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André Brie, 3. Dezember 2008
Alles Amerika,
oder was?
Im Medienbild sind die USA Schuld an der
dramatischen Weltfinanzkrise, die inzwischen die Wirtschaft niederdrückt,
Hunderttausende Arbeitsplätze zerstört und die ohnehin grauenhafte Not
vieler Menschen im Süden der Erde noch weiter verschlimmert. Die meisten
europäischen Politiker haben sich den neuen Antiamerikanismus zu Eigen
gemacht. Finanzminister Steinbrück meinte in seiner Regierungserklärung am
25. September: "Die USA sind der Ursprung der Krise, und sie sind der
Schwerpunkt der Krise." Ursachen in der deutschen und europäischen Politik
verneinte er in einem Interview mit der "Welt" ein halbes Jahr zuvor (am
13. Februar) ausdrücklich. Als ihn die Zeitung fragte "Welchen Anteil hat
die deutsche Politik daran, dass die US-Finanzkrise gerade die
öffentlich-rechtlichen Landesbanken in Deutschland so stark betrifft?",
antwortete er: "Was reden Sie denn da für einen Unsinn? Was soll die
Bundesregierung dafür können, wenn einige Manager ihre Risiken nicht
richtig einschätzen können? Denn Schuh zieh ich mir für die
Bundesregierung nicht an."
Es gibt auch für mich keinen Zweifel,
dass die Politik, die zum jetzigen Desaster geführt hat, in den USA
begonnen wurde. Aber abgesehen davon, dass ihre Ideologen reihenweise den
schwedischen Ökonomie-Nobelpreis erhielten und in Europa ihre Nachbeter an
den Wirtschaftslehrstühlen der Universitäten und in den Medien fanden,
sind doch einige mehr als wesentliche Ergänzungen an jenem Bild
erforderlich, dass Merkel, Steinbrück und ihre europäischen Kollegen von
sich zeichnen.
Erstens ist die tiefste und auch in der
Linken wenig diskutierte Ursache des jetzigen Zusammenbruchs nicht die
Profitgier einiger Bank- und Fondsmanager, ihr "wahnsinniges Streben nach
immer höherer Rendite" (noch einmal Steinbrück), die tiefste Ursache ist
auch nicht die Deregulierung der Finanzmärkte, sondern die Politik der
massiven Umverteilung von Unten nach Oben, auch und gerade in Europa. Sie
hat in den vergangenen drei Jahrzehnten gigantische finanzielle Mittel in
wenigen Händen angehäuft und gleichzeitig die Massenkaufkraft beschädigt.
Der Effekt war ein doppelter: Oben war unendlich mehr Geld (liquides
Kapital) vorhanden, als sinnvoll in der realen Wirtschaft investiert
werden konnte (die täglichen internationalen Finanzströme beispielsweise
übertrafen die internationalen Handelsströme um etwa das Hundertfache),
unten war immer weniger Geld für den Konsum da, damit eine zusätzliche
Grenze für binnenwirtschaftliches Wachstum entstanden. In den USA wurde
die Lohnquote von 1975 bis 2006 von 70,4 auf 66,3 Prozent gedrückt, in der
EU-15 von 76,3 auf 66,2 und in Japan von 80,1 auf 64,5 Prozent. Während
sich 1980 das weltweite Bruttosozialprodukt und die liquiden Finanzmittel
noch weitgehend deckten (10,1 zu 12 Billionen US-Dollar), übertrafen die
Finanzmittel 2006 das Bruttosozialprodukt um fast das Vierfache (48,3 zu
167 Billionen). Die US-Regierung und gleichermaßen, zum Teil sogar noch
stärker, die westeuropäischen Regierungen schufen diesem Kapitalüberfluss
daher neue Märkte: im Finanzbereich selbst, nicht zuletzt durch einen
Casinokapitalismus, durch Privatisierung öffentlicher Unternehmen und
Dienstleistungen, durch aggressiven Freihandelskapitalismus. Allein durch
die fortschreitende Privatisierung der Altersvorsorge flossen den
Pensionsfonds, einer der größten Quellen für die Spekulationen durch
Banken und andere Akteure, bis 2006 22,6 Billionen (!) US-Dollar zu (1992:
4,8 Billionen). Erst durch diese Politik, durch diese politisch
organisierten Verwertungsbedingungen hat sich auch die "Gier" der Manager,
Aktien- und Fondsbesitzer entladen können. Karl Marx zitierte im Kapital
den britischen Ökonomen P.J. Dunning: "Das Kapital hat einen horror vor
Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der
Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher,
und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent,
positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze
unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es
nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens." Nach zweihundert Jahren
Kapitalismus hätte man doch wenigstens das lernen können. Wer nachhaltig
erreichen will, dass Finanzdienstleistungen wieder an reale Ökonomie,
Produktion und Arbeitsplätze gekoppelt werden, muss daher vor allem für
gerechte Verteilung und Umverteilung von Oben nach Unten und die
Wiedergewinnung des öffentlichen Eigentums sorgen. Davon ist bisher weder
in den USA noch in Europa die Rede, obwohl man kein Marxist sein muss, um
zu wissen, dass die Quelle allen gesellschaftlichen Reichtums nicht das
Geld, sondern die menschliche Arbeit und die Natur sind.
