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FREITAG, 09.11.2007:
Im Gespräch Ottmar Schreiner (SPD), André Brie (Die Linke) und Christian
Ströbele (Grüne) über kommunizierende Röhren, linke Wähler- und linke
Regierungsmehrheiten
Koalition der Willigen
Erst gab es die
Vereinigung von Linkspartei und WASG, dann kam das Afghanistan-Votum der
Grünen in Göttingen, nun gibt es auch noch die Beschlüsse des
SPD-Parteitages in Hamburg. Nicht zu vergessen die Umfragen zu sozialer
Gerechtigkeit, Mindestlöhnen und Hartz IV. Rückt Deutschland weiter nach
links? Gibt es strukturell eine linke Mehrheit? Oder ist die mehr Mythos
als politische Realität? Das wollte die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Hessen
wissen und lud Ende Oktober drei Politiker zu einem Streitgespräch, die
sich für ein Crossover zwischen SPD, Grünen und der Linken einsetzen, aber
in ihren Parteien nicht unbedingt als Meinungsführer gelten. Moderiert
wurde die Debatte durch den Journalisten Wolfgang Storz.
STORZ: Herr Brie, Dietmar Bartsch hat anlässlich des 100-Tage-Jubiläums
der Partei Die Linke gesagt, wenn die Rente mit 67 und Hartz IV
abgeschafft sind und die Bundeswehr aus Afghanistan abzieht, sei es nicht
schlimm, wenn die Linkspartei darüber überflüssig werde. Vermutlich eine
etwas zugespitzte Äußerung, aber sie wirft eine Kernfrage auf: Wie stark
wollen Sie denn die SPD haben, wenn die jetzt möglicherweise einen
Richtungswechsel bei der Agenda 2010 vollführt? Muss man sich das wie bei
kommunizierenden Röhren vorstellen - nehmen Sie dann wieder ab?
BRIE: Ich war mit der Formulierung von Dietmar Bartsch nicht sehr
glücklich, er soll sie auch mit Augenzwinkern gebraucht haben. Es geht
natürlich um etwas mehr bei der Linken - wir brauchen ein wirkliches
Profil, das über die von Ihnen genannten Forderungen hinausgeht, auch wenn
die viele Menschen existenziell berühren. Ich glaube aber, dass die
eigentliche Funktion der Linken weit darüber hinausführt, ein
strategisches Projekt mit der SPD und den Grünen anzuschieben.
STORZ: Also keine kommunizierenden Röhren ...
BRIE: Nein, auch kein Nullsummenspiel, weil die SPD in den vergangenen
Jahren vor allem Anhänger ins Nichtwählerlager abgegeben hat. Wenn nun
eine linke Partei wie die unsere Menschen aus diesem Lager in die Politik
zurückholt, kann es auch eine Win-Win-Situation geben, die der Demokratie
nützt und einem anderen gesellschaftlichen Projekt in dieser Republik
Vorschub leistet.
STORZ: Herr Ströbele, wir haben hier in Frankfurt seit anderthalb Jahren
eine sehr gut funktionierende schwarz-grüne Stadtregierung, das erzählt
nicht nur die Union, das sagen die Grünen genauso. Es gibt nun
Diskussionen über schwarz-grüne Optionen in den Ländern oder auch im Bund.
Scharmützel oder eine reale strategische Option für Ihre Partei?
STRÖBELE: Ich müsste lügen, wenn ich nicht bestätige, dass es natürlich
bei den Grünen auf Bundes- wie auch auf Landesebene immer wieder solche
Überlegungen gibt, etwa in Berlin oder Baden-Württemberg. Ich selber halte
davon nichts, weil ein derartiges Projekt allein schon in der Innen- und
Rechtspolitik, wo ich mich sehr engagiere, ausgeschlossen ist. Ich kann
mir nicht vorstellen, mit Herrn Schäuble zusammenzusitzen und darüber zu
sprechen, wie man Online-Durchsuchung einführen könnte.
