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André Brie, 3. Juni 2008, Geleitwort zum Katalog der Ausstellung
afghanischer Malerinnen "Make Art not War"
Für die Mädchen
und Frauen Afghanistans
In einem Krankenhaus der nordafghanischen Kleinstadt Imam Sahib wollte ein
alter Mann, dass ich ihn fotografiere. Er öffnete seinen weiten Mantel.
Auf seinem linken Arm lag ein winziges Neugeborenes. Dann winkte er eine
in eine Burka gehüllte Frau heran, die ihm ein zweites Baby brachte.
Zwillinge, der Alte war erkennbar stolz. 64 Jahre sei er alt, erzählte er
mir. Die blaue Burka hüllte die Frau restlos ein und verbarg auch ihr
Gesicht und die Augen, die ich hinter dem dichten Netz der Sehschlitze
nicht erkennen konnte. Doch ihre Jugendlichkeit war unverkennbar.
Mehr weiß ich nicht über sie, mehr erfuhr ich nicht. In den meisten Fällen
ist es für einen fremden Mann, gar einen Ausländer, unmöglich afghanische
Frauen anzusprechen. Aber ich kenne die Situation, in der viele von ihnen
leben und sterben: junge Mädchen, Kinder, die zur Ehe mit alten Männern
gezwungen werden, die grauenhafte und weit verbreitete häusliche Gewalt,
Schläge und Verstümmelungen mit heißem Wasser und Öl für kleine
Missgeschicke, Morde und kollektive Vergewaltigungen wegen der angeblichen
Ehre ihrer Familie oder Stammes, die täglichen Selbstmorde verzweifelter
Frauen. Die achtzehnjährige Samija erhängte sich mit einem Strick, weil
sie an einen sechzig Jahre alten Mann verkauft werden sollte. Bibi Gul
schloss sich in einen Stall ein und verbrannte sich selbst. Täglich werden
solche Fälle gemeldet, täglich bleiben die meisten von ihnen unbekannt.
Es gibt anderes im heutigen Afghanistan. Hunderttausende Mädchen, die die
Schule besuchen, streitbare Frauen im Parlament, deren mutigste, Malalai
Joya, allerdings von der Männermehrheit am 21. Mai 2007 verfassungswidrig
ausgeschlossen wurde, und es gibt, wir sehen es in diesem Katalog,
afghanische Malerinnen mit Bildern, die von mehr als Unterdrückung und
Leiden erzählen, von Zuversicht, Wärme, menschlicher Möglichkeit. Das ist
dreifach bedenkenswert. Ich kann es nur sensationell nennen, obwohl und
gerade weil dieses Wort ansonsten zur Beschreibung von Banalitäten
verkommen ist. Unter den Taliban, und nicht nur unter ihnen, galt
figürliche Kunst als blasphemisch, und wer sie schuf, musste mit dem Tod
rechnen. Dass Frauen solche Kunst lernen und ausüben konnten, war
undenkbar. Und: Woher nehmen sie ihre Lebensfreude, ihren offensichtlichen
Optimismus, ihre Wärme? Sie wissen sehr genau, wie es so vielen Mädchen
und Frauen in ihrem Land ergeht. Doch sie finden sich nicht damit ab. Sie
sind überzeugt, dass es anders werden muss und anders werden kann. Sie
haben ihre Sprache dafür gefunden, die Sprache der bildenden Kunst - für
sich, für die Frauen Afghanistans, für ein Land mit uralten, reichen
Kulturen, das versucht, sich wieder und in eine hoffentlich bessere
Zukunft zu finden. |
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