ANDRÉ BRIE    
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Ein Dossier von Dr. André Brie, MdEP (Linkspartei), 25. April 2007: 

Die Beziehungen zwischen Europäischer Union und USA vor dem Gipfeltreffen am 30. April 2007 / Positionen des Europäischen Parlaments

 

Zwischen Spannung und Annäherung 

Die offizielle Agenda des Gipfeltreffens zwischen EU und USA am 30. April 2007 in Washington sieht drei Hauptkomplexe vor: Ausbau der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen, Energie und Klimaschutz sowie Außen- und Sicherheitspolitik. Obwohl insbesondere auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Zusammenarbeit weitere Schritte zur Ausräumung von Hindernissen zu erwarten sind, bleibt das Konfliktpotenzial gerade im Zusammenhang mit dem Klimaschutz und der Sicherheitspolitik groß. Kyoto-Protokoll, Nah- und Mittelost-Politik oder der in Osteuropa geplante Raketenschirm sind nur einige Stichworte dafür.

 

 

Die Grundlagen der Beziehungen  

Zu den vertraglichen Grundlagen der Beziehungen USA-EU gehören: 

- Die “Transatlantische Erklärung” (1990) stellte die Grundlage für eine Institutionalisierung der Beziehungen zwischen EU und USA dar. 

- Die “Neue transatlantische Erklärung” (1995), mit der ein “people-to-people-Dialog” unter Einbeziehung verschiedenster gesellschaftlicher Gruppierungen eingeleitet werden sollte. Insbesondere Wirtschafts- und Arbeitnehmerverbände sowie Umwelt- und Verbraucherorganisationen sollten an Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Vor dem Hintergrund der Entwicklung auf dem Balkan und im Nahen Osten wurde eine verstärkte Zusammenarbeit bei regionalen Konfliktherden vereinbart. Zu weiteren Schwerpunkten der Zusammenarbeit wurden globale Herausforderungen (Terrorismus, Umweltschutz, Nichtweiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen etc.) sowie Handel und Wirtschaft erklärt. 

- Die "Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft" (1998), mit der die gegenseitige Marktöffnung und der Abbau von Handelshemmnissen forciert werden sollte. 

- Die "Bonner Erklärung" (1999). Darin wurden die Herausforderungen der transatlantischen Beziehungen zum Beginn des neuen Jahrhunderts definiert und die gleichberechtigte Partnerschaft Europas bei der Lösung regionaler und globaler Fragen fixiert. Daneben wurden Prinzipien und Mechanismen zur “Früherkennung potentieller transatlantischer Meinungsverschiedenheiten”, insbesondere im Handelsbereich, vereinbart. 

Seit 1990 werden regelmäßige Gipfeltreffen zwischen Europäischer Union und den USA durchgeführt.

 

 

Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen  

Seit dem letzten EU-USA-Gipfel im Juni 2006 sind die ohnehin schon engen und vielfältigen Wirtschaftsbeziehungen zwischen USA und EU weiter ausgebaut worden. Die USA sind der wichtigste Handelspartner für die EU, für die Vereinigten Staaten stehen die Europäer nach Kanada an der zweiten Stelle. Im Jahr 2005 exportierten die EU-Staaten Waren im Gesamtwert von 250 Milliarden Euro in die USA, der umgekehrte Fluss entsprach einem Wert von 234 Milliarden Euro. 13,3 Prozent aller importierten EU-Waren kommen aus den USA, 23,7 Prozent der europäischen Exporte gehen in Richtung USA. Stark angewachsen ist auch der Handel mit Dienstleistungen. Nach wie vor existieren jedoch Handelsstreitigkeiten. Diese betreffen insbesondere Verbraucherschutzfragen (z.B. hormonbehandeltes Fleisch und gentechnisch veränderte Getreideprodukte und Nahrungsmittel) und die Ausnutzung von Monopolstellungen durch einzelne Unternehmen.

 

Neue Entwicklungen: 

■ Die im Juni 2005 auf dem damaligen Gipfel zwischen EU und USA vereinbarte transatlantische Wirtschaftsinitiative für eine verstärkte Kooperation bei Regulierungs- und Standardisierungsfragen und beim Schutz geistiger Eigentumsrechte wurde erweitert. Auf dem letztjährigen Gipfel wurde die Absicht bekräftigt, die Initiative auf weitere Themenbereiche auszudehnen. 