STORZ: Ende November haben Sie einen Parteitag, der sich nicht zuletzt mit
Sozialpolitik beschäftigen soll. Wird es da zu ähnlichen Absatzbewegungen
von der Agenda 2010 kommen wie jetzt bei der SPD?
STRÖBELE: Ich glaube, es wäre illusionär und auch falsch, sich von der
Agenda 2010 und von der Zusammenlegung von Arbeitslosenversicherung und
Sozialunterstützung völlig zu verabschieden - das war etwas Richtiges.
Aber wir haben seit Einführung der Agenda 2010 immer wieder gesagt, das
kann es nicht gewesen sein. Wir brauchen Änderungen bei Hartz IV - zum
Beispiel die Anhebung der Regelsätze. Die Grünen diskutieren zugleich
völlig neue Wege hinsichtlich der sozialen Gerechtigkeit - im
Gesundheitswesen über eine Bürgerversicherung oder über ein
bedingungsloses Grundeinkommen, was sich vom heutigen sozialen System
prinzipiell unterscheidet.
STORZ: Herr Schreiner, ist die Entscheidung in Ihrer Partei zugunsten
eines verlängerten Bezugs von ALG I ein Schritt, um einfach Luft
rauszulassen, oder der Einstieg in eine Wende und eine Abkehr von der
Agenda 2010?
SCHREINER: Ich glaube zunächst einmal nicht an das Luft-Rauslassen, weil
der Punkt ALG I eingebettet ist in einen Neun-Punkte-Katalog, den Beck
präsentiert hat. Außerdem besteht für ältere Arbeitslose nach wie vor ein
besonderes Schutzbedürfnis. Wenn man sich die Beschäftigungszuwächse im
aktuellen Konjunkturzyklus anschaut, entsprechen sie bei den älteren
Arbeitslosen in etwa denen, die es beim Konjunkturzyklus 1998 - 2000 gab.
Und zwar ohne Agenda 2010 - bis aufs Komma die gleichen Zuwächse.
Gleichwohl ist die Erwerbslosenquote bei den über 50-Jährigen nach wie vor
deutlich höher als bei allen anderen Altersgruppen. Wir haben bei den über
60-Jährigen einen absoluten Beschäftigungsstand von etwas mehr als
700.000, also eine exorbitant hohe Arbeitslosigkeit. Deshalb gibt es
dieses Schutzbedürfnis und im Gegensatz zur Position der Grünen eine
Ausweitung des Arbeitslosengeld I-Bezuges.
Das ist die eine Begründung, die zweite lautet: Wir brauchten weit über
diese ALG-I-Geschichte hinaus eine offensive Beschäftigungspolitik nicht
nur für Ältere, aber auch für Ältere. Wir verstecken eine Reihe von
Arbeitslosen in den Ein-Euro-Jobs, auf sechs Monate angelegt, danach
sitzen die Leute genauso auf der Straße wie vorher. Das heißt, wir
brauchten mehrere Jahre erfassende, öffentlich geförderte
Beschäftigungsprojekte besonders für ältere Arbeitslose, die selbst bei
anhaltend gutem Konjunkturverlauf keine Beschäftigungschance mehr haben.
Damit folge ich insoweit denen, die sagen: Förderung von Beschäftigung hat
absolut Priorität.
STORZ: Sie sagen, es ist kein Luft rauslassen. Ist es also der Einstieg in
eine politische Wende, was die Agenda 2010 betrifft?
SCHREINER: Peter Glotz hat einmal gesagt, die SPD ist kein flottes Boot,
das den Kurs abrupt ändert, sondern ein großer Tanker, der mit
gemächlichem Tempo navigiert. Nochmals, diese ALG-I-Geschichte ist
eingebettet in einen umfänglicheren Katalog. Es zählt dazu auch die Reform
der Leiharbeit. 2003 wurde mit der Agenda 2010 vom größten
Wirtschaftsminister aller Zeiten, Wolfgang Clement, die Leiharbeit fast
völlig liberalisiert mit dem Ergebnis, dass wir heute bis zu 800.000
Leiharbeitnehmer haben, Tendenz steigend. Ein dritter Punkt aus diesem
Katalog ist die Forderung nach einem Konzept gegen Kinderarmut als einer
der Folgen von Hartz IV.
