|
André Brie, 4. September 2007, Beitrag für "Freitag"
Der Schrecken der Ehrlichkeit
Das Thema taugt für Emotionen: Um die Freilassung der
südkoreanischen Geiseln zu erreichen, verhandelten Regierungsvertreter aus
dem ostasiatischen Land direkt mit den afghanischen Taliban, die zuvor
zwei ihrer Gefangenen ermordet hatten. Das aber war nicht der einzige
Tabubruch, den sich Seoul vorhalten lassen musste. Denn die Gespräche ohne
Vermittler wurden unumwunden eingestanden, ja sogar zuvor öffentlich
angebahnt. Und es soll viel Geld für die Freiheit der christlichen
Missionare geflossen sein, die Rede ist von zwanzig Millionen Dollar.
Sicher, der Umgang mit den Taliban ist eine
Gratwanderung. Letztlich, so betonen Kritiker des südkoreanischen
Vorgehens zu Recht, wurde mit den Direktverhandlungen und der
offensichtlichen Lösegeldzahlung der Gewalt nachgegeben, zu weiteren
Geiselnahmen eingeladen. Doch die Aufregung ist gespielt, verlogen. Und
dafür gibt es mehrere Gründe.
Einer davon ist, dass viele Politiker und
selbsternannte Experten gerade im Westen die tatsächliche Situation in
Afghanistan von Anfang an nicht wahrhaben wollten oder nicht einmal
kannten. Eine koloniale militärische Besatzungspolitik und
konzeptionsloses Demokratisierungsgerede brachten und bringen jenes
Resultat, das die Briten vor anderthalb Jahrhunderten, die Sowjetunion vor
zwei, drei Jahrzehnten blutig scheitern ließ. Als im Frühjahr der
SPD-Vorsitzende Kurt Beck die Einbindung der Taliban in einen
Friedensprozess ins Gespräch brachte und – zugegeben etwas unglücklich
formuliert – Kontakte zu “gemäßigten Taliban” anregte, war das ein
durchaus realistischer Vorschlag. Denn es gibt es nicht “die" Taliban,
auch wenn es die Einschätzung so einfach machen würde. Deren Bewegung ist
heterogen, und die westliche Kriegspolitik hat ihr erneuerten Zulauf
beschert. Das Spektrum der Gegner von internationaler Besatzung und
Kabuler (Nicht-)Politik reicht von den bitterarmen Bauern im
paschtunischen Süden und Osten über jene Afghanen, die unbeteiligte
Familienangehörige, Frauen und Kinder in dem von den USA geführten Krieg
verloren haben bis zu fanatischen Anhängern einer menschenverachtenden
Auslegung des Islam, wie er heute insbesondere in nicht wenigen
pakistanischen Koran-Schulen gepredigt wird. Abgesehen davon finden sich
in der prowestlichen afghanischen Regierung zahlreiche Kriegsherren, die
kaum weniger brutale Verbrechen als die Taliban zu verantworten haben.
Ohne die breiteste Beteiligung der sehr unterschiedlichen und in den
meisten Fällen alles andere als demokratischen politischen Kräfte bleibt
eine Stabilisierung Afghanistans (und nur um sie, nicht um eine Demokratie
kann es gegenwärtig gehen) ausgeschlossen.
Zum anderen: Haben die Südkoreaner Unterhändler
nicht getan, was andere Regierungsvertreter in vergleichbaren Fällen auch
tun? Die in Libyen grundlos inhaftierten Krankenschwestern und der Arzt
aus Bulgarien wurden ganz offiziell freigekauft, sogar mit Hilfe der EU.
Auch die Bundesregierung hat für die Freilassung deutscher Geiseln
offensichtlich immer wieder Lösegeld gezahlt. Wenn nun mit dem Finger auf
Seoul gezeigt wird, ist dies wohl vor allem Populismus.
Die westliche und deutsche Aufregung lässt sich
anders erklären: Südkorea hat den Offenbarungseid für die fehlschlagende
Afghanistanpolitik des Westens geleistet. Während man sich hierzulande
weiter in die Tasche lügt, vor allem die eigene Bevölkerung und die
eigenen Soldaten täuscht, hat die südkoreanische Regierung unfreiwillig
zugeben müssen, dass der westliche Kaiser nach sechs Jahren Hightech-Krieg
nackt da steht. Das, nur das, nimmt man Seoul übel. |
|