 |
| EUROPA | ANFRAGEN, ARTIKEL,
BRIEFE, PRESSEMITTEILUNGEN, REDEN |
 |
 |
|
 |
 |
Sehr geehrter Herr Brie,
Wir besuchen die 11. Klasse des Hartmanni-Gymnasiums Eppingen.
In Gemeinschaftskunde beschäftigen wir uns mit Europa und der EU, und
im Rahmen eines Projektes möchten wir einige Fragen an Sie richten.
Europa halten wir insgesamt für eine gute Sache, die bedeutend zur
Einigung und zur Verständigung auf der Welt beiträgt. Wir sehen aber
auch die sich immer weiter ausbreitende Gleichgültigkeit in der Gruppe
unserer Gleichaltrigen. Bei unseren Recherchen zur Berliner Erklärung
sind wir auf einige Aspekte gestoßen, zu denen wir daher gerne Ihre
Meinung wüssten.
In der Berliner Erklärung heißt es, dass wir Bürger der europäischen
Union "zu unserem Glück vereint" sind. Dies mag ja größtenteils
zutreffen, aber ist es unser Glück, wenn Bürger aus den Osteuropäischen
Mitgliedstaaten nach Deutschland kommen und für spottbillige Löhne bei
uns arbeiten, während viele Deutsche arbeitslos sind?
Oder kann man es etwa Glück nennen, wenn deutsche Firmen ins
europäische Ausland abwandern, um dort billiger zu produzieren und die
Arbeitsplätze mitnehmen? Gerade dies wird doch von der neuen
EU-Dienstleistungsrichtlinie begünstigt und legalisiert.
Im zweiten Abschnitt ist vom gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus
die Rede, wenig später vom Zurückdrängen von Armut, Hunger und
Krankheiten. Das sind zwar große und ehrbare Ziele, aber in der Berliner
Erklärung findet sich nicht ein Wort zu deren konkreten Umsetzung.
Was wird wirklich getan gegen Hunger und Armut, gegen die
Klimaerwärmung, gegen Terrorismus und die anderen Probleme, die in der
Berliner Erklärung angesprochen werden?
Ein Europa wie in der BE beschrieben klingt für uns wünschenswert,
aber doch stark nach Utopia, denn die Ziele erscheinen kaum in
absehbarer Zeit erreichbar. Trotzdem wollen wir uns für Europa
einsetzen. Denn auch wir wissen: Europa kann unsere gemeinsame Zukunft
sein. Aber nur, wenn alle mithelfen und die Beschlüsse und Regelungen
zum Vorteil aller sind.
Wir haben unsere Thesen bewusst provokant formuliert, aber in dieser
Form werden sie (wenn überhaupt) unter uns Jugendlichen diskutiert. Uns
ist dabei wichtig, deutlich zu machen, dass für unsere Generation die
Europäische Idee kein "Selbstläufer" ist. In unserer Klasse jedenfalls
wurde die BE keineswegs so positiv aufgenommen, wie sie formuliert ist.
Wir hoffen, dass Sie uns mit ihren Antworten weiterhelfen können. Wir
würden uns freuen, wenn Sie persönlich und am Besten innerhalb der
nächsten beiden Wochen antworten könnten.
Herzlichen Dank für Ihre Bemühungen
Mit freundlichen Grüßen
Ella Emmert, Johanna Hötzer und Annika Oberländer
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Liebe Ella Emmert, liebe Johanna Hötzer,
liebe Annika Oberländer,
bitte entschuldigen Sie die etwas späte
Antwort. Ich bin zur Zeit Berichterstatter des Parlaments für ein
ziemlich kompliziertes Gesetz zur Marktüberwachung. Heute habe ich
meinen Entwurf fertig gestellt, aber es war für mich zeitaufwändig und
nicht leicht, mich in die schwierige Thematik einzuarbeiten, ganz
abgesehen von zahllosen Beratungen mit europäischen und nationalen
Organisationen und Experten. Nun gut.
