|
André Brie, 1. März 2007, Beitrag für den "Freitag"
Europa: Schwarzes Loch für die Roten?
Reden wir nicht darum herum: Europa ist ein Stiefkind
der deutschen Linken (in Italien sieht es anders aus). Das zeigt auch ein
Blick in die "Programmatischen Eckpunkte" für die Neubildung einer
Linkspartei in Deutschland. Abgesehen von einer allgemeinen Passage zur
europäischen Integration und einer kurzen Kritik der militärischen
Ambitionen der EU, werden sowohl die aus der EU-Politik entstehenden
sozialen und politischen Probleme als auch die programmatischen
Erfordernisse und Chancen zeitgemäßer linker Politik und sozialer Kämpfe
in der EU ignoriert. Soziale und beschäftigungspolitische Alternativen
oder Demokratisierung werden beispielsweise für alle nationalstaatlichen
Bereiche gefordert, nicht für die EU. Angesichts der Tatsache, dass -
vereinfacht - etwa 80 Prozent der deutschen Gesetzgebung auf Brüsseler
Verträgen oder Richtlinien beruht oder von ihnen maßgeblich beeinflusst
wird, sowie der intensiven wirtschaftlichen Verflechtung in der EU, ist
diese Vernachlässigung zumindest sträflich. Und wenn man nicht die
Hoffnung hegt, die EU würde sich in Kürze erledigen, ist sie schwer zu
verstehen. Die Verkürzung linker EU-Politik auf den praktischen Protest
(gegen den Monetarismus der Maastricht-Verträge, die unsoziale
EU-Verfassung oder die Dienstleistungsrichtlinie) reichen für eine
strategische Ausrichtung linker EU-Politik nicht aus.
Die Ablehnung der „Vereinigten Staaten von Europa“
durch Lenin ("Vom Standpunkt der ökonomischen Bedingungen des
Imperialismus, d.h. des Kapitalexports und der Aufteilung der Welt durch
die 'fortgeschrittenen' und 'zivilisierten' Kolonialmächte, sind die
Vereinigten Staaten von Europa unter kapitalistischen Verhältnissen
entweder unmöglich oder reaktionär.", August 1915) gilt in einigen linken
Kreisen noch immer als unverrückbar. Und dies, obwohl fast einhundert
Jahre, zwei verheerende Weltkriege und die rasanten internationalen und
sozialökonomischen Veränderungen der Gegenwart dazwischen liegen. Eine
ernsthafte Diskussion über das Europa von heute, das natürlich das "System
EU" einschließt, scheint in einem nicht unerheblichen Teil der Linken
unmöglich - und ist doch nötiger denn je.
Die europäische Integration ist gegenwärtig aus
drei unterschiedlichen, aber miteinander verknüpften Richtungen real
bedroht: Zum einen vom fortlebenden und wieder erstarkenden Nationalismus,
der insbesondere die aktuellen Europapolitiken Großbritanniens und Polens
und trotz verbaler Abgrenzung auch das Konzept Vaclav Klaus' bestimmt. Im
Nizza-Vertrag von 2000 hat diese Politik einen regierungsoffiziellen
Erfolg feiern können. Eines der vor allem von rechtsnationalen Kräften
offen erklärten Instrumente ist im übrigen eine prinzipien- und
voraussetzungslose geografische Erweiterung der Europäischen Union mit dem
Ziel, den inneren Zusammenhalt der EU zu lockern sowie den politischen und
supranationalen Charakter der Integration zu blockieren. Zum anderen haben
die Regierungen in den geltenden Verträgen ebenso wie im gescheiterten
Verfassungsvertrag den realen Widerspruch und die erforderliche Einheit
von geografischer Erweiterung und Vertiefung der Integration so sträflich
unzureichend beantwortet, dass die Erweiterung bereits zur Bedrohung für
den Bestand, erstrecht für die Vertiefung der Integration geworden ist.
Das darf kein Argument gegen weitere Beitritte von Ländern, die es
wünschen, sein, zumal dauerhafte Stabilität und Frieden auf dem westlichen
Balkan ohne eine solche Perspektive kaum denkbar scheinen. Es ist
kontraproduktiv und unnütz, die Frage nach den geografischen Grenzen der
Europäischen Union zu stellen oder weitere Beitritte zu stoppen; es muss
endlich die Frage nach dem politischen Ziel der europäischen Integration
und deren inhaltlichen, vertraglichen und institutionellen Konsequenzen
beantwortet werden (auch wenn diese Finalität in einer ferneren Zukunft
sich neu darstellen könnte). Das gilt auch und besonders für die Linke.
