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Brüssel/Schwerin. Fünfzig Jahre nach
Unterzeichnung der Römischen Verträge steht die Frage, was die Europäische
Union den Menschen des Kontinents gebracht hat. Auf einer gemeinsame
Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der linken GUE/NGL-Fraktion im
Europaparlament wollen die Teilnehmer am 9. und 10. März in Berlin nach
Antworten suchen. Vorab legte André Brie ein mehrseitiges Thesenpapier
vor. Darüber sprach Hans-Joachim Guth mit dem EU-Parlamentarier aus
Schwerin.
FRAGE: Sie haben insgesamt 13 Thesen
vorgelegt. Kann man aus dem Papier so etwas wie eine General-Überzeugung
formulieren?
ANTWORT: Genau genommen sind es derer zwei.
Erstens: Eine erneuerte deutsche Linke hat eine große politische Chance –
aber nur dann, wenn sie eine Reihe von wichtigen Voraussetzungen erfüllt.
Eine davon ist es, eine europäische Linke zu sein und die weitere
europäische Integration und Einigung aktiv und konkret zu unterstützen.
Die erneuerte deutsche Linke wird europäisch oder nicht sein. Zweitens: Es
wird kein vereinigtes Europa geben, wenn es kein soziales Europa gibt.
Keine politische Kraft könnte daher gegenwärtig proeuropäischer sein als
die Linke, wenn sie diese Herausforderung annähme und... es sich nur
traute.
FRAGE: Wird sie sich trauen?
ANTWORT: Für die Linke in vielen Ländern der
Europäischen Union, in Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland, aber
auch in zahlreichen neuen Mitgliedsstaaten, ergibt sich die dringende
Frage, ob sie die weitere Integration will, welche Integration sie will,
welche Antworten sie für die gravierenden Herausforderungen hat.
Ausgesprochen und unausgesprochen gibt es auch in der deutschen Linken
antieuropäische Positionen, die teilweise mit ernst zu nehmenden
Argumenten vertreten werden. Ich teile die Kritik an der EU-Realität: an
der Dominanz des Marktradikalismus für die gesamte Entwicklungsrichtung
der EU, an der Abschottung gegenüber dem Süden der Erde, an der
Einschränkung von Bürger- und Menschenrechten, an dem akuten
Demokratiedefizit – um nur einige unbefriedigende Tatbestände aufzuzeigen.
Widerstand der Linken gegen diese Politik ist dringend erforderlich.
FRAGE: Tut sich da nicht ein komplizierter
Spagat zwischen Widerstand und Suche nach Alternativen auf?
ANTWORT: Nach meiner Überzeugung ist die
inzwischen nicht mehr unwahrscheinliche Desintegration und
Renationalisierung und eine klammheimliche Freude eines Teils der Linken
am Scheitern der Europäischen Union keine verantwortungsvolle Alternative.
Die von diesen politischen Kräften bevorzugte Definition der EU als einem
imperialistischen Machtblock wird nicht der differenzierteren Realität der
EU, den positiven historischen Seiten der bisherigen Integration sowie den
sozialen, demokratischen und ökologischen Möglichkeiten der europäischen
Integration gerecht, die allerdings gegenwärtig brach liegen. Sie wären
das eigentliche Feld linken Nachdenkens und linker Kämpfe. Zum Anderen
stünde am Ende der Desintegration ebenfalls eine neoliberale und
sozialzerstörerische europaweite Freihandelszone, die aber anders als die
EU nicht nur schwierige und unzureichende, sondern gar keine
demokratischen und sozialen Gestaltungsmöglichkeiten erlaubte.
FRAGE: Ein düsteres Bild, das hoffentlich
nicht Realität werden wird.
Muss es nicht. Die europäische Integration
hatte eine epochale historisches Leistung erbracht: Sie hat nach
Jahrzehnten entsetzlicher kapitalistischer Kriege den Frieden zwischen den
beteiligten Staaten gesichert. Dies war ein entscheidendes Element ihrer
Akzeptanz in den Vö lkern und ist eine bleibende Aufgabe für die
Einbeziehung weiterer Staaten, um insbesondere die brennenden Konflikte
auf dem westlichen Balkan auszuzehren und durch die positive Perspektive
intensiver europäischer Zusammenarbeit und Integration zu lösen. Über
Jahrzehnte hat die Integration darüber hinaus zu Wohlfahrt,
wirtschaftlichem Wachstum und gestärkter Binnennachfrage beigetragen. Sie
hat zudem die menschlichen und kulturellen Kontakte und Begegnungen auf
einem Großteil des Kontinents wesentlich gefördert. Trotz ihrer
gravierenden Defizite und wiederholten Krisen ist die europäische
Integration daher für die Linke ein positiver Bezugspunkt ihrer Politik.
Die berechtigte Kritik an der aktuellen Ausrichtung der europäischen
Integration und Politik muss daher eine europafeindliche Haltung
prinzipiell ausschließen.
FRAGE: Auf den Moment bezogen, könnte man
Ihnen jetzt mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung unterstellen,
Sie würden dem weit verbreiteten Neoliberalismus das Wort reden. Kann das
eine linke Position sein?
