ANDRÉ BRIE    
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André Brie, 2. September 2008, Beitrag für "La Gauche" 8 

Treibhausgase und Darfur - die Auswirkungen des Klimawandels auf  internationale Sicherheit und Stabilität

 

Eigentlich hätte die Welt aufhorchen müssen, als die britische Regierung im Frühjahr ihre neue Nationale Sicherheitsstrategie (1) vorstellte. Das Königreich, so heißt es darin, werde nicht mehr unmittelbar von einem Staat bedroht. Dagegen gebe es andere Risiken, die die Sicherheit und Stabilität Großbritannien untergraben könnten. Dazu gehörten der internationale Terrorismus und regionale Konflikte, Massenvernichtungswaffen und internationale Kriminalität, demografischer Wandel und Energiekrise, Armut und Seuchen - sowie der Klimawandel, dem erstmals ein eigener Unterpunkt gewidmet ist. 

  Auch Nicolas Sarkozy (2), seit gut einem Jahr Präsident Frankreichs, nahm nur wenige Monate nach seiner Amtseinführung kein Blatt vor den Mund, als er im vergangenen November eine Rede zur Umweltproblematik hielt: "Den Klimawandel dürfen unsere Mitbürger nicht auf das Schmelzen des Schnees auf den Skipisten reduzieren“, so der Staatschef. „Klimawandel - das sind Hunderte Millionen Klimaflüchtlinge. Klimawandel bedeutet auch: eine Beschleunigung der großen Katastrophen, der Trockenperioden, der Überschwemmungen, der Zyklone und in gewisser Hinsicht auch Darfur, wo Millionen armer Menschen von Hunger und Durst getrieben in andere Regionen strömen, in denen sie mit der seit Hunderten von Jahren ansässigen Bevölkerung in Konflikt geraten. Klimawandel heißt: neue Epidemien; heißt: heftige Konflikte um den Zugang zu Wasser und Nahrung." Auch wenn Sarkozy – siehe das Festhalten seiner Staatsführung an der zivilen Nutzung der Kernenergie – fragwürdige Konsequenzen aus dem Klimawandel zieht, hat er einige seiner Folgen für die internationale Sicherheit und Stabilität, für Entspannung oder Verschärfung regionaler und sozio-ökonomisch begründeter Konflikte, für Ausweitung oder Begrenzung sozialer Krisen recht treffend beschrieben. In seinem Film "Eine unbequeme Wahrheit" verwies der frühere US-Vizepräsident Al Gore zu Recht darauf hin, dass der unfassbar blutige Krieg in Darfour bereits eng mit den Konsequenzen des Klimawandels verknüpft ist: Der einzige große See in dieser Region trocknete aus. Der existenzielle Verteilungskampf um die wenigen verbliebene Wasserquellen und Weideflächen gehört zu den Ursachen der Auseinandersetzungen.

 

Neuland in der Konfliktforschung

Tatsächlich sind die Konsequenzen des Klimawandels für Frieden und Sicherheit bislang unzureichend erforscht und werden wenig diskutiert oder in den offiziellen Sicherheitskonzepten des Westens allenfalls zur Begründung für erweiterte militärische Anstrengungen missbraucht. Sicher ist, dass die Auswirkungen nur selten unmittelbar erfolgen und durch eine Vielzahl von Faktoren verstärkt werden. Dies geht auch aus den wenigen vorliegenden - unter anderem des US-amerikanischen Center for Naval Analyses (3) und des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (4) - und zumeist auf Einzelbereiche gerichteten Untersuchungen hervor. Als ebenso gesichert wird angenommen, dass Krisen, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen, zunächst im nationalen oder regionalen Rahmen auftreten, sich dann aber (beispielsweise durch massive Zunahme von Migrationsströmen) auf die multilaterale Stabilität und Sicherheit auswirken können.

  Für mich kristallisieren sich drei zentrale Aspekte des Verhältnisses von Klimawandel und internationaler Sicherheit heraus: Zum einem geht es um Fragen der Energie- und Rohstoffversorgung sowie den damit verknüpften Auswirkungen auf das Klima. Zum anderen sind es diese Folgen selbst - und dabei insbesondere die Abnahme von Ressourcen wie Wasser, der Vormarsch der Wüsten und die Erosion von landwirtschaftlichen Anbauflächen und die daraus resultierende zunehmende Lebensmittelverknappung - die zu Konflikten führen oder bestehende verschärfen können, erstrecht wenn, wie durch die EU und die USA, als Antwort auf den Klimawandel und die begrenzten Erdölvorkommen die Brennstoffproduktion aus Zuckerrohr, Mais und anderen landwirtschaftlichen Produkten propagiert und gefördert wird. Drittens schließlich wird der Zusammenhang von Klimawandel und der offensichtlich wachsenden Zahl und Schwere von Naturkatastrophen immer offensichtlicher.

