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André Brie, 15. Januar 2007,
Gastbeitrag für die "Märkische Allgemeine Zeitung"
Schiiten kontra Sunniten?
Auch nach der Rückkehr von meiner
achten Reise in den Irak vor wenigen Tagen müssen meine Einschätzungen in
den meisten Fragen vorsichtig bleiben. Umso mehr erstaunen mich die
sicheren Urteile von Menschen, die nie dort gewesen sind.
Sehr Vieles wäre zu sagen, aber
ein Problem bewegt mich besonders: Die stereotype Darstellung der
Konflikte als schiitisch-sunnitische Auseinandersetzung. Es ist leider
charakteristisch, wenn der israelische Militärhistoriker Martin van
Creveld in der "Welt" vom 15. Januar schreibt, dass "Sunniten und Schiiten
gern die jeweils anderen massakrieren".
Ich habe etwa 4000 Irakerinnen
und Iraker aus allen Landesteilen in den anderthalb Wochen Anfang Januar
getroffen, darunter viele sunnitische schiitische Stammesführer, Christen
verschiedener Kirchen, Araber, Kurden, einen schiitischen Ayatollah. Von
150 Menschen habe ich individuelle Gesprächsnotizen aufgezeichnet. In
einer Frage waren sie sich absolut einig: Die täglichen Morde und Massaker
seien nicht Resultat religiöser Kämpfe ("sectarian fights"). Und bei aller
Beschränkung meines Urteilsvermögens: Ich halte es für richtig und
entscheidend, das zur Kenntnis zu nehmen. Erstens stellen wir mit diesem
einseitigen Bild, das irakische Volk als ein barbarisches, mordendes Volk
dar. In meinem eigenen Umfeld spüre ich längst diese Wirkung. Zweitens
stimmt diese Einschätzung in gefährlicher Weise nicht, und jede Strategie,
wie die angeblich neue des amerikanischen Präsidenten, die sich auf sie
gründet, muss fehlschlagen.
Natürlich gibt es historische
und aktuelle sunnitisch-schiitische Spannungen, und allzu oft wird den
täglichen Anschlägen eine solche Erscheinungsform gegeben. Eben das ist
das wesentliche Problem. Es ist die Strategie gleichermaßen der
hochgerüsteten Milizen und Todesschwadronen, einiger einflussreicher
schiitischer Religionsführer wie der sunnitisch dominierten al-Quaida-Zellen
im Irak das Land zu destabilisieren, indem blutige Konflikte zwischen den
verschiedenen Bevölkerungsgruppen geschürt werden. Die USA waren nach
ihrem Einmarsch bestrebt, eine völlig neue politische Machtgrundlage zu
schaffen.
Zwei Millionen Menschen (bei 24
Millionen Einwohnern!) wurden im Zuge der "Ent-Baathifizierung" aus der
Armee, der Polizei, den öffentlichen Verwaltungen, staatlichen Betrieben,
Schulen. Hochschulen, Krankenhäusern entlassen. Sunniten und Schiiten!
Unter den ursprünglich 55 von den USA meistgesuchten Verantwortlichen
waren 35 Schiiten. Dennoch propagierten und praktizierten die USA (und wir
alle) die Vorstellung, man könne sich bei der Demokratisierung nur auf
"die" Schiiten (und Kurden) stützen, während "die" Sunniten Träger des
alten Systems gewesen seien. Da die vielen über die Baath-Partei ebenfalls
mit dem Regime verbundenen Schiiten dafür ausfielen, blieben vor allem die
irakischen Emigranten im Iran und ein befremdendes, faktisches
Zusammenwirken der USA und des Iran im Irak. Es waren die USA, die die
fundamentalistischen Milizen offiziell lizenzierten, die sie jetzt (zu
Recht) als Bedrohung ansehen. Zur Zeit jedenfalls hat der Irak keine
handlungsfähige Regierung, allenfalls eine Milizenregierung, und die
meisten Parlamentsabgeordneten kann man eher in Amman, Doha oder Dubai
finden.
Ein Ausweg ist inzwischen sehr,
sehr schwierig geworden. Aber ohne realistische Einschätzungen und ohne
eine Regierung der nationalen Aussöhnung sowie die Entmachtung der Milizen
(oder ihre Integration in unabhängige Streitkräfte und Polizei) wird es
gar keinen geben. |
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