ANDRÉ BRIE    
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03.11.2008: Interview des Rheinischen Merkur mit André Brie

 

Rheinischer Merkur: Ist das Tolerierungsbündnis in Hessen ein erster Schritt auf dem Weg zu einem entspannten Verhältnis zwischen der SPD und der Linken?

André Brie: Es ist ein weiterer Schritt in diese Richtung. Hessen ist das erste westdeutsche Flächenland, in dem so etwas passiert, und hat deshalb größte symbolische Bedeutung. Aber ich erwarte nicht, dass vor der Bundestagswahl 2009 ein wirklich großer Durchbruch möglich ist.

 

RM: Woran wird er scheitern?

Brie: Die SPD hat panische Angst davor, sich in einen Lagerwahlkampf mit der Linken treiben zu lassen und ist gegenwärtig nicht zu einer Linkswende bereit.

 

RM: Wie kann die Linke langfristig ein vollwertiger Partner für die SPD werden?

Brie: Es ist notwendig, die Kultur für ein solches Bündnis zu entwickeln. Einerseits benötigen wir ein dauerhaftes eigenständiges Profil jenseits der SPD. Andererseits müssen wir zu realistischer Politik und zu Kompromissen bereit sein.

 

RM: Weshalb gibt es in der Linken noch keine Kultur für ein Bündnis mit der SPD?

Brie: Wir haben unsere programmatische und strategische Orientierung noch nicht ausreichend geklärt. Dazu gehört auch, dass wir Auseinandersetzungen mit der SPD in einer Weise führen müssen, die nicht neue Gräben aufreißt.

 

RM: Trauen Sie Oskar Lafontaine zu, dass er einen Kurs der Aussöhnung mit der SPD einschlägt?

Brie: Er wird an ihm auf keinen Fall scheitern. Aus der SPD höre ich immer den Einwand, solange er Partei- und Fraktionsvorsitzender sei, werde es dazu nicht kommen. Das ist für mich kein verantwortungsvolles Argument.

 

RM: Im Moment kann die Linke viel fordern, muss aber wenig umsetzen. Das trägt zu ihrer Popularität bei. Riskiert sie diesen Erfolg nicht, wenn sie Kompromisse eingeht?

Brie: Das ist denkbar. Eben deshalb ist unser strategisches Profil so entscheidend. Und den Wählern muss man ehrlich sagen, dass viele Ziele nur langfristig zu erreichen sind und nicht schon mit einzelnen Wahlerfolgen realisiert werden können.

 

RM: Ist die Linke unehrlich?

Brie: Nein, auf kommunaler Ebene sowieso nicht. Wir haben ehrliche Konzepte, aber viele sind nicht konkret und realistisch genug, um auf die Probe gestellt zu werden. Zur Zeit fällt uns vieles durch eine Proteststimmung in der Bevölkerung und die Erosion bei den Volksparteien in den Schoß. Bloß wird das auf Dauer nicht reichen. Wir müssen eine Antwort geben auf die Frage nach einer radikal erneuerten kapitalismuskritischen Politik.

 

RM: Wie stellen Sie sich eine neue Linke des 21. Jahrhunderts vor, die diese Antwort geben kann?

Brie: Sie muss in der Kontinuität des linken Anspruchs an soziale Gleichheit und Sicherheit stehen und sich gleichzeitig der ganzen Widersprüchlichkeit heutiger Politik und den kulturellen Wandlungen der modernen Gesellschaft öffnen.

 

RM: Was unterscheidet die Linkspartei in dieser Hinsicht von der SPD?

Brie: Wir haben die sozial Ausgegrenzten nicht aufgegeben, sondern im Gegenteil in den Fokus unserer Politik gerückt. Durch Niedriglöhne, prekäre Arbeitsverhältnisse oder Hartz IV sind in Deutschland Millionen Menschen trotz sinkender Arbeitslosenzahlen aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Jetzt ist es unsere Aufgabe, darüber hinaus gehend ein modernes, linkes Profil zu entwickeln. Wir müssen eine libertäre Politik mit feministischen Inhalten und einer ökologischen Orientierung bieten. Und unsere Kritik an der aktuellen Ausrichtung von Globalisierung und Europäischer Union muss mit einer positiven Haltung zur Globalisierung und Europäisierung und ihren Chancen verbunden werden.

 

RM: Denkt die Linkspartei noch zu sehr in nationalstaatlichen Kategorien?

Brie: Ja, davon bin ich überzeugt. Teile meiner Partei erliegen der Versuchung, sich angesichts der Globalisierung wieder auf den Nationalstaat zurückzuziehen. Ich halte das für kontraproduktiv, rückwärtsgewandt und sogar gefährlich.

 

RM: Zurzeit erlebt Ihre Partei einen Erfolg nach dem anderen. Was passiert, wenn diese Serie abreißt? Gefährdet das die Existenz der Linken?

Brie: Es wäre töricht und unverantwortlich, wenn wir glaubten, für die Linke sei bereits eine dauerhafte Perspektive gesichert. Neben den erwähnten olitisch-strategischen Aufgaben, gibt es nach meiner Überzeugung ein weiteres Problem. Über die Generation von Oskar Lafontaine, Gregor Gysi und Lothar Bisky hinaus sind noch keine Persönlichkeiten in Sicht, die die Integration nach innen gewährleisten können und gleichzeitig Ausstrahlung nach außen besitzen. Das heißt nicht, dass wir keine guten Leute haben, aber diese spezifische Stärke von Personen ist nicht da.

 

RM: Sie denken weit nach vorne. Wie viel Vergangenheit der DDR steckt eigentlich heute noch in der Linkspartei?

 

Brie: Einige zehntausend Mitglieder, im positiven wie im negativen Sinne. Da gibt es viele, die das Scheitern der DDR zum Anlass genommen haben, um über eine radikal neue Politik nachzudenken. Umgekehrt gibt es aber auch viele, die aus emotionalen oder persönlichen Gründen, vielleicht auch aus politischer Beschränktheit, einfach nur rückwärtsgewandte Politik machen wollen.

 

RM: Hat die Partei mittlerweile ein positives Verhältnis zur parlamentarischen Demokratie und zum Grundgesetz?

Brie: Grundsätzlich ja, aber es ist nicht ungefährdet. Wir wollen mehr direkte Beteiligung der Bürger. Parlamentarische Demokratie ist nach unserer Vorstellung nicht ausreichend. Aber auch wenn sie aus unserer Sicht nicht die ideale Form der politischen Partizipation ist, hat sie einen unerlässlichen Wert und muss auch von uns kompromisslos verteidigt werden. Zu dieser Einsicht gehört auch die Achtung von Parteien mit anderem Profil. Wir dürfen CDU, FDP oder SPD nicht als antidemokratisch ansehen, nur weil sie andere Positionen als wir vertreten.

 

Das Gespräch führten Markus Fels und Jan Kuhlmann.

 
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