlich verschlechtert, der Opiumanbau verharrt
auf Rekordniveau und prägt Politik und Wirtschaft, die staatlichen
Strukturen sind weiterhin schwach. Zudem grassiert die Korruption auf
allen Ebenen, von der Regierung bis zur Polizei vor Ort.
Auf welche Quellen
stützen Sie sich neben ihren eigenen Erkenntnissen?
Natürlich sind die
persönlichen Eindrücke und die Kontakte im Land, zur Bevölkerung, zu
kritischen Intellektuellen und Journalisten, zu afghanischen
Nichtregierungsorganisationen von zentraler Bedeutung. Sehr wichtig für
mich sind auch die Einschätzungen der internationalen
Afghanistan-Hilfsorganisationen. Daneben gibt es fundierte Analysen der
UNO-Organisationen, beispielsweise zur Drogenproblematik.
Gibt es auch
Informationen von der NATO oder dem Militär?
Ich habe mehrfach
die ISAF besucht und auch mit Angehörigen der regionalen Wiederaufbauteams
gesprochen. Allerdings sind diese Informationen zumeist sehr
propagandistisch. Deutlich seriöser sind dagegen die Einschätzungen der
EUPOL-Mission.
Die Personalstärke
von EUPOL-Afghanistan soll verdoppelt werden. Ein Schritt in die richtige
Richtung?
Wenn man will, dass
Afghanistan sieben Jahre nach dem Sturz der Taliban endlich auf eigenen
Füßen steht, ist es dringend notwendig, die afghanischen Institutionen und
die staatliche Verwaltung handlungsfähig zu machen. Das größte Problem ist
die Polizei, die nicht nur korrupt ist, sondern auch nicht in der Lage,
polizeiliche Aufgaben zu erfüllen. Die US-Amerikaner haben die Polizei
bilden in Schnellkursen paramilitärischen Einheiten aus, die dazu noch von
Taliban, Al Qaida und mafiösen Gruppen unterwandert sind. Neben der
Schaffung von Institutionen im Zivilbereich sind der überfällige Aufbau
der Polizei und des Justizwesens die Schlüsselaufgaben in Afghanistan, um
Stabilität zu erreichen.
Im EUPOL-Mandat ist
aber die Zusammenarbeit mit den militärischen Missionen ausdrücklich
vorgesehen. Birgt das nicht die Gefahr, dass auch EUPOL von den USA
vereinnahmt wird?
Diese Gefahr
betrifft die gesamte europäische Politik gegenüber Afghanistan. Es ist ihr
eigentliches Manko, dass sie sich nicht vom Washingtoner Kurs emanzipiert
und immer wieder bereit ist, sich den Amerikanern unterzuordnen. Und dies,
obwohl jeder in Europa weiß, dass der US-Kurs gescheitert ist. Zudem haben
wir in Afghanistan sehr viele Akteure, aber außer der Dominanz der USA
keine Koordinierung. Hier herrscht Handlungsbedarf.
Geht Ihr Bericht
auch auf die militärischen Operationen ein?
Für mich sind
zentrale Forderungen die sofortige Beendigung der Operation Enduring
Freedom, die Übertragung der politischen, finanziellen und
wirtschaftlichen Entscheidungskompetenzen an die afghanischen
Institutionen sowie eine deutliche Verlagerung der Unterstützung von
militärischen Mitteln hin zu zivilen. Es ist nach wie vor so, dass für
jeden Euro in zivile Hilfe neun in den Militärbereich fließen. Dringend
notwendig ist auch die Entflechtung militärischer und ziviler Hilfe,
insbesondere bei den regionalen Wiederaufbauteams. Diese Verknüpfung wird
zu einer wachsenden Gefahr für die Hilfsorganisationen.
Ist auch ein Rückzug
von ISAF nötig?
Natürlich. Es gibt
keine militärische Lösung für Afghanistans Probleme. Als Berichterstatter
des Parlaments muss ich jedoch erst einmal erreichen, dass zum einen
überhaupt kritische und realistische Positionen, zum anderen die
Interessen und Nöte der Afghaninnen und Afghanen artikuliert werden, die
seit mehr als drei Jahrzehnten Spielball ausländischer Machtpolitik sind.
Notwendig wäre, endlich über eine Exit-Strategie und die Bedingungen
afghanischer Selbstentscheidung nachzudenken, auf deren Grundlage sobald
wie möglich ein Abzug aller ausländischen Truppen erfolgen sollte.
Wie entsteht
überhaupt ein Länderbericht im Europaparlament?
In diesem Fall haben
mein Mitarbeiter und ich einen Entwurf erarbeitet, der mit Experten,
internationalen Hilfsorganisationen und afghanischen Akteuren beraten
wurde. Dann müssen die Änderungsanträge
und im Fall Afghanistans auch eine Stellungnahme des
Entwicklungsausschusses berücksichtigt
oder abgestimmt werden. Ich versuche in den Debatten des Ausschusses und
in individuellen Gesprächen andere
Abgeordnete davon zu überzeugen,
dass eine grundlegend andere Strategie erforderlich ist, die das Augenmerk
der internationalen Gemeinschaft und der afghanischen Regierung auf den
schwierigen zivilen und gesellschaftlichen Wiederaufbau Afghanistans
richtet. Aber wir wissen ja auch aus eigenen Diskussionen, dass auch gute
Argumente und gesicherte Tatsachen nicht immer wirksam sind. Das größte
Hindernis einer neuen und konstruktiven Afghanistan-Strategie ist der
europäische Devotismus gegenüber
der USA-Politik. |