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André Brie, 24. September
2007, Rezension für das "Neue Deutschland": Erhard Busek: Zu wenig, zu
spät. Europa braucht ein besseres Krisenmanagement" und Stephan Bierling:
"Die Huckepack-Strategie. Europa muss die USA einspannen", beides: edition
Körber-Stiftung, Hamburg 2007
Zwei Beiträge zur Gestaltung der
europäischen Politik
Die Reihe "Standpunkte" der edition
Körber-Stiftung verspricht "pointierte Positionen, provozierende Thesen,
selbstbewusstes Hinterfragen". Auf gedrängtem Raum, beide Publikationen
umfassen jeweils rund 100 Seiten, werden tatsächlich zugespitzte
Einschätzungen und Schlussfolgerungen präsentiert. Es ist selten in dieser
geschwätzigen Medienwelt, dass Autorinnen und Autoren zu solcher
Konzentration fähig und bereit sind. Lesenswert sind beide Beiträge
allemal, und provozierend dürften sie nicht nur für Andersdenkende sein.
Sie ermöglichen die ernsthafte Auseinandersetzung. Das ist viel. Sie
verlangen sie jedoch auch. Busek, der frühere Vorsitzende der
konservativen Österreichischen Volkspartei und Vizekanzler, ist
gegenwärtig Chef des Stabilitätspaktes für Südosteuropa. Die Lage dort,
ihr Zustandekommen, die "europäische" (EU-)Politik in der Region und
Überlegungen zu ihrer Veränderung sind denn auch das zentrale Thema seines
Essays, der sich zugleich für ein darüber hinausgehendes gemeinsames,
effektives EU-Krisenmanagement im Rahmen einer tatsächlichen Gemeinsamen
Außen- und Sicherheitspolitik der EU ausspricht. Busek kritisiert
zahlreiche Aspekte dieser Politik und bietet 10 Lehren für ein
Krisenmanagement der Zukunft an. Den meisten seiner Schlussfolgerungen
muss man angesichts schwelender Konflikte und der bisherigen Unfähigkeit
der EU tatsächlich wünschen, dass sie Bestandteil einer veränderten und
gemeinsamen europäischen Politik würden. Aus meiner Sicht kann man Busek
nur zustimmen, wenn er grundsätzlich, aber speziell auf die EU gemünzt,
feststellt: "Es ist eine merkwürdige Eigenart der Politik, nur Antworten
auf akute und konkrete Herausforderungen zu wissen, aber kein Konzept zu
haben, wohin das Engagement führen soll." Bezeichnend bleibt es jedoch,
wenn Busek die Rolle der Vereinten Nationen und ihrer Charta geschichtlich
und aktuell praktisch völlig ignoriert. Seine deutliche Kritik an der
internationalen Politik der Bush-Administration verblasst, wenn er diese
entscheidende Seite US-amerikanischer Regierungspolitik seit mindestens
zwei Jahrzehnten offensichtlich nicht nur in Kauf nimmt, sondern ihre die
strategischen Folgen zumindest in dieser Hinsicht nicht einmal mehr
bewusst sind. Ein zweites Defizit sehe ich in der vollständigen
Vernachlässigung von ursachenorientierter und präventiver
Konfliktbearbeitung, die Verengung auf das Krisen-Management. So wird das
von ihm beschriebene Phänomen eben nicht gelöst: "Die EU ist überall dort
vertreten, wo Rauch aufsteigt - ohne das Feuer zu löschen." Buseks
Forderung nach einer gemeinsamen europäischen Politik gegenüber den
europäischen und anderen internationalen Konfliktherden teile ich. Doch
wenn er sich in seinen 10 Lehren zwar umfangreich mit der dramatischen
Vernachlässigung und Unterfinanzierung ziviler Konfliktbearbeitung
auseinander setzt, das europäische "Unvermögen" jedoch immer wieder auf
die Schwäche militärischer Handlungsfähigkeit der EU reduziert, wird ein
Krisenmanagement, das nicht der Machtpolitik, sondern der Humanität dienen
soll, so der Autor, bedrohlich in Frage gestellt: "Wo das Militär endet,
beginnen zivile Aufgaben...". Sic.
Bierling, Professor für internationale
Politik an der Regensburger Universität, plädiert in seinem Essay vehement
für eine Juniorpartnerschaft der EU mit den USA: "Europas Einfluss auf
globale Entwicklungen kann nur durch eine Juniorpartnerschaft mit der
Supermacht USA gestärkt werden. Andere Optionen werden Europas
Bedeutungsverlust in der Weltpolitik nicht aufhalten können." Das wird für
den deutschen und europäischen Mainstream allerdings alles andere als eine
"provozierende These" sein. Die vom Autor verworfenen Alternativen -
Stärkung der EU, Koalition mit Russland, Umgestaltung der Spielregeln der
internationalen Politik - blenden andere, dringend notwendige
Möglichkeiten einer demokratischen, solidarischen, ökologischen und auf
die Stärke des internationalen Rechts gegründeten internationalen Ordnung
aus. Bierlings zentraler Gesichtspunkt bleibt die traditionelle globale
Machtpolitik, die den komplexen Herausforderungen einer völlig veränderten
Welt und Gesellschaftlichkeit bereits jetzt so offenkundig und gefährlich
nicht gerecht wird. Bierling geht in vielen Fragen mit europäischer und
US-amerikanischer Politik ins Gericht, seine analytischen Argumente sind
ernst zu nehmen. Er ist wohltuend nachdenklich. Doch auch wenn er die
aktuelle Politik der USA kritisch bewertet und davor warnt, "dass sich
Europa den USA anschließt, um die falschen weltpolitischen Projekte zu
verfolgen", führt ihn seine Logik lediglich zu der erwähnten
machtpolitischen Juniorpartnerschaft mit den USA und zur sozial, kulturell
und ökologisch zerstörerischen wirtschaftlichen Liberalisierungspolitik.
Wer wissen will, welche internationale Strategie in den herrschenden
politischen und geistigen Eliten Deutschlands und der EU gegenwärtig
diskutiert und entwickelt wird, findet mit dieser Publikation einen
exemplarischen und wichtigen Beitrag vor. |
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