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André Brie, Beitrag für "Freitag", 04. Oktober 2007
Schlechte Empfehlung
In Einem muss man Angela Merkel beipflichten: "Da
muss jetzt etwas getan werden", forderte die Bundeskanzlerin in ihrer Rede
vor der UNO-Vollversammlung zur seit Jahren ausstehenden Reform des
Sicherheitsrates. Was getan werden müsse, stellte sie bei dem Auftritt
vergangene Woche auch gleich klar. Deutschland solle in dem wichtigsten
Gremium der Weltorganisation vertreten sein, und zwar als ständiges
Mitglied, mit allen Pflichten und vor allem Rechten. Wenn auch nur -
vorerst - auf Zeit.
Der Wunsch, Deutschland zur Vetomacht im
UNO-Sicherheitsrat zu machen, ist nicht neu. Vier Jahre ist es her, dass
Merkels SPD-Vorgänger Gerhard Schröder einen entsprechenden Vorstoß wagte
und damit scheiterte. Auch diesmal werden den deutschen Wünschen kaum
größere Chancen eingeräumt. Korrespondenten in New York räumten süffisant
ein, dass US-Präsident Bush die bekannten deutschen Begehrlichkeiten mit
keiner Silbe erwähnte - weder vor noch hinter den Kulissen.
Man mag insgeheim Schadenfreude über die Abfuhr aus
Washington empfinden. Allerdings widerspiegelt gerade die Rolle, die den
USA bei der Reformierung des Sicherheitsrates - und darüber hinaus der
notwendigen Reform der UNO insgesamt - beigemessen wird, das Dilemma, in
die Vereinten Nationen stecken. Nach wie vor wird der Sicherheitsrat von
den fünf alten Atommächten dominiert, denen bei Gründung der UNO eine
herausragende Rolle bei der Erhaltung des Weltfriedens zuerkannt wurde.
Das jedoch liegt inzwischen über sechs Jahrzehnte zurück. Der
Sicherheitsrat, völkerrechtlich das mächtigste Gremien der Welt, der
Sanktionen bis hin zu Militäreinsätzen beschließen kann, entspricht heute
weder in seinen Kompetenzen noch in seiner Zusammensetzung mehr den
Realitäten in der Welt. So sitzen zwar neben Russland mit Frankreich und
Großbritannien gleich zwei europäische Staaten und die einzig verbliebene
Supermacht USA als ständige Mitglieder im Sicherheitsrat, der Süden der
Welt aber ist nicht vertreten (wenn man nicht die Vetomacht China als
Vertreterin der Entwicklungsländer betrachten will). Auch die Tatsache,
dass inzwischen weit mehr Staaten als "die großen Fünf" über Atomwaffen
verfügen, hat die Tischordnung nicht verändert. Ebenso wenig die neuen
Herausforderungen und Aufgaben für die Weltgemeinschaft, die vom
Klimaschutz über die Bekämpfung von Unterentwicklung und Armut bis zur
Ausmerzung von Seuchen und tödlichen Krankheiten reichen, Gebiete auf
denen die UN im teilweise, aber von der Öffentlichkeit oft ignoriert, eine
unverzichtbare und teilweise wirkungsvolle Arbeit leisten. Nicht zuletzt
wurde der Sicherheitsrat in den letzten Jahren missbraucht: Als
Erfüllungsgehilfe der US-Politik wurden Aggressionskriege nachträglich
uminterpretiert oder gar erst möglich gemacht, auch unter Verletzung der
UN-Charta.
Warum aber sollte gerade Deutschland an diesen
Realitäten mehr ändern können als beispielsweise Indien oder Brasilien
oder eine Vertretung Afrikas? Zumal sich die Bundeskanzlerin mit
Forderungen empfahl, die alles andere als im Sinne einer effizienten und
demokratischen Weltorganisation sind, die konsequent auf die Durchsetzung
von Frieden und Menschenrechten bei gleichzeitiger Achtung der
Souveränität der Staaten orientiert ist. Das Nachplappern der Vorwürfe
gegen Syrien oder der plumpen Drohungen gegen Iran, statt ernsthafte
Lösungsvorschläge vorzulegen, sollte weniger Damaskus und Teheran als
Washington beeindrucken. Wer aber einseitig auf das Ticket einer Großmacht
in den Sicherheitsrat setzt, muss sich fragen lassen, wie ernst seine
Reformforderungen gemeint sind - auch wenn es mit der Fahrt nichts wird.
Kein Wort verlor Angela Merkel dagegen zu einer
tatsächlichen Option für einen erneuerten Sicherheitsrat: einen
gemeinsamen Sitz der EU neben den anderen wichtigen Staaten(gruppen)
dieser Welt. Damit wären auch kleinere und wirtschaftlich schwächere
Länder gleichberechtigt in dem Gremium vertreten. Und ebenso wäre
EU-Europa damit gezwungen und befähigt, bei Prävention und Entspannung
internationaler Konflikte endlich mit einer Stimme zu sprechen. |
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