STORZ: Also eine Art Einstieg in einen Kurswechsel?
SCHREINER: Ja, in eine Art Kurswechsel.
STORZ: An Sie alle die Frage, gibt es eine Perspektive für eine
rot-rot-grüne Politik nach den Bundestagswahlen 2009 oder ist das reine
Illusion? Wie groß sind die Schnittmengen zwischen der SPD, der Linken und
den Grünen? Wie viel Brocken müssen aus dem Weg geräumt werden?
BRIE: Sie fragen: Perspektive oder Illusion? Für mich stellt sich die
Frage so nicht - für mich gibt es diese Perspektive eindeutig. Nur weiß
ich nicht, ob sie als Option schon 2009 realistisch ist. Wir brauchen
dringend - Ottmar Schreiner hat das gerade gesagt - eine völlig andere
Politik. Wir haben eine Spaltung der Gesellschaft, die tief geht und sich
verfestigt. Hartz IV-Familien werden wirklich ausgegrenzt, und das
Schlimmste daran ist: Auch wenn der Neoliberalismus nach meinem Eindruck
über seinen Zenit hinweg ist, hat er doch einen letzten großen Sieg
errungen, die Gesellschaft findet sich nun auch kulturell mit dieser
millionenfachen Ausgrenzung ab. Für mich die bedrohlichste Entwicklung der
letzten zwei Jahre - und zugleich Anstoß für meine Überzeugung, dass diese
Perspektive, nach der Sie fragen, nötig ist.
Wir haben - erstmals in der bundesrepublikanischen Geschichte - die
Möglichkeit einer strukturellen und kulturellen Mehrheit jenseits von CDU,
CSU und FDP. Für meine Partei kann es jedoch nicht einfach um ein
numerisches Bündnis gehen. Auch nicht darum, einen Mindestkatalog, wie ihn
Oskar Lafontaine beschrieben hat - Rente mit 67, Mindestlohn, Afghanistan
und so weiter - abzuarbeiten. Es müsste ein strategisches Projekt sein -
es geht um gravierende Veränderungen in der gesamten Sozialpolitik, der
Beschäftigungspolitik, der Umweltpolitik, der Außenpolitik und der
Demokratie in diesem Land. Dazu brauchen wir einen Wandel im geistigen
Klima, weil es nur dann eine gesellschaftliche Bewegung geben kann, die
ein solches Bündnis trägt.
Die Sprachlosigkeit zwischen den drei Parteien ist unverantwortlich.
Selbst wenn man das Ganze erst für 2013 ins Auge fasst, müssen die
Debatten jetzt begonnen werden.
SCHREINER: Ich will jetzt keine Jahreszahlen diskutieren, die Frage ist,
ob man sich auf ein Projekt oder wie man es auch immer nennen mag, einigen
kann. Herausforderungen gibt es genug, vor denen heute ein - ich sage
nicht mal linkes - sozial gerechtes Projekt stehen würde. Wir haben es in
der Tat mit einer sozialen Spaltung zu tun, wie sie diese Republik seit
1949 nicht gesehen hat. Wenn man sich nur die frohe Botschaft der
Fünfziger anschaut, eingepackt in den Buchband Wohlstand für alle. Allein
der Titel sprach Bände, denn es gab in dieser Wohlstand-für-alle-Botschaft
von Ludwig Erhard einen zentralen Punkt: Soziale Marktwirtschaft ist die
Überwindung eines überkommenen Arm-Reich-Gefälles. Insofern muss es uns
heute vorrangig um ein soziales Integrationsprojekt gegen die weitere
Spaltung gehen.
STORZ: Mit welchen Inhalten?