Über Ihre E-Mail und Ihr Interesse habe
ich mich sehr gefreut. Es ist selten, dass sich Menschen in der EU mit
diesen Themen befassen. Das Desinteresse, das Sie beschreiben, erlebe
ich oft, auch im eigenen Umfeld. Es ist für mich erklärlich, weil die EU
weit weg scheint, bürokratisch, bürgerfern und wenig verständlich.
Zugleich bestimmt europäische Politik jedoch unseren gesamten Alltag,
die wirtschaftliche Entwicklung, die sozialen und ökologischen
Bedingungen in unseren Gesellschaften. Ob man morgens das Licht
einschaltet (europäische Stromdurchleitungsrichtlinie), den Wasserhahn
aufmacht (Wasserrichtlinie), mit dem Schulbus fährt (die
Sicherheitsstandards sind europäisch geregelt) oder Elektrogeräte kauft,
deren Sicherheits-, Gesundheits- und Umweltgesichtspunkte alle
europäisch geregelt sind (damit hat auch mein Gesetzentwurf zu tun) -
wir haben immer mit Europa zu tun. Landwirtschaftspolitik ist fast
vollständig europäisch. Im Mittelalter war neben dem Recht, Krieg zu
führen, das Recht auf eine eigene Münze der höchste Ausdruck der
Souveränität eines Staates. Dieses Recht haben wir auch an die EU
abgegeben. Ob man das alles gut oder problematisch findet, mag man
diskutieren. Aber es zeigt, wie weit unsere Lebensbedingungen heute
europäisch geregelt werden. Deshalb hoffe ich immer, dass Menschen trotz
aller Schwierigkeiten, sich auch mehr für die EU interessieren und sich
einmischen. Offensichtlich fühlen sich die meisten davon aber
überfordert, und die Informiertheit ist ohnehin gering, zumal auch die
Medien sich selten damit beschäftigen.
Ich teile Ihre Einschätzung
vollständig, dass Europa, die europäische Einigung und
Integration, grundsätzlich "eine gute Sache" ist. Am wichtigsten ist
mir, dass diese einzigartige Entwicklung den Krieg zwischen den
beteiligten Ländern ein für alle Mal verbannt hat. Für uns mag das eine
Selbstverständlichkeit sein, aber immer, wenn ich in Strasbourg bin, wie
gerade jetzt, wird mir das deutlich. Entsetzliche Kriege zwischen
Deutschland und Frankreich sind um diese Region geführt worden, getragen
auch vom hass zwischen den Bevölkerungen. Als Erbfeinde hat man sich
gesehen. Heute kann ich vom Parlament zu meinem Hotel auf deutscher
Seite über den Rhein joggen und nehme nicht einmal einen Ausweis mit.
Hunderte Menschen fahren jeden Tag aus Deutschland nach Frankreich oder
umgekehrt zur Arbeit. Krieg zwischen unseren Völkern ist undenkbar
geworden. Das ist zweifellos eine wunderbare Situation, und manchmal
sollten wir uns bewusst machen, wie wenig selbstverständlich oder auch
nur realistisch diese Vision noch für unsere Großeltern gewesen ist. Auf
dem Balkan, wo noch vor wenigen Jahren blutige Kriege geführt wurden,
ist die Perspektive einer EU-Mitgliedschaft der einzige wirksame Faktor,
die Konflikte dauerhaft zu lösen. Frieden ist auch eine sehr aktuelle
Aufgabe, und ich wünschte mir eine viel aktivere und gemeinsame Politik
der EU auch im Nahen Osten oder anderen Krisen- und Kriegsgebieten, um
zu Frieden und Verständigung beizutragen. Ich war in den letzten drei
Jahren acht Mal im Irak. Was ich dort erlebt, gesehen und gehört habe,
ist grauenhaft. Aber von der EU ist dort nichts zu spüren (wenn es Sie
interessieren sollte, können Sie meine Tagebuchnotizen von solchen
Reisen auf meiner Homepage finden: www.andrebrie.de).
