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André Brie, Beitrag
für das "Neue Deutschland", "Brüsseler Spitzen", 09.03.2007
Ohne Sozial-Union
oder keine weitere Integration
Die neoliberale
Offensive läuft. Nicht nur, aber
mit besonderer Schärfe auch in
Europa. Das jüngste, und wohl auch
eines der eklatantesten Beispiele dafür
ist die "Umstrukturierung" bei Airbus, die Tausende Arbeitsplätze
in Großbritannien, Spanien,
Frankreich und Deutschland kosten soll. Aber ebenso bezeichnend wie das
Vorgehen des EADS-Konzerns ist die Reaktion der Betroffenen: Natürlich
wird protestiert und gestreikt, allerdings schön
im eigenen Land und unabhängig
voneinander. Dass dabei Grußschreiben
ausgetauscht werden, ist eher protokollarischer Natur.
Europaweiter Widerstand, insbesondere der
linken Kräfte, gegen Neoliberalismus und neoliberale EU- Politik ist
dringend erforderlich und muss deutlich stärker, öffentlichwirksamer und
nachhaltiger werden. Das aber verlangt auch, ihn mit konstruktiven,
sozialen und demokratischen Alternativen zu verknüpfen. Keine politische
Kraft könnte heute proeuropäischer sein als die Linke, wenn sie den Kampf
für eine soziale Orientierung der EU nicht nur verbal führen würde. Dazu
muss sie sich den Gegebenheiten und der Frage stellen, ob sie die weitere
Integration will, welche Integration sie will, welche Antworten sie für
die gravierenden Herausforderungen hat. Ausgesprochen und unausgesprochen
gibt es auch in der deutschen Linken antieuropäische Positionen, die
teilweise mit ernst zu nehmenden Argumenten vertreten werden.
Ich teile die Kritik an der EU-europäischen
Realität: an der Dominanz des
Marktradikalismus, an der Abschottung gegenüber
dem Süden, an der Einschränkung
von Bürger- und Menschenrechten,
am Demokratiedefizit, an den machtpolitischen und militärischen
Ambitionen in den internationalen Beziehungen und der äußerst
unterentwickelten Bereitschaft, die europäischen
Außenpolitiken auf die Stärkung
der UNO und des Völkerrechts
auszurichten. Die inzwischen nicht mehr unwahrscheinliche Desintegration
und Renationalisierung und eine klammheimliche Freude eines Teils der
Linken am Scheitern der Europäischen
Union ist jedoch keine verantwortungsvolle Alternative. Denn am Ende stünde
ebenfalls eine neoliberale und sozial zerstörerische
europaweite Freihandelszone, die aber, anders als die EU, nicht nur
schwierige und unzureichende, sondern gar keine demokratischen und
sozialen Gestaltungsmöglichkeiten
erlaubte.
Will die Linke der Zerstörung sozialer
Sicherheit und Gerechtigkeit in den Nationalstaaten wirkungsvoll
entgegentreten, so muss sie zugleich für soziale Kohäsion und Solidarität
in der EU eintreten, für eine europäische Binnenmarktpolitik, für die
Reform des Maastrichter Stabilitäts- und Wachstumspaktes, die Veränderung
der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, für einen entscheidenden
europäischen Beitrag zur Reregulierung des Weltfinanzsystems sowie für
europäische Standards bei Unternehmenssteuern, Löhnen, Sozialleistungen,
gewerkschaftlichen Rechten.
Der Streit für
eine soziale Alternative und für
ein vereintes Europa ist in dieser Hinsicht untrennbar miteinander verknüpft.
Die tiefe Krise der europäischen
Integration ist zugleich die Chance ihrer grundlegenden Erneuerung.
Letzten Endes ist die weitere europäische
Integration nur noch denkbar, wenn sie zu einer Beschäftigungs-
und Sozialunion geführt wird.
Diesem Thema muss sich die Linke stellen - auch auf Konferenz der
Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Linksfraktion des Europaparlaments am
Wochenende in Berlin. |
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