SCHREINER: Da liegen die Stichworte auf der Hand: Wir haben immer mehr
Lohnarmut, so dass die Forderung nach Mindestlöhnen bereits auf eine
Korrektur von Hartz IV hinausliefe. Hartz IV hat in der denkbar
radikalsten Weise die Zumutbarkeitsregelung gelöst, indem einem
Arbeitslosen, egal wie qualifiziert ist, jede Arbeit zu jedem noch so
beschissenen Einkommen zuzumuten ist. Der Mindestlohn würde diese zentrale
Säule der Hartz-Gesetze wegfegen, weshalb die Forderung danach von
strategischer Bedeutung ist. Wenn die vergangenen Jahre einen Vorzug
hatten, dann den, dass dank der Debatte über die Agenda 2010 wirklich in
die Kellerkammern dieser Gesellschaft hineingeleuchtet und Armut zum
öffentlichen Thema wurde. Wir wissen heute um die Aufstocker, wir wissen
um Hungerlöhne und um die Ausgrenzung.
Weil das so ist, müssten wir vor allem über eine angemessene
Wirtschaftspolitik diskutieren. In den zurückliegenden Jahren ist weder
eine moderne, noch eine linke, noch eine rechte Wirtschaftspolitik gemacht
worden, sondern überhaupt keine. Wirtschaftspolitik wurde ersetzt durch
repressive Arbeitsmarktpolitik. Warum debattieren wir nicht über die
Lösungsansätze in Skandinavien? Wenn wir einen öffentlichen
Beschäftigungssektor hätten wie Schweden, gäbe es in Deutschland
Vollbeschäftigung. In Schweden haben wir Bereiche vorschulischer
Kinderbetreuung, in die bei uns Ein-Euro-Jobber hineingezwängt werden,
ohne die nötige Ausbildung zu haben. In Schweden sind die Leute, die in
den Vorschulen arbeiten, voll professionalisiert.
Der nächste Punkt, Kinderarmut, Bildungsarmut, die skandinavischen Länder
geben bis zu acht Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für Bildung aus -
in Deutschland sind es vier. Tendenz fallend trotz aller Sonntagsreden. Da
braucht man nicht lange darüber zu reden, dass in Berlin das Kind eines
Oberstudienrates, das in Zehlendorf aufwächst, um das Neunzigfache höhere
Chancen auf Abitur und Studium hat als das Kind eines Migranten in
Kreuzberg. Das sind für mich zentrale Säulen eines gesellschaftlichen
Integrationsprojektes, das seinen Namen verdient.
STRÖBELE: Zur Frage linker Wahlmehrheiten brauche ich keine
Verschwörungstheorie. Mir ist das schon nach der Bundestagswahl 2005
aufgefallen, wenn ich einfach nur auf Zahlen geguckt, Prozente
zusammengerechnet und gesagt habe, wenn ich die Stimmen, die für SPD, PDS
und Grüne abgegeben wurden, als eher links - sage ich mal vorsichtig -
werte, dann ist das eine größere Mehrheit für eine linke Regierung als
1998, als wir Rot-Grün gemacht haben. Und ich habe gleich nach der Wahl
2005 auch gesagt, wenn man den Wählerwillen ernst nimmt, müsste man
zumindest über diese Option nachdenken - da wurde ich fast verbannt. Ich
kenne das ja aus früheren Zeiten, dass man dann allein in der Ecke steht
und so behandelt wird, als sei man völlig durchgedreht.
Bekanntlich galt es in der ehemaligen Frontstadt Westberlin angesichts der
Erfahrungen mit Mauer und Unterdrückerregime als völlig undenkbar, dass
sich die Bevölkerung dort jemals damit abfindet, dass in Gesamt-Berlin die
PDS mitregiert - aber wir haben dort eine Koalition zwischen SPD und PDS.
Und wir haben sie nach der Wahl vom September 2006 sogar wiederbekommen,
wenn auch mit klaren Verlusten für die PDS.
STORZ: Die Frage ist, muss man warten, bis die gesellschaftliche Stimmung
eine solche Konstellation zulässt?
