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André Brie, 30. Juli 2007, Gastbeitrag für die
„Sächsische Zeitung“
Globalisierung: Wie international ist die Linke?
Links sein war stets Gegenstand heftiger
Auseinandersetzungen unter den Linken selbst. Nicht selten ging und geht
es dabei um ideologische Fragen, vor allem darum, wer die richtige Theorie
und wer Recht habe. Unsere Lehre ist allmächtig, weil sie wahr ist. Dieser
Anspruch auf ein Wahrheitsmonopol der staatskommunistischen Parteien lebt
durchaus fort. Die Kinderkrankheit der Linken kann auch zu ihrem
Alterstarrsinn werden. Als ob die Probleme unserer Zeit und unserer
Gesellschaften und die notwendigen Antworten nicht kompliziert wären. Die
meisten Menschen wissen es besser. Die reine linke Lehre hat es immer
leichter. Nur mit den Widersprüchen und realen Bedingungen der Politik hat
sie oft nichts zu tun. Wer ihr nicht folgt, wird als Verräter
gebrandmarkt, ultimativ zur Linientreue aufgefordert, ausgeschlossen oder,
wenn das scheitert, spaltet man sie heraus, wie derzeit in Dresden. In der
kommunistischen Bewegung war das ein vielfach genutztes Mittel, in der
Oktoberrevolution, im Umgang der Kommunistischen Internationale mit der
USPD, in der KPD und auch in der SED. Mit den dramatischsten und
verbrecherischen Seiten dieser Politik haben sich die PDS und die neue
Linke auseinandergesetzt, mit der Alltagskultur und –geschichte dieses
Denkens kaum.
Das ideologische Rechthabenwollen der Linken
interessiert die meisten Menschen nicht. Sie folgen da eher einem
abgewandelten Gedanken Bert Brechts: Stell dir vor, es sind linke
Grabenkriege, und niemand geht hin. Sie gehen nicht hin. Sie wenden sich
ab. Die politische Seite linker Politik jedoch ist wichtig, auch für
Menschen, die der Linken fern stehen. Unsere Gesellschaft braucht das
pluralistische und öffentliche Ringen wertkonservativer, liberaler,
feministischer, grüner und linker Kräfte um demokratische, soziale und
ökologische Antworten auf die tiefgreifendsten Umbrüche: die neue soziale
Spaltung der Gesellschaft, die Gefahr ihrer sozialen und kulturellen
Zersplitterung, die äußerst ernste ökologische Krise, zunehmende
Bedrohungen durch Kriege um Rohstoffe, die Verbreitung von Nuklearwaffen,
die Globalisierung, die europäische Integration. Viele dieser Umwälzungen
werden durch das, was man als Globalisierung bezeichnet verursacht,
beschleunigt, verschärft. Für Heinrich Heine war die Linke das dreifache
leidenschaftliche Eintreten gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen
Nationalismus und für die universale Geltung der Menschenrechte, der
Freiheit und Demokratie. Ungeachtet aller Wandlungen und auch, nein gerade
angesichts der Tatsache, dass die Linke diese eigenen Grundwerte in der
Vergangenheit nicht selten missachtet hat, müssen sie ihr unaufgebbares
Leitbild in der Suche nach heutigen Alternativen sein: Andere mögen völlig
andere Maßstäbe haben, und die Linke wird nicht wenig davon achten und zu
realistischen gemeinsamen Lösungen bereit sein, aber die Linke formuliert
ihre Politik ausgehend von den Interessen der sozial Benachteiligten und
Ausgegrenzten, der Einheit politischer und sozialer Menschenrechte und des
Internationalismus. Sie ist keine Antiglobalisierungsbewegung, aber sie
lehnt eine marktliberale Globalisierung ab, die politische und
demokratische Gestaltungsmöglichkeiten sowie weltweite Solidarität und
kulturelle Vielfalt zerstört, die Umwelt der wirtschaftlichen Expansion
unterwirft.
Doch so einfach ist es mit dem linken
Internationalismus eben nicht, so einfach sind die Welt und die Politik
nicht. In ein, zwei Jahren wird die Auseinandersetzung um die neue
europäische Agrarpolitik endgültig beginnen. Die Linke wird sich für die
Landwirtschaft, die Kulturlandschaften und das soziale Leben in den
ländlichen Räumen einsetzen. Sie wird aber sich auch gegen die Abschottung
der europäischen Landwirtschaft gegen die Bäuerinnen und Bauern in den
armen Ländern engagieren. Bisher geht beides noch nicht miteinander
einher. Wer die Globalisierung sozial und ökologisch gestalten will, wird
nicht auf die in der Linken wenig populäre Europäische Union verzichten
können, und das mühselige Ringen um ihre alternative Gestaltung in das
Zentrum der eigenen Politik stellen müssen. Wer der herrschenden
Instrumentalisierung der Menschenrechte entgegentreten und im Sinne Heines
nichts weniger als ihre weltweite Universalität will, der wird als Linker
die sozialen Errungenschaften Kubas hoch schätzen und sich gegen die
Bedrohung und Blockade des Landes durch die USA solidarisch zeigen, aber
er wird nicht zur Verletzung von Meinungsfreiheit schweigen, zumal, wir
haben es in Europa erlebt, eine Gesellschaft nicht geschützt, sondern
geschwächt und zerstört wird durch die Missachtung politischer Freiheiten.
Linker Internationalismus ist nicht einfacher als linke Kommunalpolitik.
Er braucht den öffentlichen Meinungsstreit, am besten mit den Bürgerinnen
und Bürgern und auch den politischen Kontrahenten. |
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