 ■   Im Juni 2006 sprach sich das Europäische Parlament für eine Erneuerung der bilateralen Beziehungen auf Grundlage eines neuen, noch in diesem Jahr abzuschließenden transatlantischen Partnerschaftsabkommens und die Verwirklichung eines gemeinsamen "transatlantischen Marktes ohne Schranken“ aus. Auch in den USA wurden ähnliche Forderungen erhoben. Dabei geht es um die Schaffung einer Transatlantic Free Trade Area (TAFTA), die gut 700 Millionen Konsumenten und 60 Prozent der Weltproduktion umfassen würde. Die amtierende EU-Ratspräsidentin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, bekräftigte diesen Vorschlag und sprach erst vor wenigen Tagen von der Notwendigkeit einer "Rahmenvereinbarung über eine transatlantische Wirtschaftspartnerschaft". Sie betonte, langfristig solle ein gemeinsamer Markt geschaffen werden.  

 

Bekämpfung des internationalen Terrorismus, Irak-Krieg, Iran 

Nach anfänglicher partieller Ablehnung (wobei die Gründe sehr unterschiedlich waren) toleriert die EU inzwischen den  US-Kurs bzw. trägt ihn mit. Eines der jüngsten Beispiele dafür ist die militärische Beteiligung europäischer Staaten an der Afghanistan-Mission und die Ausweitung der Mitwirkung, auch durch Entsendung deutscher Tornados. Im Falle der dramatischen Situation in Irak scheint sich die EU inzwischen auf eine Laissez-faire-Politik gegenüber London und Washington zurückgezogen zu haben. Und dies, obwohl hier ein wirksamer Vermittlungsbeitrag ebenso dringend nötig wäre wie nachhaltiges Engagement beim Wiederaufbau des Landes sowie der Entwicklung eines handlungsfähigen Staatswesens und einer starken Zivilgesellschaft. Anhaltend ist dagegen die Kritik an der Verletzung von Menschenrechten im US-amerikanischen Kampf gegen den Terrorismus. Allerdings ist dies nicht zuletzt der sensibilisierten Öffentlichkeit in Europa geschuldet.

 

Neue Entwicklungen 

 ¡ Auf dem EU-USA-Gipfel 2006 erklärte US-Präsident George Bush,er beabsichtige, das Gefangenenlager in Guantanamo zu räumen. Allerdings machte  Bush dazu keine konkreteren Angaben. Bereits in einer Resolution vom 13. Juni 2006 hat die überwältigende Mehrheit der Abgeordneten des Europäischen Parlaments die Verletzungen des Völker- und der Menschenrechts, wie sie tagtäglich im US- Gefangenenlager Guantanamo geschehen, verurteilt. Inzwischen haben erste Prozesse gegen Guantanamo-Häftlinge vor Sondertribunalen stattgefunden bzw. sind eingeleitet worden. Auch in den vergangenen Monaten hat das Europäische Parlament  wiederholt auf eine menschenwürdige Behandlung der Guantanamo-Insassen und die Notwendigkeit fairer und rechtsstaatlicher Verfahren gedrängt. Erst Mitte April und erneut in ihrer Menschenrechtsresolution vom 26. April 2007 hat die Parlamentsmehrheit abermals vor Menschenrechtsverletzungen durch die USA im Kampf gegen den Terror gewarnt und die Schließung von Guantanamo gefordert.  

■ Keine Reaktion der US-Regierung gab es auf die scharfe Kritik des Sonderausschusses des Europaparlaments zu illegalen CIA-Aktivitäten in Europa. Zwischen 2001 und 2005 haben laut Untersuchungen des Ausschusses mindestens 1.245 Flüge der CIA in Europa stattgefunden. Auch die europäischen Länder hätten "ein Auge zugedrückt oder Flüge der CIA zugelassen". In einigen Fällen hätten vorübergehend eingerichtete geheime Haftanstalten sich möglicherweise auf US-Militärstützpunkten in der EU befunden. Außerordentliche Überstellungen, rechtswidrige Verhaftungen und systematische Folterungen vieler Menschen dauerten weiterhin an, so der Ausschuss. Die US-Regierung selbst habe erklärt, sie werde weiterhin außerordentliche Überstellungen durchführen und geheime Inhaftierungslager unterhalten. Die Abgeordneten verlangen daher ein Gipfeltreffen der EU und der USA zur Terrorismusbekämpfung, "um derartigen unmenschlichen und illegalen Praktiken Einhalt zu gebieten".geschuldet. 

