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02.11.2007 - Interviw taz - André Brie, Europaabgeordneter der Linken,
sieht in der SPD einen politischen Gegner - und einen politischen Partner:
"Nicht bloß Mehrheitsbeschaffer"
taz:
Herr Brie, SPD und Grüne blinken derzeit nach links. Ist das gefährlich
für die Linkspartei?
Andre
Brie: Nein, das ist nicht gefährlich für die Linkspartei. Viele
Ex-SPD-Wähler haben in den letzten zehn Jahren resigniert und gar nicht
mehr gewählt. Diese Nichtwähler haben dann Linkspartei gewählt. Die Linke
hat also der SPD insofern nicht Wähler abspenstig gemacht, sondern
verhindert, dass die sich ganz zurückziehen.
Sehen
Sie nicht die Gefahr, dass die Beck-SPD Ihnen Wähler abjagt?
Nein,
nicht wenn wir unsere Hausaufgaben machen. Die Linkspartei kann nicht bloß
Mehrheitsbeschaffer für eine linke Regierung sein. Es geht nicht nur um
Wahlarithmetik, wir brauchen ein politisches Projekt.
Und
das fehlt?
Ja,
noch.
Wäre
die Linkspartei im Bund denn überhaupt regierungsfähig?
Ich
glaube schon. Aber ehe es zu Rot-Rot-Grün kommen kann, muss das geistige
Klima in der Republik verändert werden. Es gibt zwar sehr viel
Unzufriedenheit - aber zu wenig Akzeptanz für alternative Politik. Und
auch zu wenig Zuversicht, zu wenig Anpacken-wollen. Da haben wir Defizite.
Es fehlen konkrete, realisierbare Projekte.
Lafontaine hat vier Punkte als Hürde für eine Regierungsbeteiligung
genannt: Hartz IV, Afghanistan, Rente mit 67, Mindestlohn.
Das
ist einerseits noch zu unkonkret, andererseits zu wenig. Erst muss man
sagen, wie wir Mindestlöhne umsetzen. Es gibt im Osten Tariflöhne von 3,30
Euro, und wir sind gegen Kombilöhne. Da fehlt also die genaue
Ausgestaltung. Vor allem aber reichen diese vier Punkte nicht. Es fehlt
die freiheitliche Entwicklung der Gesellschaft, die Ökologie. Und die
Grundsicherung, die ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht. Eine solche
Grundsicherung wird nicht von heute auf morgen kommen, zumal die SPD
dagegen ist. Aber genau das ist die Rolle der Linkspartei: Ziele vorgeben,
denen sie in kleinen Schritten näherkommt. Wenn die Linkspartei nur
Lafontaines vier Punkte verfolgt, wird sie überflüssig.
Offenbar geht ein Riss durch die Linkspartei. Gysi sagt, Teile des
SPD-Programms könnten auch von der Linkspartei sein, bei Lafontaine klingt
das ganz anders: alles nur Augenwischerei der SPD. Wer hat Recht?
Beide.
Das Programm ist in der Tat links, aber ob die Ankündigungen der SPD beim
ALG I auch Regierungspolitik werden, ist doch ziemlich unklar.
Aber
die Linkspartei muss sich entscheiden: Will sie sich, wie Lafontaine,
scharf von der Beck-SPD abgrenzen oder bietet sie ihr, wie Wulf Gallert
aus Sachsen-Anhalt meint, eine "produktive Zusammenarbeit" an?
Die
Linkspartei braucht eine Doppelstrategie. Sie muss weiter Druck auf die
SPD machen, sogar noch mehr, damit die SPD sich bewegt. Gleichzeitig hat
die Linkspartei nur einen strategischen Partner: die SPD. Deshalb muss sie
alles tun, um mit ihr ein vernünftiges Verhältnis zu entwickeln. Nur
Opposition funktioniert nicht. Es sind doch Millionen von Ausgrenzung
bedroht. Denen nutzen schöne Ziele einer Oppositionspartei herzlich wenig.
Glauben Sie, dass es eine Annäherung zwischen SPD und Linken geben kann,
so lange Lafontaine noch eine so dominante Rolle spielt?
Die
wird es geben müssen. Lafontaine ist für für uns unverzichtbar, gerade im
Westen.
INTERVIEW: STEFAN REINECKE |