ANDRÉ BRIE    
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Dr. André Brie: Antworten auf die Fragen eines Abiturienten (Herr Hiller, Berlin) zum Thema Afghanistan 

 

1. Wie würden Sie die Opiumstraße definieren und was macht sie Ihrer Meinung nach aus? 

Man spricht eigentlich von einer unsichtbaren Opiumstraße von Afghanistan nach Zentralasien (welche von dort dann weiter nach Europa führt). Es ist allerdings zu bezweifeln, dass das Heroin über eine Opiumstraße in den Westen eingeführt wird, denn es gibt offensichtlich mehrere Wege aus Afghanistan heraus (über Tadschikistan, Kirgisistan und Kasachstan nach Moskau ; über den Iran und dann weiter über den Balkan ; über Usbekistan ; über Pakistan).

 

2. Was sind Ihrer Meinung nach Gründe dafür, dass die Opiumstraße in Afghanistan entspringt?  

Afghanistan war 2006 das Herkunftsland von insgesamt 92 Prozent der weltweiten Opiumproduktion. Das waren 7.286 Tonnen (43 Prozent mehr als noch 2005). Im Vergleich dazu - im Jahr 2000 kamen "nur" rund 70 Prozent des weltweit angebotenen Opiums aus Afghanistan. Hintergrund ist natürlich die desaströse sicherheitspolitische, wirtschaftliche und soziale Situation des Landes.

 

3. Wie viel Anteil haben aus Ihrer Sicht die Taliban an Afghanistans Opiumproduktion? Lassen sich - überspitzt ausgedrückt - Taliban und Drogenanbau in Afghanistan mittlerweile gleichsetzen? 

Die Taliban füllen sich ihre Kriegskasse vornehmlich mit Geldern aus dem Opiumanbau. Wie das Uno-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) erklärt, zwingen die Taliban die Bauern zu Abgaben. Sie müssen eine Art Steuern an die Taliban in Höhe von zehn Prozent ihres Einkommens zahlen. Diesen Angaben zufolge soll der Drogenanbau den Taliban rund 100 Millionen US-Dollar liefern. Eine Gleichsetzung ist dennoch nicht richtig, da der Opiumanbau auch starke eigenständige Züge hat (abhängige Kleinbauern, Großproduzenten) und vor allem eng mit Regierungsvertretern, Machthabern auf Provinzebene und den Warlords (Kriegsherren) der Nordallianz verknüpft ist, die als Verbündete der USA wichtige Regierungs- und Parlamentspositionen innehaben.

 

4. Wie schätzen Sie die Rolle der Kriegsfürsten in dieser Situation ein? Meinen Sie, dass die Gelder aus der Opiumproduktion die Kriegsfürsten dazu veranlassen könnten, eine Rebellion anzuzetteln, möglicherweise sogar als Verbündete der Taliban? 

Als die Taliban im südlichen Afghanistan den Mohnanbau verboten hatten (selbst UN-Generalsekretär Kofi Annan persönlich nannte 2001 den Rückgang von Mohnanbaugebieten im Afghanistan der Taliban als "äußerst beeindruckend"), wären über 90 Prozent der Opiate aus Afghanistan auf dem Weltmarkt verschwunden. Wären, denn die Nordallianz sprang damals in dieses Vakuum ein. Genau diese Nordallianz war es dann auch welche Hauptpartner der USA im Afghanistankrieg wurde.

Neben den Taliban finanzieren sich auch die Mehrzahl der afghanischen warlords ganz offen aus Mitteln des Opiumanbaus.

 

5. Ist ein Afghanistan ohne Kriegsfürsten oder Taliban Ihrer Meinung nach möglich? Wie könnte oder sollte es nach Ihrer Meinung aussehen? 

Nach rund dreißig Jahren Krieg und gesellschaftlicher Zerstörung durch die sowjetische Intervention, einen äußerst brutalen Widerstandskampf, Bürgerkrieg, Talibanherrschaft und US-geführter Okkupation ist das afghanische Volk heute gefangen zwischen zwei inneren Feinden: den Taliban und den Kriegsfürsten. Erstere sind Gegner der USA, Zweitere sind Partner. Beide haben aber furchtbare Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen begangen.

Afghanistan braucht Hilfe, aber keine Besatzung wie derzeit, denn so wird sich die Gewaltspirale immer weiter drehen. Die Afghanen wünschen sich wirkliche Hilfe, viele wünschen sich, dass eben genannte Leute entmachtet werden, und nicht, dass sie noch mehr Macht bekommen. Momentan wird daher in Afghanistan nicht Demokratie geschaffen, sondern die Demokratie verhöhnt. Es wird nicht Terrorismus bekämpft, sondern Terror produziert. Die internationale Gemeinschaft sollte sich darauf konzentrieren, die Demokraten im Land zu unterstützen, welche in Afghanistan bedroht werden oder ihre Projekte nicht fortsetzen können, weil sie keine internationalen Geber finden. Außerdem ist Druck auf die USA notwendig, damit diese ihre falsche Politik in Afghanistan ändern. Schließlich sollte auch im Rahmen der UN versucht werden, Afghanistan's Nachbarländer davon abzuhalten, das Land weiter zu destabilisieren.