 ■ Nachdem der Europäische Gerichtshof (EuGH) am 30. Mai 2006 entschieden hatte, dass das Abkommen zur Übermittlung von Flugpassagierdaten an US-Behörden wegen fehlender Rechtsgrundlage gekündigt werden muss, soll bis Mitte des Jahres die Weitergabe der Daten neu geregelt werden. Anfang April sprachen die Innen- und Justizminister der EU und der USA von "großen Fortschritten" in dieser Hinsicht. Gegenwärtig können die US-Sicherheitsbehörden 34 persönliche Daten von Reisenden aus Europa zurückgreifen, darunter u.a.  Kreditkarteninformationen und Telefonnummern. Der Vizepräsident der EU-Kommission Franco Frattini betonte, für Brüssel sei die "Wahrung der Verhältnismäßigkeit" wichtig, zudem müsse klar sein, für welchen Zweck die Daten gesammelt würden. Nicht vollständig geklärt  ist auch die visafreie Einreise von EU-Bürgern in die USA. Bislang unterliegen zwölf Mitgliedstaaten - insbesondere die Neumitglieder - einer Visumpflicht.

 

Klimapolitik 

Die USA und die EU sind mit insgesamt 38 Prozent des Gesamtaufkommens nicht nur die größten Energieverbraucher der Welt, auf sie entfallen zugleich etwa 39 Prozent des weltweiten Ausstoßes von Treibhausgasen. Das im Dezember 1997 angenommene Kyoto-Protokoll verpflichtet die Industrieländer, ihre kollektiven Emissionen von sechs Treibhausgasen um 5,2 Prozent im Vergleich zum Niveau von 1990 zu verringern. Während sich die EU freiwillig zur Reduzierung der Emission um 8 Prozent verpflichtete (wenngleich dies angesichts der gegenwärtigen Politik kaum  erreichbar scheint), erteilte die US-Regierung dem "fehlerhaften" Kyoto-Protokoll im März 2001 eine Absage.

 

Neue Entwicklungen 

 Mit der Vorlage des zweiteiligen UNO-Klimareports hat sich die Kritik an der Klimapolitik der USA weiter verschärft. Obwohl auch die EU weit hinter Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Reduzierung der Treibhausgasemission zurück bleibt, wird auch von Brüssel inzwischen die deutliche Forderung nach Änderung der US-Umweltpolitik erhoben. Insbesondere EU-Umweltkommissar Stavros Dimas rief die USA in den vergangenen Monaten mehrfach zur Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls und zu ernsthaften Schritten beim Klimaschutz auf. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte jedoch bereits, die Gipfel-Vorgespräche mit den USA zur Klima- und Energiepolitik gestalteten sich "ungleich viel schwieriger" als jene über Wirtschaftsfragen.  

 

Raketenabwehr 

Nicht gelöst ist auch das Problem des von den USA in osteuropäischen EU-Ländern geplanten Raketenabwehrsystems. Das Vorhaben führt zu deutlicher Verstimmung in Moskau. Gerade die Verbesserung der Beziehungen zu Russland und damit nicht zuletzt die Sicherung der Energieversorgung EU-Europas hatte sich jedoch die deutsche Ratspräsidentschaft auf die Fahne geschrieben. Offensichtlich ist der US-amerikanische Plan aber nicht nur unter den EU-Staaten umstritten, sondern wird auch von den Koalitionspartnern der Bundesregierung differenziert bewertet. Im Europäischen Parlament haben die Sozialdemokratische, die Grüne und die Linke Fraktion sich kritisch geäußert. Während Bundeskanzlerin Merkel versucht, die Verantwortung für das Raketenprojekt der NATO zuzuschieben, erklärte Außenminister Steinmeier im März in Washington, er halte die Pläne für "legitim".

 
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