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André Brie,
2 May 2007, Answers to the Polish weekly journal "Trybuna Rabotnicza"
The Polish-German relations
are worsening, how would you comment that from Europarliament perspective?
Why, in your opinion, we have to face such a situation?
Die offensichtliche Verschlechterung der
polnisch-deutschen Beziehungen ist tatsächlich nicht nur rein bilaterales
Problem, sondern auch ein europäisches. Polen spielt unter den
Mitgliedsländern der EU, die seit 2004 zur Europäischen Union gehören,
wegen seiner Größe, Wirtschaftskraft, Geschichte, Kultur und geografischen
Lage eine besonders große Rolle. Die alte EU hat sich über Jahrzehnte sehr
stark auf der Grundlage eines besonders engen deutsch-französischen
Verhältnisses entwickeln können. Aber das ist weitgehend Geschichte. Auch
die heutige Union von 27 Mitgliedsländern braucht besondere
Antriebskräfte. Eine enge deutsch-polnische Zusammenarbeit wäre dafür
wichtig und ein Glücksfall. Stattdessen wirken sich die Differenzen
zwischen beiden Regierungen auch auf die europäische Politik und
Integration negativ aus. Die Ursachen sind aus meiner Sicht vielschichtig.
Auf deutscher Seite (und in einigen anderen alten Mitgliedsländern der EU)
vermisse ich die Erkenntnis, dass wir nicht nur eine größere EU seit dem
1. Mai 2004, sondern eine andere haben. Mit den alten Sonderbeziehungen
Deutschland-Frankreich oder auch im Dreieck mit London geht es nicht mehr.
Länder wie Polen werden als entscheidende und gleichberechtigte Partner
der europäischen Integration noch immer nicht wirklich wahrgenommen und
akzeptiert. Auf polnischer Seite spüre ich seit dem Regierungswechsel eine
beträchtliche Europaskepsis und eine primär oder einseitig nationale
Orientierung. Für die polnische Regierung ist eine willfährige
Orientierung an den USA wichtiger als die europäische Einigung. Im
bilateralen Verhältnis sind beide Regierungen, vor allem aber die
polnische, wenn ich das aus meiner Sicht sagen darf, zudem nicht bereit,
die wechselseitigen Irritationen ein für allemal auszuräumen, weil sie
Rücksicht auf rechte Wählerschaften nehmen.
You are an MEP from
Mecklenburg-Vorpommern, neighbour region of Poland. How do the
Polish-German relations influence the life of the region and it's
citizens?
Die Verschlechterung des Verhältnisses
zwischen den Regierungen ist praktisch in der Region nicht zu spüren. Für
viele Menschen sind das Einkaufen oder der Urlaub in Polen, der Besuch
polnischer Städte und Freunde fast alltäglich. Vor dem polnischen
EU-Beitritt gab es teilweise auch Befürchtungen, polnische Arbeitskräfte
und Handwerker könnten die sehr große Arbeitslosigkeit in
Mecklenburg-Vorpommern noch verschärfen, aber das hat sich als Unsinn
erwiesen. Es zeigt sich, bei richtiger Politik, dass Chancen auf beiden
Seiten entstehen, vor allem dann, wenn sie auch gemeinsam entwickelt
werden. Allerdings haben wir, insbesondere in den östlichen Gebieten und
bei jungen Männern mit geringer Bildung, einen wachsenden
Rechtsextremismus, der sich auch antipolnischer Klischees bedient. Die
Ursachen dafür liegen jedoch nicht in Polen, ganz und gar nicht, und
nicht im deutsch-polnischen Verhältnis, sondern im oft nicht konsequenten
und gemeinsamen Widerstand aller demokratischen Parteien und anderen
gesellschaftlichen Kräfte gegen Fremdenfeindlichkeit und Neonazismus sowie
in der politischen Vernachlässigung der wirtschaftlichen und
Bildungschancen für diese Menschen.
In our countries right wing
is governing and we can see the effect in Polish-German relations. Don't
you think that left wing can play a very important role in the
normalization between our countries? What could be the role of GUE/NGL
MEPs in it?