Zweitens gab es eine sehr aktive
deutsche und europäische Politik zur Liberalisierung der Finanzmärkte. Sie
begann mit der "Einheitlichen Europäischen Akte 1987, mit der der
europäische Binnenmarkt zunehmend von politischer Regulierung und
gemeinsamen Regeln befreit wurde. Der Vertrag von Maastricht führte 1992
einen radikalen Monetarismus ein, der anders als das deutsche
"Stabilitätsgesetzt" von 1967 nicht mehr die gleichzeitige Orientierung an
Geldwertstabilität, Wachstum und Vollbeschäftigung, sondern nur noch
monetaristische Ziele definiert. Die Europäische Zentralbank, eine der
mächtigsten Institutionen der EU, wurde jeder politischen und
makroökonomischen Kontrolle entzogen. Anders als die US-Zentralbank wurde
sogar jede Form von öffentlicher Transparenz verweigert, werden nicht
einmal die Protokolle ihrer Sitzungen veröffentlicht. 1999 beschloss die
EU-Kommission den Plan für Finanzdienstleistungen mit 40
Liberalisierungsmaßnahmen, den die europäischen Regierungen (darunter
"Rot-Grün" in Deutschland) mit der "Lissabonstrategie ab 2000 umsetzten.
Deren erklärtes und viel zitiertes Ziel, die EU mit einem
durchschnittlichen Wachstum von 3 Prozent bis 2010 zur dynamischsten
Wirtschaftsregion der Welt zu machen, sind von Anfang an von seriösen
Analytikern als illusionär eingeschätzt worden und längst grandios
gescheitert. Die eigentlichen Ziele, Sozialabbau und Deregulierung sowie
die Schaffung eines europäischen Finanzmarktes, sind allerdings mit
Nachdruck realisiert worden und haben maßgeblich zur jetzigen Krise
beigetragen. Charakteristisch dafür ist die Europäische
Betriebsrentenrichtlinie von 2001, mit der nicht nur die gesetzliche und
soziale Altersversorgung ausgehöhlt wurde, sondern die Beiträge von
Betriebsrentensystemen dem Finanzmarkt unterworfen wurden und bis zu 70
Prozent in Aktien, darunter ausdrücklich auf Risikokapitalmärkten, und
mindestens 30 Prozent in Fremdwährungen angelegt werden sollten. Eins so
existenzielle Frage wie die Altersvorsorge wurde damit mit den Stimmen der
Konservativen, Liberalen und Sozialdemokraten im Europäischen Parlament
zum Spielball der Finanzspekulationen gemacht. Für die Sicherheit und Höhe
der Betriebsrenten wurde keine Garantie beschlossen, sondern lediglich
eine "Option" eingeräumt. In dieser alles andere als vollständigen
Aufzählung sei schließlich auch darauf hingewiesen, dass "Rot-Grün" in
Deutschland 2004 auch die Hedgefonds zuließ.
Drittens: Zwar waren es tatsächlich im
besonderen die USA, die durch ihre Finanz- und ihre imperiale
Kriegspolitik eine Verschuldungswirtschaft mit gigantischer innerer und
äußerer Verschuldung aufbauten (die USA benötigen eine tägliche
Kapitalzufuhr von 2 bis 4 Milliarden US-Dollar zur Deckung ihrer
Außendefizite; die innere Verschuldung liegt gegenwärtig bei 14 Billionen
US-Dollar), die EU verhielt sich dazu und zur Deregulierung und
Intransparenz der internationalen Finanzmärkte jedoch passiv, ihre
gelegentliche Kritik in der G8-Gruppe und anderen Foren blieb schwach und
wirkungslos, an der Deregulierung der Finanzmärkte nahm sie, wie
geschildert sogar aktiv teil. Die Möglichkeiten der europäischen
Gemeinschaftswährung und der Entwicklung eines europäischen Finanzmarktes,
Alternativen der Kontrolle und Transparenz gegen die USA zu praktizieren
und durchzusetzen, wurden nicht genutzt. Offensichtlich wollte man den
Wettbewerb mit den USA nach deren Spielregeln austragen. Auf diesem Wege
wurden die europäischen Volkswirtschaften, Rentenein- und Steuerzahler
zudem zum Financier der US-amerikanischen Defizitwirtschaft und -politik
gemacht.
