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André Brie, 7. August 2007, Kolumne für die Zeitung „Freitag“
Alternativen für Afghanistan
Die Forderung, die
Bundeswehr aus Afghanistan abzuziehen, ist gut begründet. Zum einen war
die Militärintervention der USA 2001 klarer Bruch des Völkerrechts. Krieg
löst ohnehin keine politischen Probleme, auch nicht die Eindämmung eines
aggressiven internationalen Terrorismus, sondern trägt maßgeblich zu
seinen Ursachen und seiner Expansion bei. Zum anderen sind die 2001 und in
den ersten zwei, drei Jahren danach noch vorhandenen Möglichkeiten einer
Stabilisierung Afghanistans gerade durch die Kriegführung der USA und
ihrer Bündnispartner und durch eine konzeptlose und verfehlte Politik der
internationalen Gemeinschaft weitgehend zunichte gemacht worden. Wenn
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier behauptet, „wenn wir jetzt
aufgeben, dann haben die Taliban ihr Ziel erreicht“, muss ihm geantwortet
werden, dass die 2001 kaum vorstellbare Renaissance der Taliban in
Afghanistan eben das Resultat der seitdem praktizierten internationalen
Politik in dem Land ist. Peter Scholl-Latour hat völlig Recht: „Die
Bundesregierung will davon ablenken, dass sie ratlos ist und kein Rezept
für Afghanistan hat.“
Als ich kurze Zeit
nach dem amerikanischen Einmarsch zum erstenmal Afghanistan besuchte, war
die Situation noch anders. Auch die Stammesältesten, die ich im
paschtunischen Süden traf, der inzwischen wieder weitgehend von den
Taliban beherrscht wird, waren einhellig der Meinung, dass nach 25 Jahren
Krieg und nach der reaktionären Herrschaft der Taliban, eine friedliche
Alternative notwendig und möglich sei. Noch 2003 konnte ich als einziger
Ausländer völlig sicher und gastfreundschaftlich umsorgt mitten unter
Afghanen in einer einheimischen Kabuler Pension wohnen und mich
mutersselenallein durch das Land schlagen, nach Mazar-i-Sharif und
Sherberghan. Das alles ist inzwischen undenkbar geworden. Trotz der
massiven internationalen Militärpräsenz gilt inzwischen fast die Hälfte
der Distrikte als „feindselig“ oder als gefährdet. Die von den USA und
ihren Partnern in Kauf genommenen zivilen Toten, darunter zahlreiche
Kinder und Frauen, sowie die koloniale Arroganz der US-Streitkräfte, haben
Tausende afghanische Familien zu Feinden der Besatzer und der
internationalen Gemeinschaft gemacht. Und Familie, das sind in Afghanistan
jeweils Hunderte Menschen. 92 Prozent der weltweiten Opium-Angebots kommen
aus Afghanistan; die Hälfte der afghanischen Wirtschaftsleistung beruht
auf dem Drogenanbau. Aus ihm finanzieren sich Feldkommandeure,
Stammesführer, hochrangige Regierungspolitiker, Terrorgruppen, der
umfangreiche Menschen- und Waffenhandel. Für viele afghanische Bauern ist
er die einzige wirtschaftliche Überlebensmöglichkeit. Die Warlords,
darunter überführte Kriegsverbrecher, mit denen die USA sich 2001
verbündet hatten, wurden nie entwaffnet und nicht entmachtet. Viele von
ihnen haben stattdessen zusätzlich Machtpositionen in der afghanischen
Regierung, Armee und Polizei erhalten.
Weder mit der
berüchtigten und zynisch als Operation „Enduring Freedom“ benannten
Kriegführung unter Führung der USA, noch mit den ISAF-Streitkräften sind
diese Probleme lösbar. Doch die internationale Gemeinschaft hat
tatsächlich eine enorme Verantwortung für die Stabilisierung, den Frieden
und den Wiederaufbau Afghanistans. Es war maßgeblich die Okkupation des
Landes durch die Sowjetunion, deren Soldaten zahllose entsetzliche und
niemals gesühnte Verbrechen begingen, die die gesellschaftliche Zerstörung
Afghanistans einleitete. Es waren die USA und ihre Geheimdienste, die die
brutalsten und zu jedem Verbrechen bereiten Kräfte zum Widerstand gegen
die Rote Armee organisierten, finanzierten und ausrüsteten. Es waren
schließlich die heutigen Bündnisgenossen der USA aus der Nordallianz die
Kabul und andere Teile des Landes endgültig bis zur Unkenntlichkeit
zerschossen und mit ihrem Bürgerkrieg den Sieg der Taliban ermöglichten.
Und die heutige Lage eben ist wiederum Ergebnis der internationalen
Politik. Deshalb und weil die afghanischen Völker nach dreißig Jahren
Krieg endlich eine friedliche und lebenswürdige Perspektive erhalten
müssen, nicht wegen eines angeblich möglichen Sieges der Taliban, gibt es
die internationale Verantwortung, Afghanistan nicht dem erneuten und
weiteren Zusammenbruch und einem neuen Bürgerkrieg zu überlassen.
Ich will nicht
verhehlen, dass die Möglichkeiten dafür dramatisch verschlechtert wurden.
2001, 2002 hätte die internationale Gemeinschaft mit massivsten
finanziellen und anderen Anstrengungen eine einigermaßen funktionierende
afghanische Armee und Polizei aufbauen müssen und können. Ob das jetzt
noch möglich ist, ist fraglich. 2001, 2002 hätten die Warlords entwaffnet
und entmachtet werden müssen. Diese Aufgabe besteht fort, ob sie noch
realisierbar ist, ist inzwischen offen. Es gibt zwei völlig missachtete
Probleme: Erstens braucht die afghanische Landwirtschaft eine attraktive
Alternative zum Opiumanbau. Dazu muss sie für lange Zeit und mit großem
internationalen Finanzaufwand für Preisstützungen und Investitionen gegen
den „freien“ Weltmarkt abgeschottet werden, und es muss ihre Infrastruktur
(Bewässerung, Lagerung, Verarbeitung, Verkehrswege) aufgebaut werden.
Zweitens muss endlich die gesamte internationale Hilfe in die Hände und
Verantwortung der Afghanen selbst gelegt werden. Bis heute werden die
meisten Programme von den Geberländern, der UNO, der Weltbank oder
internationalen NGOs geleitet. Der afghanische Landwirtschaftsminister
Mohammad Ehsan Zia
hat es zum wiederholten Male gefordert: „Sie
argumentieren, die Kapazitäten des afghanischen Staates seien immer noch
zu schwach, um es anders zu machen. Aber die Kapazitäten werden schwach
bleiben und unsere Ministerien werden nichts dazulernen, wenn sie nicht
die Ressourcen erhalten, um selbst etwas zu unternehmen.“ Hier, nicht in
der weiteren militärischen Besetzung Afghanistans, liegt der eigentlich
Schlüssel für die schwierige, aber hoffentlich noch nicht endgültig
zerstörte Möglichkeit, das Land zu stabilisieren. |
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