|
André Brie: Keine kohärente
europäische Politik gegenüber China
Europaabgeordneter erwartet
verstärkten Druck Washingtons, um EU in China-Strategie der USA
einzubinden / Teilnahme an internationaler Konferenz in Peking
Nach Ansicht des
Europaabgeordneten André Brie (Linkspartei) kann derzeit nicht von einer
konkreten gemeinsamen und wirklichen europäischen Strategie der EU
gegenüber China, vor allem auf politischem Gebiet, gesprochen werden. Das
erklärte der Politiker am Donnerstag auf der Konferenz „Chinas
Entwicklung: Herausforderung oder Chance für die Welt?“ in Peking.
Allerdings sei in Handels- und Welthandelsfragen, in denen die
Zuständigkeit nicht mehr bei den Nationalstaaten, sondern bei der
Europäischen Kommission liegt, die EU zu einer gemeinsamen Politik
gegenüber China gezwungen und trotz aller Interessenunterschiede auch
fähig.
Eines der wichtigsten Probleme bei
der Entwicklung einer europäischen China-Strategie besteht nach Auffassung
des Abgeordneten darin, dass die EU und die Regierungen in ihrer Rücksicht
auf die USA bisher nicht bereit gewesen seien, die grundlegende
Interessendifferenz Europas gegenüber der US-Strategie des Unilateralismus
sowie der Zerstörung des internationalen Rechts, des internationalen
Vertragssystems und der UNO klar zu artikulieren und zu politisieren. „Gerade
in dieser Hinsicht gibt es jedoch - zumindest gegenwärtig - eine
entscheidende Interessenparallelität zwischen EU und China, die über
gemeinsame oder ähnliche Interessen in aktuellen Konflikten, wie Iran und
Nordkorea, hinausgeht“, betonte Brie.
Die Frage der Menschrechte in den
europäisch-chinesischen Beziehungen ordne sich für die EU in das
bestehende Bedingungsgefüge ein, erklärte der Politiker. Eckpunkte dabei
seien u.a. die Vorherrschaft gewaltiger und weiter rasch wachsender
ökonomischen Interessen sowie der weltwirtschaftlichen Interdependenzen
zwischen China und Europa, die zentrale Orientierung sowohl der EU als
auch Pekings auf Sicherung der jeweiligen Energie- und Rohstoffversorgung,
das prinzipielle europäische und internationale Interesse an einer
weiteren stabilen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklung
und der fortgesetzten Transformation in der Volksrepublik China sowie das
zumindest gegenwärtig und allgemein bestehende gemeinsame Interesse an
einer multilateralen internationalen Ordnung auf der Grundlage der
Herrschaft des Völkerrechts. Nach Einschätzung Bries wird trotz
beständiger Kritik am politischen System seitens der EU eine
Destabilisierung der Volksrepublik als kontraproduktiv und gefährlich für
die eigenen Interessen und die internationale Sicherheit angesehen.
Als größte Herausforderung für die
europäische Politik gegenüber Peking sieht der Abgeordnete die von den USA
verschärfte Instrumentalisierung der Menschenrechtspolitik gegen die
Volksrepublik. Hintergrund sei die von Washington befürchtete
Relativierung der Rolle der USA durch den Aufstieg Chinas. „Der Druck der
USA auf die Europäische Union, sich dieser Strategie anzuschließen, wird
groß sein“, führte Brie aus. „Ob die EU einer solchen machtpolitischen
Instrumentalisierung der Menschenrechte widerstehen und zugleich einen
prinzipiellen offenen, auf die Gewährleistung der Menschenrechte
gerichteten ehrlichen Dialog mit China führen wird, ist ebenso offen wie
die Frage, ob unter solchen Umständen die viel beschworene Tatsache, dass
die EU und China keine strategischen Konkurrenten sind, Bestand behalten
wird.“
Brüssel/Schwerin, 16. November
2006 |
|