  Der erste Aspekt war jüngst durch den Kaukasus-Konflikt erneut deutlich geworden. Sicher ging - und geht - es in den Auseinandersetzungen zwischen Georgien und ihren westlichen Verbündeten einer-, Abchasien, Südossetien und Russland andererseits um eine verfehlte Nationalitätenpolitik der Vergangenheit und deren nicht verheilte Wunden, um nationales Besitzdenken, um Demonstration von politischer Macht und militärischer Stärke. Nicht zuletzt aber geht es um Energie und um den Versuch der USA und der EU, direkten Zugriff auf die Ölreserven der Region zu erlangen und den russischen Einfluss darauf zurückzudrängen. So warnte die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem Monatbericht für August 2008 vor der Auswirkung des Konfliktes im Kaukasus auf die weltweite Energieversorgung. Die  Kämpfe zwischen Russland und Georgien "bedrohen wichtige Öl- und Gaspipelines, die durch Georgien führen", so die IEA. Nicht ohne Grund nahm sich auch sofort die NATO der Kaukasus-Krise an. Und das es, um ein in seinen Auswirkungen noch gravierenderes Beispiel zu nehmen, im Krieg der USA gegen Irak nicht um Demokratie und Terrorismusbekämpfung, sondern wesentlich um das Erdöl und die Machtposition im ganzen Nahen und Mittleren Osten ging, ist nicht ernsthaft bestreitbar.

 

Kriege um Öl - und um Wasser

"Die Kriege der Zukunft werden um Wasser geführt" - das prophezeite der ehemalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros Ghali bereits in den 1980er Jahren. Und 1995 meinte der Vizepräsident der Weltbank, Ismail Serageldin, dass die Kriege in diesem Jahrhundert nicht mehr um Öl, sondern um Wasser geführt würden. Allerdings sind Konflikte um das Lebenselixier keinesfalls neu: Seit Jahrzehnten streitet sich fast ein Dutzend Staaten um das Nilwasser; zwischen den Anrainern von Euphrat und Tigris gibt es immer wieder Zwist um die Ableitung aus den Flüssen; die israelische Herrschaft über die Wasserressourcen aus Jordan und Genezareth-See heizt den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern an.

  Zu keiner Zeit aber sind die Wasserressourcen so rasant zurückgegangen wie gegenwärtig. Tatsächlich herrscht bereits heute in fast 100 Ländern akute Wasserknappheit, nach Schätzungen der UNO könnten bis 2030 insgesamt 5,4 Milliarden Menschen davon betroffen sein. Auch die durch Austrocknung und Wassermangel zunehmende Wüstenbildung ist als Bedrohung für Ackerbau und Viehhaltung kaum zu überschätzen. Kofi Annan, Nachfolger Boutros Ghalis an der UN-Spitze, warnte, dass bis zu 135 Millionen Menschen in den nächsten Jahren vor Trockenheit aus ihrer Heimat fliehen könnten – in Gebiete, in denen sie mit den Einheimischen um das dort vorhandene Wasser in Konkurrenz treten werden. Kämpfe um Wasservorkommen wurden bereits aus der Sahel-Zone und Nordafrika, aus Kenia, Somalia, Tschad, Niger, Nigeria, Burkina Faso und Mali gemeldet. Von vielen "kleineren" Auseinandersetzungen wird die Welt gar nichts erfahren.  Dramatisch ist jedoch, dass diese Konflikte zumeist in so genannten fragilen Staaten ausbrechen, denen die Ausübung grundlegender Steuerfunktionen bereits jetzt große Probleme bereitet und die kaum über Kapazitäten und Mechanismen verfügen, solche krisenhaften Entwicklungen zu managen.

  Nicht zuletzt stellt der Klimawandel Militär, Sicherheits- und Rettungskräfte sowie die Katastrophenhilfe vor neue, und in ihrer Dimension kaum abzusehende Aufgaben. Die große deutsche Assekuranz Münchener Rück, die Naturkatastrophen ganz versicherungstypisch vor allem in nüchternen Zahlen erfasst, schlug in ihrem Rückblick auf das Jahr 2005 (5) ungewöhnlich dramatische Töne an: “Die Münchener Rück weist seit langem darauf hin, dass sich bei zunehmender globaler Erwärmung außerordentliche Wetterkatastrophen häufen werden und darum mit größeren Schadenpotenzialen zu rechnen ist. Ihre Befürchtungen haben sich 2005 bestätigt.“

 

Militärische "Krisenbewältigung"?