 

6. Werden die mit dem Opiumanbau in Afghanistan im Zusammenhang stehenden Probleme ernst genug von der afghanischen Regierung und den ausländischen Regierungen genommen? 

Angesichts der Tatsache, dass in Afghanistan ca. 90 Prozent des weltweiten Opiums produziert wird, und Opiumanbau und -handel inzwischen 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes bestreiten, wird dieses Problem durch die internationale Gemeinschaft sehr ernst genommen. Nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums vom Januar 2006 sind auch hohe Kreise der afghanischen Regierung in den Drogenhandel verstrickt. Die praktischen Konsequenzen und vor allem die Ergebnisse der Antidrogenpolitik sind jedoch absolut unbefriedigend.

 

7. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Schwachstellen der Drogenbekämpfungsstrategien? 

Um Afghanistans Wirtschaft vom Opiumanbau unabhängig zu machen sind Maßnahmen nötig, die nicht die Bauern bestrafen, sondern die Drahtzieher des Opiumhandels. Bislang angewandte Methoden waren wenig, wenn überhaupt, erfolgreich und zu kurz gedacht oder landwirtschaftspolitisch sogar kontraproduktiv. Dies betrifft insbesondere die aktionistischen Vernichtungsfeldzüge (hauptsächlich der USA). Um Afghanistans Opiumanbau wieder zurück zu drängen, muss nicht nur der Staat gestärkt und die allgegenwärtige Korruption reduziert werden, sondern den Bauern müssen langfristige Alternativen geboten werden. Die internationale Gemeinschaft und die afghanische Regierung sollten gemeinsam eine langfristige Strategie entwickeln, die in erster Linie auf eine umfassende ländliche Entwicklung, einschließlich Schaffung der erforderlichen Infrastruktur und funktionierender Verwaltungseinrichtungen, abzielt.

Vorschläge für alternative Strategien zur Drogenbekämpfung gibt es zahlreiche (insbesondere von vor Ort agierenden Nichtregierungsorganisationen), und diese basieren teilweise auf bereits in anderen Ländern gemachten positiven Erfahrungen. Thailand hatte damals z. Bsp. nicht nur bessere Zugänge zu Märkten, Krediten, Schulen und zum Gesundheitssystem für die Bauern geschaffen habe, sondern sie in die Strategien zum Stopp des Opiumanbaus von Beginn an als gleichwertige Partner integriert.

 

8. Sehen Sie positive Aspekte des Opiumanbaus in Afghanistan? Wenn ja, welche? 

Nein !

 

9. Können Sie sich ein friedliches Afghanistan mit dem Ausmaß der momentanen Opiumproduktion vorstellen oder vielleicht mit auch mit etwas weniger? 

Ebenfalls: nein. Drogenproduktion und -handel sind eine wesentliche Destabilisierungsursache, werden dafür auch bewusst von Taliban und Warlords genutzt, Finanzierungsquelle des Terrorismus und der bewaffneten Gruppen, und sind mit der Korruption auf allen Ebenen verknüpft, die dramatisches Ausmaß hat und selbst Ausgangspunkt der Instabilität des Landes ist.

Aber in Afghanistan den Opiumanbau verschärft, vor allem militärisch und mit chemischen oder anderen Vernichtungsmitteln zu bekämpfen, birgt große Risiken. Der labile Frieden und die zaghaften Schritte in Richtung Wiederaufbau würden gefährdet. Schnell könnte Unmut in der breiten Bevölkerung wachsen, der dann gegen jeden Ausländer – ob Entwicklungshelfer oder ISAF-Soldat – kanalisiert würde, da diese als Agenten der Drogenbekämpfung wahrgenommen würden. Zudem würde ein solcherart verstandener War on Drugs ein organisiertes kriminelles Milieu schaffen, denn viele Kleinbauern würden sich zur Absicherung ihres Lebensunterhalts bewusst für die Mohnkultivierung und gegen die Befolgung des Rechts entscheiden. Die gewaltsame Bekämpfung des Handels ließe zudem mafiöse Drogenkartelle entstehen, die dann Bauern zum Anbau von Schlafmohn zwingen könnten. Ein nicht zu unterschätzendes ökonomisches Dilemma wäre zudem auch, dass wenn es gelänge, die Produktion zu verringern, würden infolge des geringeren Angebots die Schwarzmarktpreise steigen und der Opiumanbau noch lukrativer werden.
Die Drogenbekämpfung erfordert insbesondere, die traditionellen Eliten auf Stammes- und Dorfebene zu gewinnen.. Sie allein verfügen über die Autorität, der Mohnwirtschaft die Legitimität zu entziehen und sie zu untersagen. In dieser Hinsicht hat Präsident Karsai vor kurzem bereits einen erfolgreichen ersten Schritt unternommen, als er die Stammesführer der Provinz Nangarhar davon überzeugte, unter Zusage von Entwicklungshilfe ein Verbot des Drogenanbaus auszusprechen.

