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André Brie, Kommentar für
den „Freitag“ 27. Januar 2006
Grenzenloser
Protest
Port Package II steht für
zweierlei: für den neoliberalen Wettbewerbsfundamentalismus der EU und für
den wachsenden Widerstand gegen diese Politik
Der Kampf hat sich gelohnt:
Mit 532 zu 120 Stimmen hat das Europäische Parlament dem Port Package II
eine deutliche Abfuhr erteilt. Zum zweitenmal scheiterte die EU-Kommission
mit ihrem Vorhaben, die Hafendienstleistungen in Europa zu liberalisieren.
Zehntausende Docker, Lotsen und andere Beschäftigte aus den Seehäfen
hatten in den vergangenen Wochen europaweit auf den unsozialen Charakter
der Richtlinie aufmerksam gemacht. Die Kräne in Rotterdam und Hamburg, in
Marseille, Barcelona oder Piräus standen bei Streiks still. Zwei Tage vor
der Abstimmung im Europaparlament zogen Tausende Hafenarbeiter durch die
Straßen Straßburgs und warnten vor massivem Stellenabbau, vor dem
Aufweichen sozialer und Sicherheitsstandards, vor der skrupellosen
Ausbeutung von Seeleuten. Es war der größte grenzüberschreitende
Massenprotest der vergangenen Jahre in EU-Europa.
Worum geht es? Offiziell soll
Port Package mehr Wettbewerb bei Hafendienstleistungen ermöglichen -
obwohl dieser längst und effektiv stattfindet. Vielmehr könnten nicht
oder schlecht ausgebildete, unterbezahlte Arbeitskräfte, die zu
Schiffsbesatzungen gehören, Be- und Entladearbeiten in den Häfen durchführen.
Damit würden bestehende Regeln für die registrierten Beschäftigten, die
zu Tariflöhnen ihre Arbeit verrichten, unterlaufen; dem Sozialdumping würden
Tür und Tor geöffnet. Tausende Arbeitsplätze, hohe Qualitäts- und
Leistungsstandards in den Häfen könnten auf der Strecke bleiben. Nach
einer Untersuchung des Instituts für Seeverkehrswirtschaft Bremen im
Auftrag der Bundesregierung ist "die Gefahr von Kündigungen der
aktuellen Arbeitnehmer (in den Häfen) eindeutig gegeben". Auch die
Erwartung des Sozialdumpings wird von den Wissenschaftlern gestützt:
"Letztlich muss damit gerechnet werden, dass auch Anbieter in den
Markt kommen, die sich nicht an die bestehenden Tarife gebunden fühlen
und auch aufgrund des Kostendrucks tendenziell geringere Löhne
zahlen." Nicht zuletzt wären regionale Zulieferer und
Kooperationspartner der Hafendienstleister, ja selbst die Kommunen, mit
den Folgen konfrontiert.
Bereits im November 2003
hatte das Europaparlament die erste Vorlage der Hafen-Richtlinie
abgelehnt. Es spricht für die gegenwärtige EU-Politik (und für die
Arroganz gegenüber den Abgeordneten), dass Brüssel das Papier nahezu
unverändert wieder vorlegte. Zugleich macht der Massenprotest gegen Port
Package II eine gegenläufige Tendenz deutlich: Die Menschen sind nicht
mehr gewillt, den wirtschaftsliberalen Kurs von Regierungen und EU-Spitze
widerstandslos hinzunehmen, und Gewerkschaften und andere soziale
Bewegungen sind fähig zum transnationalen Widerstand.
Mit dem Parlamentsvotum ist der Kampf gegen drohenden
Arbeitsplatzabbau und Sozialdumping in den Seehäfen keineswegs beendet.
EU-Kommission und Anhänger von Port Package II haben bereits angekündigt,
ihre Ziele doch noch durchzubringen - notfalls durch die Hintertür.
"Wir verfügen auch über andere Mittel, fairen Wettbewerb und günstigere
Investitionsbedingungen in der Seehafenbranche zu schaffen", drohte
Verkehrskommissar Jacques Barrot. Nicht auszuschließen auch, dass die im
Februar im Europäischen Parlament abzustimmende Dienstleistungsrichtlinie
von der Kommission oder dem Europäischen Gerichtshof auf die
Hafendienstleistungen angewendet wird. Der Liberalisierungswahn ist nicht
gestoppt. Das vor Jahrzehnten in der Handelsschifffahrt von den großen
Reedereien noch ohne europäische Gesetze oder WTO-Bestimmungen
praktizierte Ausflaggen ist das Vorbild, Pauperisierung der Beschäftigten,
Pulverisierung sozialer Standards und ehemals starker Gewerkschaften sind
die Konsequenzen. Aber Globalisierung kann auch das internationale
Zusammenwirken der Gegenkräfte bedeuten. Die Hafenarbeiter, ihre
Gewerkschaften und politischen Partner haben das erfolgreiche Beispiel
gegeben.
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