STRÖBELE: Um darauf zu antworten, muss man gar nicht an die Zeit erinnern,
als die Grünen noch die Schmuddelkinder waren, sondern kann sich genauso
gut auf die Berliner Erfahrungen beziehen. Das heißt, ich halte es
durchaus für möglich und auch für notwendig, dass man aus den linken
Wahlmehrheiten Regierungsmehrheiten macht. Und ich gehe noch einen Schritt
weiter, warum reden eigentlich alle nur immer von 2009? Ich bin ein
einsamer Rufer in der Wüste, der sagt, diese große Koalition wird solange
nicht durchhalten. Wir werden in naher Zukunft - spätestens aber 2009 -
vor der Frage stehen, was macht man mit einem Wahlergebnis, wie es sich in
Umfragen immer mal wieder abzeichnet? Da muss man jetzt schon zu klären
versuchen, was passt zusammen?
Ich warne aber André Brie davor, zu sagen, das ist das große Projekt, um
die völlig neue Gesellschaft aufzubauen. Ich bin selbst mit solchen
Vorstellungen schon fürchterlich reingefallen, als ich an der ersten
rot-grünen Regierungskoalition in Berlin mitgestrickt und auch etwas
euphorisch gesagt habe, das ist jetzt die Jahrhundertchance, endlich kann
man Politik wirklich im Interesse der Menschen machen. Das hielt nicht
lange an - gemessen an der Pragmatik von Tagespolitik war das
wahrscheinlich eine völlig falsche Erwartung. Man sollte nicht zuviel
Ansprüche formulieren, weil die so nicht erfüllt werden können.
STORZ: Eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen diesen drei Parteien sind
für Sie unstrittig, höre ich heraus.
STRÖBELE: Es gibt sie - bis in die Sozialpolitik hinein, weil auch die PDS
ja nicht ernsthaft die Abschaffung von Hartz IV fordert. Das kann man in
ihrem letzten Wahlprogramm nachlesen, in der zwar diese Formel noch steht,
dann aber eine ganze Reihe von Vorschlägen auftauchen, wie man Hartz IV
verändern kann. Das ergibt nur Sinn, wenn man Hartz IV grundsätzlich
akzeptiert. Und sowohl bei der SPD wie den Grünen gibt es inzwischen ein
halbes Dutzend oder ein Dutzend - je nachdem, wen man fragt -
Überlegungen, bei Hartz IV Grundlegendes zu verändern: von höheren
Regelsätze bis zu Korrekturen bei der Schonung des angesparten Vermögens
für die Altersversorgung, und, und, und. Bei den Grünen ist das weitgehend
unumstritten und zwar flügelübergreifend - das heißt, da trifft man sich.
Und in der Friedens- und Sicherheitspolitik gibt es nicht nur Oskar
Lafontaine. Wer jüngst in der Bundestagsdebatte über die
Afghanistan-Einsätze gehört hat, was dort der Parteivorsitzende Lothar
Bisky erzählt hat - das war meilenweit von dem entfernt, was ich da sonst
höre. Es gab durchaus den einen oder anderen Ton, bei dem ich genickt und
gedacht habe, na ja, wenn die PDS sich in diese Richtung entwickelt ...
Aber das große Problem bleibt, und das klingt ja auch bei André Brie an,
dass die PDS bisher noch nicht aufgestellt ist, dass wir auf etlichen
Politikfeldern überhaupt noch nicht wissen, was die wollen. Dennoch wäre
ich der Letzte, der sagen würde, man soll es nicht miteinander versuchen,
weil die Gesellschaft noch nicht reif dafür ist.
STORZ: Warum gibt es nicht schon jetzt eine fraktionsübergreifende
Oppositionsarbeit? Warum sagen nicht die Linken der Linkspartei, der
Grünen und der SPD: Wir bringen zum Thema Mindestlohn oder zur
Bahnprivatisierung und so weiter einfach einmal einen Antrag ein. Wenn man
Parlament und Aufklärung ernst nimmt, wäre dies doch ein erster Schritt.
Weshalb gibt es den nicht?