Nur auf diesem Wege werden auch die geografischen Grenzen sichtbar und von
den betroffenen Völkern und Staaten selbst bestimmt werden können.
Schließlich, und das ist die tatsächlich machtvollste Bedrohung, ist es
der seit den achtziger Jahren (Einheitliche Europäische Akte 1987, Vertrag
von Maastricht 1992) zur Vertragsgrundlage avancierte neoliberale Markt-
und Wettbewerbsradikalismus, der die europäische Integration in ihrer
Grundsubstanz gefährdet. Von den Regierungen erklärt und sicherlich zum
Teil auch beabsichtigt als vertiefte Integration stellt er im Zuge seiner
Durchsetzung und Weiterführung bis hin zur Lissabon-Strategie von 2000 und
dem Verfassungsvertrag in Wirklichkeit die europäische Einigung in Frage.
Die Linke lehnt ihn zu Recht als Angriff auf das europäische Sozialmodell
(die unterschiedlichen europäischen Sozialmodelle) ab; sie hätte auch
Grund, ihn als Bedrohung der europäischen Integration abzulehnen.
Die inzwischen nicht mehr unwahrscheinliche
Desintegration und Renationalisierung und eine klammheimliche Freude eines
Teils der Linken am Scheitern der EU ist keine verantwortungsvolle
Alternative zu der Forderung, Europa bewusst und aktiv zu gestalten. Denn
erstens wird die von linken Gegnern der EU bevorzugte Definition der
Staatengemeinschaft als einem imperialistischen Machtblock nicht der
differenzierteren Realität in Europa, den positiven historischen Seiten
der bisherigen Integration sowie den sozialen, demokratischen und
ökologischen Möglichkeiten der europäischen Integration gerecht. Wobei
bekannt ist, dass diese Möglichkeiten weitgehend brach liegen. Sie wären
das eigentliche Feld linken Nachdenkens und linker Kämpfe. Zweitens kann
wohl niemand ernsthaft bezweifeln, dass am Ende der Desintegration nicht
die wohlige Heimeligkeit oder gar ein soziales Deutschland, Frankreich
usw. stünden, sondern eine ebenfalls neoliberale und sozial zerstörerische
europaweite Freihandelszone ohne demokratische Gestaltungsperspektive.
Drittens schließlich würden die Möglichkeiten für eine strukturelle
Kriegsunfähigkeit und die Überwindung des zerstörerischen europäischen
Nationalismus gefährdet werden.
„Man kann nicht mit drei Millionen Arbeitslosen in
jedem größeren Land leben. Mit einer so hohen Arbeitslosenrate ist es
unmöglich, die positiven Aspekte der Konstruktion Europas zu zeigen“,
meinte noch 1993 der langjährige Präsident der EU-Kommission Jaques
Delors. Zu jener Zeit war das neoliberale Europa schon auf Kurs gebracht.
Spätestens seit Margaret Thatcher in den 70er Jahren die TINA-Losung zum
Sozialabbau ("There Is No Alternative") ausgab, ist die damit ideologisch
begründete Politik eines antisozialen roll back Gemeingut der herrschenden
europäischen und nationalen Politik geworden. Die Alternative zum
Neoliberalismus in Europa ist zum einen die Verteidigung und Erneuerung
Sozialstaats in den Mitgliedsländern, zum anderen aber der Streit für eine
Europäische Sozialunion, für die Entwicklung eines europäischen
Sozialstaatsmodells, das die nationalen Besonderheiten mit einer sozialen
und solidarischen Neuausrichtung der europäischen Integration verbindet.
En vereinigtes Europa ist nur noch denkbar als soziales Europa. Jeder
andere Weg wird zur Desintegration führen. Niemand wäre daher so
prädestiniert, diesen Kampf zu führen, niemand könnte proeuropäischer sein
als die Linke – „wenn sie es sich nur traute“ (Michael Krätke) und diese
Verantwortung und Herausforderung annähme. |
|