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André Brie, 15. März 2006, Interview mit
ddp Deutscher Depeschendienst
Wie bewerten Sie die gegenwärtige
Diskussion über die geplante Fusion der Linkspartei.PDS mit der WASG? Ist
der Zusammenschluss gefährdet?
Trotz der offenkundigen Probleme und der
Situationen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ist meiner Meinung nach
die Fusion nicht gefährdet. Allerdings sehe ich erstens einen anhaltenden
Mangel inhaltlicher Diskussion. Die von den beiden Parteiführungen
vorgelegten programmatischen Eckpunkte wären dafür eine gute und richtige
Grundlage, aber eine echte, öffentliche und transparente Debatte darüber
findet kaum statt. Zweitens wird der Fusionsprozess immer noch zu sehr von
oben, zu wenig von der Basis der beiden Parteien bestimmt.
Wie sollte die WASG-Spitze auf das
Verhalten der Landesverbände in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern
reagieren?
Das ist Angelegenheit der WASG selbst.
Ich bin sicher, dass die gegenwärtige Mitgliederabstimmung in der WASG
eine große Mehrheit für die Fusion der beiden Bundesparteien bringen wird,
zumal die Wählerinnen und Wähler bei der Bundestagswahl 2006 die
Vereinigung von Linkspartei.PDS und WASG bereits vorweggenommen haben. Was
aus meiner Sicht in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern unterentwickelt ist
und von den Parteiführungen energisch organisiert werden müsste, und zwar
seitens beider Parteien, ist die Diskussion der Mitglieder miteinander.
Treffen und Seminare der Landesvorstände können das nicht ersetzen. Die
politischen und kulturellen Diefferenzen sind nicht klein, aber sie sind
in einem demokratischen und pluralistischen linken Projekt kein Hindernis
für die Vereinigung. Unter einer Voraussetzung: Wenn es gegenseitiges
Verständnis und beiderseitige konkrete Kenntnis dieser Differenzen gibt.
Die WASG ist immerhin auch als erklärte Alternative zur PDS gegründet
worden. Sie hat eine ganz andere, wenngleich kurze Geschichte, politische
und intellektuelle Basis, eine andere Kultur. Diese Unterschiede sollte
man nicht nur nicht ignorieren, auch nicht beseitigen wollen, sondern für
eine neue linke Partei in ganz Deutschland und für eine weit in die
Gesellschaft reichenden Öffnung der Linken nutzen.
Bodo Ramelow hat Ende Februar auch vor
einer "Revolutionslyrik" in der Linkspartei gewarnt. Wie bewerten Sie die
Entwicklung in der Linkspartei? Hat sich seit Ihrer Kritik vom vergangenen
Dezember in der "Berliner Zeitung" etwas verändert? Sind zum Beispiel
bereits ostdeutsche Befindlichkeiten relativiert worden?
Ramelows Warnung ist berechtigt. Das
Problem besteht fort. Selbst Rückwärtsgewandtheit ist nicht
ausgeschlossen. Seit der Bundestagswahl ist die Linke keine
5-Prozent-Nischen-Partei mehr. Das parteipolitische System der
Bundesrepublik ist damit, wenngleich noch nicht unumkehrbar, ein anderes
geworden. Die Linke hat eine wesentlich größere realpolitische
Verantwortung. Sie ist nicht für sich selbst da, sondern muss den sehr
großen Erwartungen von Millionen sehr unterschiedlichen Menschen, auch
außerhalb ihrer unmittelbaren Wählerschaft, gerecht werden. Das sind vor
allem Forderungen nach einer grundlegenden, aber realistischen und
realisierbaren Veränderung der Sozial- und Wirtschaftspolitik, aber auch
der Außen- und Sicherheitspolitik, hin zu erneuerter und echter sozialer
und steuerpolitischer Gerechtigkeit, wirksamer Verringerung der
Arbeitslosigkeit, Zurückdrängung militärischer Interventionspolitik. Dafür
gibt es derzeit, wenn ich das Bundestagswahlergebnis richtig
interpretiere, erstmalig in der Bevölkerung eine politische und kulturelle
Mehrheit, aber keine parlamentarische Mehrheit. In einer solchen Situation
ist die Versuchung groß, die reine Lehre und Ideologie an die Stelle der
viel mühsameren Realpolitik und des schwierigen und langwierigen Ringens
um eine Veränderung des politischen Klimas in der ganzen Gesellschaft zu
setzen. Um mich zu wiederholen: Dringend notwendig ist es auch, das
Projekt der neuen Linkspartei weit über PDS und WASG hinaus zu öffnen und
mit den Gewerkschaften, den globalisierungskritischen Bewegungen, vielen
anderen Kräften, auch in den Kirchen, und kritischen Intellektuellen für
die konkreten geistigen und kulturellen Voraussetzungen unserer
politischen Alternativen zu streiten. Wenn ostdeutsche Befindlichkeiten
Abwehrhaltung, Verharren in der Vergangenheit und Abschottung bedeuten,
sind sie dafür hinderlich. Und natürlich existiert auch das. Wenn aber zum
einen die dramatischen wirtschaftlichen und beschäftigungspolitischen
Probleme in Ostdeutschland ernst genommen, zum anderen die dort weiter
existierende andere soziale Kultur modern gewendet wird, können
ostdeutsche "Befindlichkeiten" auch ein Motor für die erforderliche
soziale Erneuerung des ganzen Gemeinwesens sein.
Auf welche Strategie sollte die
Linkspartei auch mit Blick auf die anstehenden Wahlen setzen?
Kurz gesagt: Das eigene Profil als
moderne sozialistische, also auch libertäre, Linke stärken und zugleich in
den Wettstreit um konkrete, praktische und realistische Alternativen in
allen Fragen treten, die für die Menschen zur Zeit von besonderer
Bedeutung sind: Verteidigung und Erneuerung der sozialen
Sicherungssysteme, soziale Sicherheit überhaupt, Beschäftigungspolitik,
die Rolle des Staates und der öffentlichen Dienstleistungen, moderne und
soziale Bildungs- und Hochschulpolitik, eine neue Politik für
Ostdeutschland, Stärkung der UNO und des Völkerrechts. Nicht, sich über
die SPD definieren, sondern über die eigenen Möglichkeiten, nicht
Regierungs- oder Oppositionsfunktionen in den Mittelpunkt stellen, sondern
die Veränderung des politischen Klimas in der Bundesrepublik, ohne die
wirksame linke Regierungs- wie Oppositionspolitik kaum möglich sind. Und:
Die Linke braucht ideologische Orientierungen, aber nicht an Stelle von
Politik, die viel konkreter und vor allem widerspruchsvoll ist.
Verantwortungsbewusstsein ist wohl das wichtigste Stichwort. Protest ist
wichtig, aber nur auf dieser Grundlage konstruktiv und nachhaltig.
Das Interview führte Jörg Säuberlich |
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