 

10. Wenn im nächsten Jahr alle Opiumfelder vernichtet werden würden, könnte Afghanistan ein solches Szenario ohne eine Katastrophe überstehen? 

Siehe Antwort unter Punkt 9

 

11. Worin sehen Sie die wichtigsten Strategien für Entwicklungshilfe in Afghanistan? 

Afghanistan befindet sich an einem Scheideweg, wie die Zunahme gewalttätiger Unruhen, der Anstieg der Opiumproduktion und die wachsende Entrüstung der Bevölkerung über Korruption und das Versagen der Regierung belegen. Die Lebensbedingungen eines beträchtlichen Teils der afghanischen Bevölkerung haben sich trotz der Bemühungen der internationalen Gemeinschaft und des Teilerfolgs beim zivilen Wiederaufbau nicht verbessert. Die Bedrohung, mit der sich Afghanistan derzeit konfrontiert sieht, erfordert sicher kurzfristiges Handeln, aber langfristige Lösungen werden nur durch umfassende Verbesserungen in der Staatsführung und die Herausbildung eines stärkeren Staates möglich sein.

Ein weiteres gravierendes Problem besteht in dem deutlichen Missverhältnis zwischen den von der internationalen Gemeinschaft aufgebrachten Mitteln für den Kampf gegen Al-Kaida und die Taliban einerseits und den zur Verfügung gestellten Geldern für den zivilen Wiederaufbau und die humanitäre Hilfe andererseits. Dies verdeutlicht am besten die Tatsache, dass auf jeden Dollar für Hilfsmaßnahmen mehr als neun Dollar für militärische und sicherheitspolitische Zwecke entfallen.

 

12. Halten Sie die Opiumstraße für eine globale Bedrohung? 

Zumindest für eine ernstzunehmende Bedrohung für die internationale Gemeinschaft.

 

13. Wie stellen Sie sich Afghanistan in zehn Jahren vor? Sind Sie der Meinung, dass  es in den kommenden zehn Jahren frei von Drogen und Krieg werden wird? Wenn ja, wie würde sich das Ihrer Meinung nach bewerkstelligen lassen?  

Ich kann die Hoffnung nicht aufgeben. Das afghanische Volk ist seit mehr drei Jahrzehnten Opfer äußerer Einmischung. Es hat unendlich gelitten. Die internationale Gemeinschaft muss unbedingt jetzt untersuchen, welche strategischen und konzeptionellen Fehleinschätzungen zur derzeitigen Lage in Afghanistan beigetragen haben, was eine ehrliche Bewertung der aktuellen Militärstrategie und der Strategie für den zivilen Wiederaufbau einschließt. Als Ergebnis dessen muss ein prinzipieller Strategiewechsel erfolgen, weil Frieden, Sicherheit und Entwicklung nur erreichbar sind, wenn die Spirale der Gewalt unterbrochen wird, wenn an die Stelle der bislang im Vordergrund stehenden militärischen Lösung deutlich verstärkte Anstrengungen auf dem Gebiet des zivilen und gesellschaftlichen Wiederaufbaus treten und wenn im Ergebnis dessen die afghanische Bevölkerung wieder Vertrauen fasst. Insbesondere die Operation „Enduring Freedom“ ist völlig kontraproduktiv, weil Aussöhnung und die Festigung des Friedens nicht mit militärischen Mitteln von außen erzwungen werden können, sondern in Afghanistan bewerkstelligt werden müssen.

Unabdingbar scheint die Entwicklung und Stärkung der entstehenden afghanischen Zivilgesellschaft zu sein, die viel Zeit und Mühe erfordern wird, denn es geht doch darum, bei der breiten Bevölkerung schrittweise ein Bewusstsein für die Bedeutung von Menschenrechten und Demokratie und insbesondere Gleichberechtigung und Bildung zu entwickeln. Um die vorherrschende „Gewaltkultur“ zu überwinden, sollte die internationale Gebergemeinschaft finanzielle und technische Hilfe für lokale Aussöhnungsprojekte bereitstellen.

 

Schwerin / Brüssel, 02.04.2008

 
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