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André Brie, 8. Mai 2006, Redebeitrag auf dem
Gemeinsamen Parlamentarischen Meeting des Europäischen Parlaments und der
nationalen Parlamente der Mitgliedsländer zur Zukunft Europas
Ohne gemeinsame Inhalte keine gemeinsame Politik
Sehr geehrte Herren Ko-Präsidenten, liebe Kolleginnen
und Kollegen,
unser Berichterstatter hat uns zur Offenheit
aufgefordert beim Thema "Die Union in der Welt, die Grenzen der
Europäischen Union". Ich bin Professor Hänsch für seine klaren und
tatsächlich offenen Worte dankbar und stimme Vielem zu. Offenheit bedeutet
aber auch den eigenen Zwiespalt zu bekennen. Ein Kollege aus dem deutschen
Bundestag hat zu Recht gefordert, auch zu berücksichtigen, was passiert,
wenn wir ein Beitrittsersuchen ablehnten. Genau damit haben wir natürlich
zu tun. Selbst wenn es nur um die Verschiebung des Beitritts von Bulgarien
und Rumänien gehen sollte, über die wir in Kürze debattieren und
entscheiden werden. Die Kriterien sind eigentlich eindeutig: Erstens ist
die EU nach den Verträgen offen für jedes europäische Land, das Mitglied
werden will. Zweitens muss der Aquis Communitaire übernommen werden.
Drittens müssen die Kopenhagener Kriterien erfüllt werden. Und dennoch
sind wir in vielen Fällen eben auch mit anderen Kriterien konfrontiert,
zum einen der Frage, was bei einer Ablehnung oder auch nur Verschiebung im
jeweiligen Land, in anderen Ländern, wie beispielsweise jenen des
westlichen Balkans, in denen es nach wie vor um das zentrale Problem von
Frieden und Stabilität, ausgelöst werden könnte, und zum anderen auch mit
der Frage, ob die Europäische Union selbst die Erweiterung auch verkraftet.
Es ist leicht gesagt, dass die Vertiefung der europäischen Integration und
die Erweiterung der EU zwei Seiten ein und der selben Medaille seien.
Zwischen beiden Seiten gibt es durchaus ernste Widersprüche, die jemandem
wie mir, der die weitere Integration für notwendig und wünschenswert hält,
nicht gleichgültig sind. Immerhin gibt es sehr ernstzunehmende
Erweiterungsbefürworter, die damit das Ziel einer Desintegration der EU
verfolgen. Die Gefahr, dass aus der europäischen Integration letztlich nur
eine Freihandelszone mit einem unsozialen Wettbewerb der Staaten
gegeneinander um die niedrigsten Steuern, Löhne und anderen Kosten wird
ist ohnehin nicht gering.
Ich halte weitere Beitritte zur Europäischen Union für
richtig, wenn die betreffenden Völker dies wünschen und die demokratischen,
menschenrechtlichen und anderen Anforderungen erfüllt sind. Auf dem
westlichen Balkan kann das ein entscheidender Beitrag zur Konfliktlösung
sein; für die Türkei beispielsweise ist die EU-Perspektive - zumindest
eine Zeit lang - ein ausschlaggebendes Motiv für lange überfällige
Demokratisierungsbemühungen gewesen. Aber eine Erweiterung, die die
Fähigkeit zur vertieften Integration gefährdete, ist aus meiner Sicht
nicht akzeptabel. Doch das darf kein Argument für die Ablehnung, für die
Diskriminierung beitrittswilliger und beitrittsfähiger Staaten werden.
Daher ist es erforderlich, dass die Europäische Union ihre Voraussetzungen
herstellt. Dafür ist eine europäische Verfassung von ausschlaggebender
Bedeutung, zumal die existierenden Verträge über Bulgarien und Rumänien
hinaus auch keine weiteren Beitritte erlauben. Über die Inhalte, Ziele der
europäischen Integration würde auch die Frage nach den Grenzen der EU eher
und organisch beantwortet werden als über eine geografische Definition.
Der existierende Verfassungsvertrag wird diesem Anspruch jedoch nicht
ausreichend gerecht. Sicherlich brauchen wir die Reform der Institutionen
und anderes. Wir brauchen aus meiner Sicht auch gemeinsame europäische
außenpolitische Institutionen, Mittel und eine europäische
Rechtspersönlichkeit.
Aber weder die zunehmende Skepsis der Bürgerinnen und
Bürger gegenüber der europäischen Integration noch die bedauerliche
Unfähigkeit der EU in entscheidenden internationalen Fragen (Irak,
Russland, China, Naher Osten) mit einer Stimme zu sprechen, haben primär
mit dem Fehlen dieser gemeinsamen Institutionen zu tun, vielmehr mit dem
Fehlen einer gemeinsamen Politik, die den Erwartungen und existenziellen
Interessen der Menschen gerecht wird. Die erwarten vor allem
existenzsichernde Arbeitsplätze, eine sichere Gesundheits- und
Altersvorsorge, eine moderne und soziale Bildungspolitik und einen
wirkungsvollen Beitrag der EU zu Frieden, Sicherheit und Demokratie in
Europa und in der Welt. Solche gemeinsame Politik kann nur im Dialog mit
den Bürgerinnen und Bürgern, in demokratischer und öffentlicher Diskussion
und mit starken parlamentarischen Rechten erreicht werden. Der freie Markt
in Europa und der freie Standortwettbewerb der Mitgliedsländer
gegeneinander werden nur das Gegenteil erreichen. Es wäre meiner Meinung
nach daher unter anderem wünschenswert, die früheren Vorschläge Jacques
Delors' über Elemente einer europäischen Wirtschaftsregierung und einer
europäischen Sozialunion wieder aufzugreifen. Und hinsichtlich der
gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik sollten wir vor
allem anderen über den spezifischen europäischen "Mehrwert" einer solchen
Politik diskutieren. Der könnte - in aller Kürze - nach meiner Überzeugung
nur in einem starken und kooperativen internationalen Multilaterismus, in
einer strikten Orientierung am internationalen Recht, vor allem der
UN-Charta, und einer Menschenrechts- und anderen Politik ohne doppelte
Standards, im Beitrag zur Stärkung der UNO sowie in ursachenorientierter
Konfliktprävention mit starken, effektiven zivilen Mitteln bestehen. In
der Institutionenfrage, bis hin zu einem europäischen Außenminister, sind
die meisten von uns einig. |
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