STRÖBELE: Da kann ich mit einem einfachen Satz antworten, weil das in der
Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und CDU/CSU ausgeschlossen ist. Dort
steht: Bündnisse mit anderen Parteien und Fraktionen beenden diese
Koalition. Wir könnten uns wahrscheinlich zusammensetzen und bei der Bahn
und beim Mindestlohn etwas formulieren und dann unseren Fraktionen
vorschlagen. Ich nehme an, dies würde überwiegend akzeptiert. Dagegen
spricht eben, dass die SPD noch in der großen Koalition ist.
STORZ: Also ich stelle fest, dass ich offenbar abgrundtief naiv bin. Ich
ging immer noch davon aus: Es gibt Abgeordnete im Bundestag, die haben
Überzeugungen, die können denken, und stellen dann auf einmal fest, es ist
alles so schlimm, wie Herr Schreiner dies hier gesagt hat. Also muss man
etwas tun.
BRIE: Ich denke schon, es ist so, wie Christian Ströbele das gerade
dargestellt hat - es ist so primitiv und so profan. Ich möchte jedoch gern
noch etwas zu seinem Vorwurf sagen, man solle nicht gleich an die ganz
große Gesellschaftsveränderung denken. Ich meine damit keine andere
Gesellschaft, aber ich meine schon ein bisschen mehr als die vier
Mindestforderungen von Oskar Lafontaine: Mindestlöhne, Rente mit 67, Hartz
IV und Abzug aus Afghanistan. Das trägt es nicht - und für meine Partei
wäre es unverantwortlich, es so verengt zu lassen. Es muss schon etwas
mehr sein, das heißt, eine Reform von Hartz IV ist wirklich inhaltlich zu
diskutieren. Ich weiß auch, dass in der SPD viele eine Inflationsanpassung
bei den Regelsätzen wollen, nur wäre das für mich keine Veränderung von
Hartz IV. Es muss schon in Richtung eines Grundeinkommens der Menschen
gehen, das ihnen Unabhängigkeit gibt. Dann ist auch die Zusammenlegung von
Arbeitslosen- und Sozialhilfe durchaus etwas Vernünftiges - aber nicht auf
dem jetzigen Niveau und nicht zu den jetzigen Bedingungen. Vielleicht wird
Ottmar Schreiner - um auf Ihre Frage zurückzukommen - einen entsprechenden
Antrag mit unterschreiben. Ob die SPD insgesamt soweit ist, eine solche
Zäsur mitzumachen, weiß ich nicht.
Was ich als Projekt bezeichne, das meint einen grundlegenden politischen
Wandel in Deutschland, den ich für dringend erforderlich halte. Deswegen
mein Plädoyer dafür, dass die Linke in den drei Parteien anfängt, über den
Inhalt eines solchen Wandels und einer Koalition zu diskutieren.
STORZ: Herr Schreiner, es ist hier das Wort Grundeinkommen gefallen. Es
gab gerade eine Entscheidung der baden-württembergischen Grünen, die dies
gefordert haben. Innerhalb der Linkspartei ist es gleichfalls ein
wichtiges Thema. Bisher haben ja Gewerkschaften und - wenn ich das richtig
verfolgt habe - auch große Teile der SPD gesagt, das kommt für uns nicht
in Frage, erst recht nicht ein bedingungsloses Grundeinkommen. Ist das so?