ANTWORT: Auf gar keinen Fall. Aber die EU ist
ein riesiger und durchaus binnenmarktfähiger Wirtschaftsraum, der als
politischer Raum genutzt werden könnte, die Rückkehr des
Laissez-faire-Kapitalismus über die neoliberale Globalisierung abzuwehren,
die verschiedenen europäischen Sozialstaatsmodelle zu erhalten sowie
europäisch zu ergänzen und weiterzuentwickeln. Die herrschende Politik
jedoch nutzt die europäische Integration nicht für Alternativen zur
wirtschaftsliberalen Globalisierung, sondern als deren Vehikel und
Beschleuniger. Ihr muss die Linke eine eigene europäische Politik
gegenüberstellen, anstatt sich einseitig auf die nationalstaatliche Ebene
zurückzuziehen.
FRAGE:Aber auch eine solche Politik kommt
nicht an den Fakten vorbei – etwa was das wirtschaftliche Gefälle in der
Gemeinschaft betrifft.
ANTWORT: Das ist in der Tat ein
besorgniserregender Zustand. War dieses Gefälle in der EU 15 Mitglieder –
gemessen am Kaufkraftstandard – zwischen den am höchsten,etwa Inner London
und den am niedrigsten entwickelten Regionen,zum Beispiel
Mecklenburg-Vorpommern 2 zu 1, so hat es sich bereits in der EU der 25 auf
10 zu 1 verschärft – Inner Lo ndon beziehungsweise Lubelskie in Polen.
Einige Regionen in Bulgarien und Rumänien liegen noch darunter. Auch die
wirtschaftliche Kluft zwischen den Staaten – bezogen auf das
Bruttosozialprodukt je Einwohner – ist ähnlich hoch...
FRAGE: ...und nach den Worten des ehemaligen
EU-Kommissar Michel barnier wird sich diese Kluft zwischen Arm und Reich
weiter vergrößern.
ANTWORT: Die europäische Kohäsionspolitik ist
zwar dem Ziel verpflichtet, diese Unterschiede zu verringern, doch
angesichts der wettbewerbsradikalen Lissabonstrategie, des unzureichenden
Finanzrahmens der EU und ähnlicher neoliberaler nationaler Politiken muss
man davon ausgehen. Vor allem die regionale Polarisierung nimmt weiter zu.
Die primäre Antwort der EU-Kommission und der Mitgliedsländer ist der
Wettbewerb zwischen den Staaten, der Wettbewerb um niedrige
Unternehmenssteuern (Zypern: 9,7 Prozent; Litauen: 12,8 Prozent, Lettland:
14,4 Prozent; zum Vergleich: der EU-Durchschnitt beträgt 23,7 Prozent),
der Wettbewerb um niedrige Löhne (gesetzlicher Mindestlohn in Lettland:
116 Euro; Bulgarien: 77 Euro; Rumänien: 72 Euro), der Wettbewerb um andere
niedrige Kosten für die Unternehmen. Auf diese Weise wird zum einen Europa
nicht geeint, sondern wirtschaftlich, steuerpolitisch und insbesondere
sozial gegeneinander getrieben und zum Motor für den Sozialabbau innerhalb
der Mitgliedsländer.
FRAGE: Was könnte die Linke dem
entgegenhalten?
ANTWORT: Will die Linke der Zerstörung
sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit in den Nationalstaaten wirkungsvoll
entgegentreten, so muss sie zugleich für soziale Kohäsion und Solidarität
in der EU eintreten, für eine europäische Binnenmarkpolitik, für die
Reform des Maastrichter Stabilitäts- und Wachstumspaktes, die Novellierung
des Statuts der Europäischen Zentralbank und die Veränderung ihrer
Geldpolitik, für einen entscheidenden europäischen Beitrag zur
Deregulierung des Weltfinanzsystems sowie für europäische Standards bei
Unternehmenssteuern, Löhnen, Sozialleistungen, gewerkschaftlichen Rechten.
Die Vorstellungen des früheren Kommissionspräsidenten Jacques Delors über
eine europäische Wirtschaftsregierung und Sozialunion müssen in die
gesellschaftliche Debatte zurückgeholt werden.
FRAGE: Statt sich Delors zu erinnern, haben
aber die Franzosen – und mit ihnen die Holländer – den Verfassungsvertrag
erst einmal abgelehnt. Haben sie damit die Krise der europäischen
Integration losgetreten?
