ANDRÉ BRIE    
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Nordkurier - Artikel vom 11.01.2007

„Der Wein ist ebenso alt, wie es die Schläuche sind“ Berlin. André Brie, Linkspartei-Politiker und Europaabgeordneter, kehrte gestern Abend von einer neuntägigen Reise aus dem Irak zurück. Unmittelbar nach seiner Landung in Berlin sprach Hans-Joachim Guth mit dem gebürtigen Schweriner.

Gemeinsam mit ihrem sozialdemokratischen Kollegen, dem Portugiesen Paulo Casaca, waren Sie im Zweistromland unterwegs. Wo überall haben Sie sich umgesehen?
Wir waren sowohl im kurdischen Norden als auch in der Provinz Diyala. Möglich wurde die Tour nur, weil wir vom Ex-Gouverneur von Diyala unterstützt wurden, einem Mann, der 14 Attentate überlebt hat. Das war weder seinem Neffen noch seinem Bruder vergönnt. 16 Bodyguards wurden uns zur Seite gestellt, damit wir uns möglichst unversehrt informieren konnten. Dieser persönliche Kontakt war sehr hilfreich, konnten wir dadurch doch mit über 4000 Irakern zusammenkommen. Ich habe über 120 persönliche Aufzeichnungen im Gepäck.

Könnten Sie einige Details aus diesen Aufzeichnungen benennen?
Aus eigenem Erleben und aus den Gesprächen bleibt nur ein Fazit: Die Situation im Land ist außerordentlich dramatisch. Zwar ist Kurdistan weitgehend sicher, auch findet sich hier ein wirtschaftlicher Aufschwung – betrachtet man jedoch das ganze Land, dann kann von Sicherheit definitiv nicht die Rede sein. Täglich kommen wenigstens 150 Menschen zu Tode, durch Anschläge, aber auch durch Morde. Ernst zu nehmende Politiker sprechen von 1,3 Millionen Toten seit 2003. Sicher dürfte sein, dass es wenigstens 600 000 waren. Genau so viele, wie im Iran-Irak-Krieg starben. Nur der dauerte acht Jahre.

Sie werfen nach Ihrem Besuch selbst die Frage auf, ob angesichts Hunderttausender Toter nicht der Tatbestand des Völkermordes erfüllt sei. Haben Sie eine persönliche Antwort?
Der zielgerichte Terror, die zielgerichtete Hinrichtung Tausender und das wahllose Herumbomben der Invasoren lässt für mich eine solche Schlussfolgerung als nicht unwahrscheinlich erscheinen. Es wurde ein Spaltpilz in diese Land getragen, der nur ein Ziel hat, nämlich den Irak zu teilen, um so eine iranische Dominanz herstellen zu können. Wer behauptet, es gehe im Zweistromland um eine religiöse Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten, der war nicht im Irak oder er setzt ausschließlich auf die Propaganda der USA. Die nämlich haben den Iran in seinem Hegemoniestreben faktisch unterstützt, indem sie beispielsweise die fundamentalistischen Milizen zuließen, die das Land mit grenzenlosem Terror überziehen. Nein, hier geht es nicht um sektiererische Gewalt, sondern vielmehr um eine Gewalt, die von fundamentalistischen Kräften forciert wird. Und ich wiederhole mich: Zwar hebt sich die Situation in den kurdischen Gebieten deutlich von den anderen Landesteilen ab. Allerdings ist auch im Nordirak die Empörung gegenüber der eigenen Regierung und den US-Besatzungstruppen groß.

Die USA haben angeblich ihre Irak-Strategie überarbeitet. Ist das bislang bekannt Gewordene für Sie mehr als neuer Wein in alten Schläuchen?
Der Wein ist ebenso alt wie es die Schläuche sind. Nicht einmal die Rhetorik ist neu. Die fortgesetzte Besetzung durch die US-Militärs, die ja jetzt noch um weitere 20 000 Soldaten verstärkt werden sollen, und die massive Infiltration durch Iran – das bestätigten mir alle meine Gesprächspartner – sind das Grundproblem für die Sicherheit im Irak. Hinzu kommt die faktische Handlungsunfähigkeit der irakischen Regierung. Das Kabinett Al-Maliki ist völlig diskreditiert. Allenthalben treffe man auf zügellose Korruption, wurde mir berichtet. Stammesälteste und Abgeordnete erhoben den Vorwurf von Folter und Mord und sagten, dass ein Großteil des Geldes und des Öls in dubiosen Quellen versickere.

Es war dies ihre achte Irak-Reise. Und nicht erst einmal haben Sie in scharfer Form kritisiert, dass die EU nicht zu einer aktiven Politik oder zur Entwicklung von Alternativen im Irak in der Lage sei.
Es beschämt mich als Mitglied des Europäischen Parlaments, wenn ich mich von einer irakischen Mutter fragen lassen muss, wie die EU es wohl zulassen könne, dass ihre Kinder nichts zu essen hätten, dass sie – obwohl in einem Ölland lebend, kein Heizmaterial habe. Schulen und Universitäten sind weitgehend geschlossen, die medizinische Versorgung liegt am Boden.

Werden Sie, wenn Sie jetzt erneut in der kommenden Woche in Straßburg Bericht erstatten, endlich mehr als ein Rufer in der Wüste sein?
Sie dürfen versichert sein, dass mein Kollege Casaca und ich in Straßburg auf die Barrikaden gehen werden. Europa hat vier Jahre verloren. Wohl auch, weil etliche Invasionskritiker glaubten, dass die Amerikaner alleine auslöffeln sollten was sie sich eingebrockt hätten. Dass dies nicht funktioniert, habe ich jetzt ein weiteres Mal hautnah erleben müssen. Wir haben konkrete Vorschläge im Gepäck, etwa was die Unterstützung in der Regionalplanung anbelangt oder die Vergabe von Stipendien an irakische Studenten.
 
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