SCHREINER: Zumindest spielt die Frage in der SPD und - soweit ich es sehe
- auch in den Gewerkschaften keine Rolle. Ich bin auch selbst äußerst
skeptisch - das sieht vielleicht in zehn Jahren anders aus. Bevor wir
dieses Thema diskutieren und da möglicherweise um Mehrheiten kämpfen,
müssen wir uns um ein arbeitsbezogenes Grundeinkommen kümmern. Das halte
ich für fundamental angesichts des fortgesetzten Lohndumpings in
Deutschland. Wenn wir es hinbekämen, einen angemessenen Mindestlohn
durchzusetzen - und dafür gibt es eine klare Mehrheit in der Bevölkerung -
wäre das ein Riesenschritt. Und wenn wir es hinbekämen, analog der
Mindestlöhne auch Mindestrenten durchzusetzen, wäre das noch besser. Ich
kann doch keinem erklären, warum eine Frau, die 40 Jahre als Verkäuferin
gearbeitet und dabei schlecht verdient hat, im Alter mit Sozialhilfe
abgespeist wird. Das heißt, wenn ich mich so zu einem
vorleistungsbezogenen Mindesteinkommen hin bewege, dann würden sich
möglicherweise später auch Möglichkeiten für ein vorleistungsfreies
Mindesteinkommen ergeben. Gegenwärtig haben wir ja nicht einmal ein
Mindesteinkommen für diejenigen, die massiv Vorleistungen erbringen -
nämlich Vorleistungen im Sinne von Erwerbsarbeit.
Bei mir zu Hause gehen die Keramikarbeiterinnen bei Villeroy & Boch mit
vielleicht 1.800 oder 1.900 brutto nach Hause. Denen müsste ich erklären,
dass sie mit ihren Steuern dem Sohn eines Rechtsanwaltes ein
vorleistungsfreies Grundeinkommen finanzieren sollen. Die würden mir zu
Recht mit dem blanken Hintern ins Gesicht springen, was nicht gerade die
angenehmste Vorstellung ist.
STORZ: Aber die Keramikarbeiterinnen würden das ja auch bekommen.
SCHREINER: Ich warne davor, jetzt dieses Fass aufzumachen, weil es
mindestens zwölf unterschiedliche Modelle gibt. Es gibt das Modell dieses
Oberdrogisten Götz Werner, es gibt linke Modelle. Man müsste sehr genau
abklären, wie laufen die Finanztransfers, denn bei einigen dieser
Grundeinkommensgeschichten laufen sie von unten nach oben, da finanzieren
die Kleinen denen da oben noch ein zusätzliches Einkommen, die ohnehin
nicht wissen, wohin mit ihrem Geld.
STRÖBELE: Dem möchte ich entschieden widersprechen - und zwar aus einer
ganz anderen Erwägung heraus. Ich bin ja einig mit Ottmar Schreiner, dass
wir den Mindestlohn brauchen. Ich bin auch dafür, dass es wichtige
Korrekturen bei Hartz IV gibt. Und ich bin der Meinung, dass man die
Ein-Euro-Jobs und diese ganze Niedriglohn-Kultur nicht als Arbeit
qualifizieren kann, denn eigentlich gehören die Betroffenen noch in die
Arbeitslosen-, nicht in die Arbeitsstatistik. Aber von einem ganz anderen
Ansatz her - ich bin ja an sich Rechts- und Innenpolitiker - stelle ich
mir vor, Innenminister Schäuble würde von der gesamten Bevölkerung
fordern, sie müsste einem staatlichen Organ Auskunft geben, mit wem sie
den Kühlschrank teilt oder wessen Zahnbürste sie benutzt. Ich meine all
die tiefen Eingriffe in den persönlichen Bereich, denen Millionen von
Arbeitslosen ausgesetzt sind, wenn sie ALG II bekommen wollen. Wir haben
einen riesigen Apparat zur Überwachung, Beobachtung und Kontrolle, der mit
der Menschenwürde nicht mehr zu vereinbaren ist. Aus diesen Zwängen müssen
wir heraus.
Die Menschenwürde wird genauso missachtet, wenn man Millionen unter Druck
setzt, 30, 40, 100 Bewerbungsschreiben pro Jahr loszulassen, obwohl auf
dem Arbeitsmarkt gar keine Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Da ist
verrückt und schizophren. Deshalb ein heftiges Plädoyer dafür, was bei den
Grünen auch noch sehr umstritten ist, dass man grundsätzlich die Idee
eines bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert. Das wird man nicht heute
und nicht morgen einführen, aber es muss die Perspektive sein. Wir müssen
von denen, die arbeitslos sind und von Transferleistungen leben, diesen
Zwang und diese unwürdige Behandlung wegnehmen. |
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