Bei allen Problemen in Deutschland würde
ich die deutsche und die polnische Regierung nicht gleich setzen. Aber es
ist richtig, dass auch die deutsche Regierung und die SPD eine unsoziale
Politik realisieren. Auf europäischer Ebene bedeutet das entsprechend der
Lissabonstrategie von 2000 den Wettbewerb der Staaten gegeneinander um
möglichst niedrige Unternehmenskosten, also niedrige Löhne, niedrige
Unternehmenssteuern etc. Allen Bekenntnissen zur europäischen Integration
zum Trotz verstärkt das daher die Desintegrationsgefahr und den
Nationalismus. Für viele Menschen zeigt sich diese Entwicklung im
Lohndumping, Niedriglöhnen und in sozialer Unsicherheit. Die Linke muss
dagegen ebenso in ihren Ländern kämpfen wie in der EU. Ich bin überzeugt,
dass eine proeuropäische Politik und eine europäische Sozialunion zu den
Markenzeichen linker Kräfte in Polen und Deutschland gehören müssten.
Damit könnte verhindert werden, dass gerade die sozial schwächsten
Menschen in den Wettbewerb um immer niedrigere Löhne gegeneinander
getrieben werden. Gerade in diesen Bevölkerungsgruppen konzentrieren sich
zur Zeit auch antipolnische und antideutsche Sentiments. Darüber hinaus
sollte die Linke die menschlichen Kontakte und die deutsch-polnische
Zusammenarbeit in allen Bereichen und vor allem in den Grenzregionen
fördern. Die Linke in unseren Ländern und der EU hat eine zusätzliche
Verantwortung: Menschen müssen wieder die Hoffnung erhalten, dass es
realistische Alternativen zur wirtschaftsliberalen Politik gibt, die
Europa und die Welt beherrscht.
This year is a year of
German Presidency in the EU and the G8 group. What can be done?
Ich bin enttäuscht von der deutschen
Präsidentschaft. Die Beschlüsse zum Klimaschutz sind ein gewisser
Fortschritt, aber nur gemessen an der bisherigen Politik oder an den USA.
Sie bleiben weit hinter den dringenden Erfordernissen zurück. Beim
Verfassungsvertrag gibt es bisher nichts Reales. Die EU benötigt einen
neuen Grundlagenvertrag, der Verfassungselemente enthalten muss.
Schließlich haben nicht nur die Staaten, sondern auch die Bürgerinnen und
Bürger elementare Rechte an die EU abgegeben und benötigen endlich
einklagbare und individuelle Rechte gegenüber der EU. Der aktuelle Vertrag
ist zu Recht gescheitert, weil er die Demokratiedefizite der Eu nicht löst
und den unsozialen Charakter der EU festschreibt. Die deutsche Regierung
will jedoch nur taktische Veränderungen. Auch auf anderen Gebieten ist die
Bilanz ernüchternd: Das Verhältnis zu Russland verschlechtert sich; auch
die Menschenrechtsprobleme in Russland, den USA (Guantanamo) und in vielen
anderen Ländern werden nicht aktiv und nicht kontinuierlich angesprochen.
In June the foundation of
the new Left Party by the PDS and the WASG will take place. It will be
undoubtedly the most important political event of the European left. What
are your expectations? How can it change the German and European political
scene?
Bereits die gemeinsame Wahlteilnahme 2005
hat die politischen Strukturen in Deutschland nachhaltig erschüttert. Die
Linke erhält völlig neue Möglichkeiten die Politik zu beeinflussen und zu
verändern. Ich glaube, dass dies auch für die europäische Linke wichtig
ist. Im größten Mitgliedsland der EU gab es über Jahrzehnte keine
einflussreiche kapitalismuskritische und politisch wirkungsvolle Linke.
Die PDS war nach 1990 im Wesentlichen auf Ostdeutschland konzentriert. Das
war wichtig, aber nicht ausreichend. Die Neugründung steht nicht mehr in
Frage. Nun müssen aber auch die inhaltlichen Fragen und die politische
Strategie diskutiert und vereinbart werden. Deutschland, vor allem die
sozial benachteiligten Menschen, brauchen eine Partei, die sich mit
sozialer Spaltung, mit Demokratieabbau und mit einer neoliberal und
militärisch geprägten internationalen Politik nicht abfindet und
realistische Alternativen vertritt. In Italien gibt es ähnliche
Entwicklungen. Ich glaube, wir stehen am Beginn einer Neudefinition der
Linken und ihres Verhältnisses zu den Gewerkschaften und zur
globalisierungskritischen Bewegung mit weit reichenden Möglichkeiten, die
Gesellschaften zu verändern und nach drei Jahrzehnten die Dominanz des
Neoliberalismus in Frage zu stellen. |
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