Die Ansätze, den Klimawandel zumindest zu begrenzen, sind vielfältig und an anderer Stelle ausführlich beschrieben. Auf die Gefahren aus dem Klimawandel für Frieden und Stabilität reagiert inzwischen auch die Europäische Union – mit ihrem bekannten Muster und den mehrfach als untauglich erwiesenen Rezepten. Im März dieses Jahres hatten EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner und der Hohe Vertreter des Rats für Außen- und Sicherheitspolitik, Javier Solana, ein Positionspapier (6) vorgelegt, das zwar die Lage und Herausforderungen korrekt beschreibt, jedoch daraus diskussionswürdige Konsequenzen zieht. So heißt es: "Die EU ist aufgrund ihrer führenden Rolle in der Entwicklungspolitik und der globalen Klimapolitik sowie aufgrund des breiten Spektrums der ihr zur Verfügung stehenden Instrumente in einzigartiger Weise dafür gerüstet, auf die Auswirkungen des Klimawandels auf die internationale Sicherheit zu reagieren. Bei der Sicherheitsherausforderung kommen zudem die Stärken Europas zur Geltung, denn Europa verfügt über ein umfassendes Konzept zur Konfliktverhütung, Krisenbewältigung und Konfliktnachsorge und gehört zu den Hauptbefürwortern eines wirksamen Multilateralismus." Zumindest in der Vergangenheit hat die EU allerdings bei Krisen oder Konflikten dieses Potenzial nicht genutzt, zumindest nicht positiv. Im Gegenteil: Die friedliche Konfliktbewältigung wurde sträflich vernachlässigt (siehe beispielsweise die faktische Tatenlosigkeit im Nahostquartett), die militärische Flanke dagegen kontinuierlich ausgebaut. In ihrer Sicherheitsstrategie vom 12. Dezember 2003 "Ein sicheres Europa in einer besseren Welt" (7) verwiesen die EU-Regierungen auf Armut, Krankheiten und dramatische Umweltprobleme und schätzten ein: "Der Wettstreit um Naturressourcen - insbesondere um Wasser -, der sich durch die globale Erwärmung in den nächsten Jahrzehnten noch steigern wird, dürfte in verschiedenen Regionen der Welt für weitere Turbulenzen und Migrationsbewegungen sorgen. Die Energieabhängigkeit gibt Europa in besonderem Maße Anlass zur Sorge." Die Schlussfolgerung allerdings ist besorgniserregend: "Bei den neuen Bedrohungen wird die erste Verteidigungslinie oftmals im Ausland liegen." Auch der - bislang nicht in Kraft getretene - Lissabonner Vertrag sieht nicht nur die Pflicht zur stetigen Aufrüstung, sondern auch weltweite Einsätze zur "Krisenbewältigung" vor. Wie dies aussieht, wird nahezu täglich mit dem Vorgehen der europäischen Grenzschutzagentur FRONTEX bei der Abwehr von Migrantinnen und Migranten demonstriert, die bei dieser Form von "Krisenbewältigung" nicht selten den Tod in den Wogen des Mittelmeers finden. Wenn die EU, wie Ferrero-Waldner und Solana betonen, eine Führungsrolle bei der Bewältigung des sicherheitspolitischen Folgen des Klimawandels übernehmen sollte, muss dies misstrauisch verfolgt werden, vor allem verlangt es jedoch den entschiedenen Streit um eine grundsätzlich andere Politik der EU. Die gegenwärtige stellt nicht nur keinen ausreichenden Beitrag zur Begrenzung des Klimawandels und zu einer wirklichen ökologischen Alternative dar, sondern droht, die weltweiten Gefahren für Sicherheit und Frieden zu verschärfen.

1) http://interactive.cabinetoffice.gov.uk/documents/security/national_security_strategy.pdf

2) http://www.premier-ministre.gouv.fr/

de/information/presse_880/rede_von_staatspraesident_nicolas_57904.htm

3)  

4) http://securityandclimate.cna.org/

5) http://www.wbgu.de/wbgu_jg2007_kurz.html

6) http://www.muenchener-rueck.de/publications/302-04771_de.pdf?rdm=88798

7) http://www.consilium.europa.eu/ueDocs/cms_Data/docs/pressdata/DE/reports/99391.pdf

8) http://consilium.europa.eu/uedocs/cmsUpload/031208ESSIIDE,pdf 

 

 
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