ANTWORT: Das französische und holländische
Nein zum Verfassungsvertrag der EU haben die Krise der europäischen
Integration nicht ausgelöst, sondern endgültig kenntlich gemacht. Laut
„Eurobarometer“ liegt die Unterstützung einer EU-Mitgliedschaft in den
Bevölkerungen nur noch bei 55 Prozent. Die Abstinenz bei den Europawahlen,
das Desinteresse, die Vorbehalte und die Unkenntnis sind groß,
nationalistische Einstellungen nehmen in den meisten EU-Ländern zu. Die
politischen und sozialen Konsequenzen der Erweiterung von 2004 sind nicht
bewältigt. Die Lissabon-Strategie, die aus der EU bis 2010 die
„dynamischste“ Wirtschaftsregion der Welt machen sollte, ist in dieser
Hinsicht gescheitert und wird dagegen vor allem als wirksames Vehikel zur
Zerstörung der europäischen Sozialstaatsmodelle genutzt. Der Europäischen
Union ist die Identifizierung der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer
Entwicklung, Politik und Perspektive abhanden gekommen. Die europäische
Integration als ein Friedensprojekt bleibt ein unaufgebbares und aktuelles
Element ihrer Wiedergewinnung. Aber nur das Ziel einer europäischen
Sozialunion könnte eine grundlegende und nachhaltige Neuidentifizierung
bewirken.
FRAGE: Wie will sich die Linke, die den
Verfassungsvertrag je selbst ablehnt, da vor den Karren spannen?
ANTWORT: Die Ablehnung des vorliegenden
Verfassungsvertrages durch die Linke ist meiner Meinung nach berechtigt
und gut begründet. Für mich ist aber auch unbestreitbar, dass die EU eine
Verfassung braucht, ein „Grundgesetz“, das in der Tradition der
amerikanischen Konstitution von 1787 – der ältesten noch gültigen
schriftlichen Verfa ssung der Welt – und der Verfassung der Französischen
Revolution steht. Es sind tatsächlich weitreichende Souveränitäts- und
andere Rechte an die EU abgegeben worden, ohne dass die Bürgerinnen und
Bürger einklagbare individuelle Rechte gegenüber den EU-Institutionen und
wirkungsvolle demokratische Mitwirkungsmöglichkeiten erhielten. Eine
Reform der Regierungsverträge reicht daher nicht aus.
FRAGE: Was würde denn Ihrer Meinung nach
ausreichen?
ANTWORT: Die EU muss sich tatsächlich, wie im
Verfassungsvertrag behauptet, aber nicht realisiert, vom Willen und von
den Rechten der Bürgerinnen und Bürger herleiten. Achtzig Prozent der
Entscheidungen des Deutschen Bundestages und sechzig Prozent der
Entscheidungen in deutschen Gemeinderäten beruhen auf Brüsseler Verträgen
und Richtlinien oder werden entscheidend von ihnen beeinflusst. Ohne
Verfassung drohen Europa Desintegration und anarchische
Renationalisierung. Die Vielfalt der Nationen und Kulturen, der
politischen Erfahrungen und religiösen Anschauungen, nicht zuletzt auch
der Verfassungstraditionen selbst müssen sich in einer europäischen
Verfassung widerspiegeln. Und sie muss der Integration eine nachhaltige,
erneuerte Identität und Faszination verle ihen und dazu beitragen, die
wachsende Kluft zwischen “europäischen Bürgern” und europäischen Politik
zu überwinden. Dazu wäre im Übrigen auch nur ein wesentlich kürzerer,
sprachlich ve rständlicher und vom Ballast verfassungsfremder – und in
demokratischer Hinsicht verfassungsfeindlicher – Elemente befreiter
Verfassungsvertrag geeignet.
FRAGE: Bliebe noch Delours und seine Vision
von einer Sozialunion.
ANTWORT: Für die Perspektive der europäischen
Integration und aus linker Sicht bleibt die soziale Verpflichtung der
Europäischen Union ein Schlüsselproblem. Die hierzu in den „Zielen der
Union“ formulierten Grundsätze sind unzureichend. Eine Politik der
wirklichen Überwindung des sozialen Defizits der EU ginge weit über die
Vorstellungen einer sozialen Orientierung und politischen Korrektur des
Marktes hinaus und würde die grundlegende Abkehr von der
Lissabon-Strategie und eine sozialstaatliche Politik der Union, mindestens
im Sinne der früheren Vorschläge Jacques Delors', bedeuten.
FRAGE: Wenn die Staats- und Regierungschefs
der EU schon nicht auf die Linken hören, hätten sie nicht wenigstens
Delours zuhören sollen?
ANTWORT: Eigentlich haben sie das getan. Im
Dezember 2001 setzten </BG>sie den Konvent zur Ausarbeitung der Verfassung
mit der Erklärung ein: „Kurz, der Bürger verlangt ein klares,
transparentes, wirksames, demokratisch bestimmtes gemeinschaftliches
Konzept – ein Konzept, das Europa zu einem Leuchtfeuer werden lässt, das
für die Zukunft der Welt richtungweisend sein kann, ein Konzept, das
konkrete Ergebnisse zeitigt, in Gestalt von mehr Arbeitsplätzen, mehr
Lebensqualität, weniger Kriminalität, eines leistungsfähigeren
Bildungssystems und einer besseren Gesundheitsfürsorge. Es steht außer
Frage, dass Europa sich dazu regenerieren und reformieren muss.“ Na also,
sie wissen es doch. Als Hochschullehrer hätte ich meinen Studenten unter
eine entsprechende Arbeit geschrieben: „Versuch es noch einmal.“ |