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Europaabgeordnete präsentierten Mission-Report Irak.
Sicherheitslage stetig verschlechtert. Baker-Bericht ignoriert Ursachen
der Gewalt. EU muss Verantwortung wahrnehmen
André Brie und Paulo Casaca:
"Iraq with A Future"
Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz haben die
Europaabgeordneten André Brie (GUE/NGL) und Paulo Casaca (PSE) am Mittwoch
in Straßburg den Report über ihre Irak-Reise Anfang des Jahres
vorgestellt. Das Dokument war am Vortag während eines Treffens an den
Präsidenten der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, übergeben
worden. Auch der Flüchtlingskommissar der UN, die Vertreter der
gegenwärtigen und kommenden EU-Ratspräsidentschaft sowie der Präsident des
Europäischen Parlaments werden den Bericht erhalten.
Brie (Deutschland) und Casaca (Portugal) hatten sich
vom 2. bis 10. Januar 2007, unmittelbar nach der Hinrichtung Saddam
Husseins, über die Lage im Irak informiert. Während ihrer neuntägigen
Mission hatten die Abgeordneten Begegnungen mit etwa 4000 Irakerinnen und
Irakern - Schiiten, Sunniten, Christen, Arabern, Kurden, Turkomanen aus
allen Landesteilen. Dokumentiert werden im Bericht die Meinungsäußerungen
von rund 150 Repräsentanten des politischen und religiösen Lebens Iraks
sowie Vertretern der Zivilgesellschaft. Zudem wurde eine Reihe konkreter
Maßnahmen der Zusammenarbeit, insbesondere im Bildungswesen, bei der
Regionalentwicklung und im Umweltbereich, erörtert.
In ihrem Report zeichneten die Parlamentarier ein
dramatisches Bild der Situation im Irak. Die Sicherheitslage habe sich
"stetig verschlechtert", fassten Brie und Casaca ihre Informationen
zusammen. Die Gewalt fordere täglich 150 bis 200 Todesopfer. Die
Abgeordneten berichteten von Schätzungen, wonach seit 2003 zwischen
600.000 und 1,3 Millionen Menschen gewaltsam ums Leben gekommen seien.
Während in der Vergangenheit die meisten Opfer durch direkte
Kampfhandlungen und Anschläge zu beklagen waren, seien es heute in erster
Linie Massaker, individuelle Morde, Entführungen, willkürliche Festnahmen
und Inhaftierungen durch Todesschwadronen, Milizen und kriminelle Banden.
Brie und Casaca berichteten über die Einschätzung von politischen
Repräsentanten Iraks, wonach insbesondere Al-Kaida-Kreise und
fundamentalistische Milizen massiv durch Iran unterstützt würden.
Hinsichtlich der sozialen Situation bestätigten die Berichterstatter
gravierende Probleme in vielen Provinzen bei der Versorgung mit
Lebensmitteln, Medikamenten und Brennstoffen; die Gesundheitsversorgung,
das Bildungswesen und der Arbeitsmarkt funktioniere kaum. Auch dies habe
nicht zuletzt mit Blockaden und Aktionen der Milizen zu tun. Die
Entwicklung habe wesentlich dazu beigetragen, dass Irak heute etwa 1,6
Millionen Binnenflüchtlinge zählt und ca. 1,8 Millionen Menschen das Land
verlassen haben.
Beide Abgeordnete verwiesen darauf, dass die
Darstellungen im Hamilton-Baker-Bericht insbesondere in den
Sicherheitsfragen die Realität ungenau wiedergebe. Das Bild sei "dunkler"
als in der US-amerikanischen Analyse aufgezeigt. So ignoriere diese vor
allem die Hauptpunkte für die verschlechterte Sicherheitslage:
- die zentrale Rolle extremistischer, von Iran
unterstützter Milizen, die mit Zustimmung der irakischen Regierung und der
USA gebildet wurden und agieren;
- die Zerstörung der irakischen Sicherheitskräfte,
des Staatswesens, des Gesundheits- und Bildungsbereiches und die
Vertreibung der irakischen Eliten aus ihren Positionen durch eine "Ent-Baathifizierung"
(2 Millionen ehemalige Baath-Mitglieder wurden entlassen);
- den Aufbau bewaffneter Milizen mit Zehntausenden
Mitgliedern, die für die Mehrzahl der Morde verantwortlich sind;
- die Präsenz der iranischen Revolutionsgarden in
Irak.
Massive Kritik übten Brie und Casaca an der
"Abwesenheit europäischer Politik im Irak". Obwohl einige europäische
Staaten durchaus ihre Präsenz im Irak, vorrangig im kurdischen Teil,
verstärkten, fehle ein kohärentes und abgestimmtes Vorgehen. Dem stehe die
dringliche Bitte an die EU gegenüber, sich im Irak zu engagieren.
Allerdings dürfe sich die Hilfe nicht auf den ökonomischen Sektor
beschränken, sondern umfassend zum Wiederaufbau des Landes und zur
Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens beitragen, betonten Brie und
Casaca.
Die Entstehung und Verstärkung der Gewalt in Irak
resultiere nicht aus einem imaginären Hass zwischen den ethnischen und
religiösen Gruppen, sondern aus der planmäßigen Zerstörung des Landes,
einschließlich der Verfolgung und Ermordung der Eliten, der Schürung von
Intoleranz und der Beseitigung der notwendigen Rahmenbedingungen für ein
funktionierendes ökonomisches und soziales Leben, resümierten die
Abgeordneten. Als Schlussfolgerungen für die Irak-Politik der EU betonten
sie, dass Irakisch-Kurdistan zum Fokus einer aktiven Kooperationspolitik
in Irak - und möglicherweise des gesamten Mittleren Ostens - gemacht
werden müsse. Unter umfassender Einbeziehung aller anderen irakischen
Regionen könnte dies zu einem Beispiel für das Land und die Region werden.
An erster Stelle stehe jedoch die Neutralisierung jener Kräfte, die die
Gewalt gegen die irakische Bevölkerung organisieren und unterstützen. Dazu
gehöre auch die Entwaffnung und Demobilisierung extremistischer Milizen
und Gruppierungen.
Brüssel/Schwerin, 17. Januar 2007
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