Es gibt andere wichtige Seiten der
europäischen Integration, die ich positiv einschätze oder die zumindest
positive Möglichkeiten bilden: der große gemeinsame Wirtschaftsraum, mit
dem auf die negativen Seiten der Globalisierung reagiert und die
europäischen Sozialmodelle verteidigt und weiterentwickelt werden
könnten; die Freizügigkeit für Menschen, die überall in Europa arbeiten
und lernen können; der freie Zugang zur so vielfältigen europäischen
Kultur. Die Realität ist jedoch bei weitem nicht immer so positiv. Ich
sehe Vieles in der gegenwärtigen europäischen Politik sehr kritisch. Ich
füge meinem Brief auch einige Ausarbeitungen an, in denen ich darauf
ausführlicher, analytischer und argumentativer eingehe. Ob Sie das
wirklich lesen wollen, weiß ich aber nicht. Sie würden jedoch viel
Übereinstimmung mit Ihren eigenen Einschätzungen und kritischen Fragen
finden. Sie haben völlig Recht, wenn Sie schreiben, dass "die
Europäische Idee (für Ihre Generation, aber auch für andere) kein
Selbstläufer ist." Es wäre dringend notwendig, dass Menschen sich wieder
stärker mit der europäischen Einigung identifizieren könnten. Dafür
hilft aber nicht eine bessere Propaganda; dazu müssten die Menschen die
EU vor allem in sozialer Hinsicht positiv erleben können.
Das Lohn-Dumping und die Arbeitslosigkeit, die Sie in Ihrer ersten
Kritik ansprechen, ist das wohl schlimmste Problem. Für die
Betroffenen sowieso, aber auch für die europäische Einigung. gerade in
dieser Hinsicht teile ich auch Ihre Meinung zur
EU-Dienstleistungsrichtlinie, gegen die ich als Obmann
(Koordinator) meiner Fraktion im Binnenmarkt- und
Verbraucherschutzausschuss vehement gekämpft habe. Ich finde es aber
vor allem schlimm, wenn durch diese Politik die Schwächsten in der
Gesellschaft, Menschen, die arbeitslos sind oder im Niedriglohnsektor
arbeiten, gegeneinander ausgespielt werden (Polen gegen Deutsche und
umgekehrt usw.). Immerhin muss eins auch angemerkt werden: Die
deutsche Wirtschaft ist der größte Nutznießer der europäischen
Integration und der EU-Erweiterung. Abgesehen von den vielen
polnischen, tschechischen, ungarischen oder rumänischen Firmen,
Zeitungen und Banken, die von deutschen Konzernen aufkauft wurden, hat
Deutschland auch einen Handelsüberschuss von weit über 10 Milliarden
Euro mit den neuen EU-Ländern. Rund vierhunderttausend Arbeitsplätze
in Deutschland sind dadurch entstanden oder gesichert. Die von Ihnen
geschilderten Probleme werden davon jedoch nicht gelöst, und die
Wirtschaft profitiert, aber an der Finanzierung der EU und ihrer
Erweiterung ist sie praktisch nicht beteiligt. Das müssen die
Steuerzahler tun. Ganz ähnlich sehe ich das zweite Problem, dass Sie
ansprechen. Die EU ist zwar weltweit der größte Geldgeber für
Entwicklungshilfe und Armutsbekämpfung, aber erstens reicht das bei
weitem nicht aus, zweitens produzieren wir vielfach die Ursachen für
Armut, Unterentwicklung und Umweltprobleme durch unsere Politik. Ja,
die Berliner Erklärung enthält einige schöne Ziele, die reale
europäische Politik aber wird ihnen nicht nur nicht gerecht, sondern
gefährdet sie.
Meine Schlussfolgerung aber ist die gleiche wie Ihre: Nicht
Antieuropäismus, sondern die Veränderung europäischer Politik ist die
Lösung. Es ist auch für mich ungemein wichtig, dass Sie schreiben:
"Europa kann unsere gemeinsame Zukunft sein. Aber nur, wenn alle
mithelfen und die Beschlüsse und Regelungen zum Vorteil aller sind."
Ach, ich würde Ihnen gern noch mehr dazu schreiben, aber abgesehen von
meiner Zeit, wird es ja auch nicht besser und lesbarer, wenn es noch
länger würde.
Ich grüße Sie herzlich,
André Brie
|
|
|
|
|