Die aktuelle Finanz- und
Wirtschaftskrise hat viele andere internationale, europäische und deutsche
Seiten. Sie ist vor allem Ausdruck für die Erschöpfung und das Scheitern
der neoliberalen (marktradikalen) Politik, die seit Mitte der siebziger
Jahre ideologisch und politisch durchgesetzt wurde und ihrer Konsequenz
eines finanzgeleiteten freien Kapitalismus. In dieser Hinsicht kann die
Krise auch eine Chance sein, sowie im Chinesischen die Schriftzeichen für
Krise und Chance die gleichen sind. Sie kann dies sein, wenn der Irrweg
von Deregulierung, Privatisierung und Umverteilung nach Oben gestoppt
wird. Die Maßnahmepakete der Regierungen in den USA und in europäischen
Staaten reichen dafür bei weitem nicht aus. Ihre Wirksamkeit ist ohnehin
offen und bisher äußerst gering, sie kommen zu spät, die Konzepte sind
widersprüchlich und waren auf dem kürzlichen Finanzgipfel nur durch
aussagearme Formelkompromisse und allgemeine Absichtserklärungen kaschiert
worden. Während Billionen Dollar und Euro in beispielloser Schnelligkeit
für die Finanzsysteme locker gemacht wurden, nimmt man sich offensichtlich
sehr viel Zeit für die dringenden politischen Veränderungen, wohl in der
Hoffnung, sie nicht vornehmen zu müssen und überlässt die Realwirtschaft,
die Arbeitsplätze, die soziale Existenz von Millionen Menschen und die
Binnenkaufkraft weiter der Krise.
Trotz der enormen weltwirtschaftlichen
und finanzpolitischen Rolle der USA muss mit Lösungen nicht auf sie
gewartet werden. Vor allem die europäischen Spielräume sind groß (und in
Deutschland gäbe es genügend zusätzlichen nationalen Handlungsbedarf und
-möglichkeiten, auf die ich hier nicht eingehe). Erforderlich sind in der
EU insbesondere die Beendigung der Lissabonstrategie, des Lohnkosten- und
Unternehmenssteuerwettbewerbs der Mitgliedsländer, des Sozialabbaus, der
Deregulierung und Privatisierung und der Umverteilung des
gesellschaftlichen Reichtums nach Oben. Unzureichend ist die beabsichtigte
stärkere Kontrolle des Casino-Kapitalismus. Das Casino gehört nach Monte
Carlo oder in andere Städte, die darauf Wert legen, nicht in die
Finanzmärkte und an die Börsen. Leerverkäufe, Kreditverbriefungen und
Hedgefonds können und müssen europaweit verboten werden, Steuerbefreiungen
und -vergünstigungen für Finanzspekulationen gestrichen werden. Die
EU-Staaten können auch ohne die USA eine Devisen- und Börsenumsatzsteuer
einführen. Beträchtliche politische Möglichkeiten der EU gibt es, zur
Auszehrung der Steueroasen (davon einige in Europa) und zur Stabilisierung
der Devisenkurse beizutragen, um diese Spekulationen mit ihren
gefährlichen volkswirtschaftlichen Folgen zu begrenzen. Die Privatisierung
der Altersvorsorge muss gestoppt, die Europäische Betriebsrentenrichtlinie
grundlegend geändert werden. Die großen Privatbanken, die offensichtlich
in den kreditpolitischen Generalstreik getreten sind und ihre
wirtschaftspolitische Rolle nicht mehr erfüllen, und die
Versicherungskonzerne gehören unter staatliche Kontrolle oder in direkte
staatliche Hand. Nicht zuletzt wären starke europäische und nationale
Konjunkturprogramme erforderlich, mit denen die Massenkaufkraft und der
Binnenmarkt gestärkt, die Unsicherheit der Lohnabhängigen, Arbeitslosen
und Rentnerinnen und Rentner verringert würden, regionale
Wirtschaftskreisläufe, ortsfeste klein- und mittelständische Unternehmen
und der dringende ökologische Umbau, zum Beispiel der Autoindustrie, der
Energiewirtschaft und des Bauwesens, gefördert würden, statt die jetzige
Krise zur Rücknahme der umweltpolitischen Ziele zu nutzen, wie es die
EU-Kommission und die Regierungen tun.
Also, fangen wir hier an, bei den
Sparkassen, die den Handwerkern und kleinen Kreditnehmern das Leben schwer
machen, bei den Privatbanken und Versicherungskonzernen, in Deutschland
und in der EU, diese Politik zu ändern, mit wirklichen sozialen,
demokratischen, ökologischen, wirtschaftlichen Alternativen. Steinbrück
hatte am 25. September auch gesagt: "Niemand sollte sich täuschen: Die
Welt wird nicht wieder so werden wie vor der Krise." Doch niemand sollte
sich täuschen: Wenn man die Steinbrücks, Merkels, Bushs und Ackermänner
lässt, wird die Welt wieder so wie vor der Krise. Das wäre die Welt vor
der nächsten sozial zerstörerischen Krise.
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