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André Brie, Beitrag für „Freitag“, 18.12.06
Kofi Annan und Frau M.
Es war die Abrechnung eines Mannes, dem bei seinem
Amtsantritt kaum jemand scharfe Töne gegenüber Washington zugetraut hätte.
Zehn Jahre später übte Kofi Annan, kurz vor Auslaufen seiner zweiten
Mandatsperiode als UN-Generalsekretär, scharfe Kritik am außenpolitischen
Kurs der USA. Von Verletzungen des „internationalen Willens“ war die Rede,
von der Missachtung von Menschenrechten im Kampf gegen den Terrorismus,
von Militäreinsätzen für unilaterale Ziele und gefährlichen politischen
Alleingängen. Ausdrücklich sprach der höchste Beamte der Weltorganisation
dabei Irak an: Über 5.000 Tote jeden Monat machten die Lage in dem Land
zur „wohl dringendsten Krise der Welt“. Es ist ungerecht und unzutreffend
ihn des Mutes eines abtretenden Politikers zu zeihen. Die UNO ist eine
Staatenorganisation. Ihr oftmaliges Versagen ist vor allem das Versagen
der Regierungen ihrer Mitgliedstaaten. Es war die mutige Rede eines der
wenigen großen internationalen Politiker, der sich zumindest in seiner
zweiten Amtsperiode als starker, kluger und mutiger Mann an der Spitze
einer vor allem von den USA und ihren engsten Verbündeten geschwächten und
mutlosen Organisation erwiesen hat.
Es war Zufall, dass Annans Bilanz zeitlich mit der
Vorlage des sogenannten Baker-Berichtes in den USA zusammenfiel. Der
Rapport der vom früheren US-Außenminister James Baker geleiteten
überparteilichen "Iraq Study Group" hatte ebenso wie Annan das Fiasko in
Irak konstatiert und einen umfassenden Kurswechsel angemahnt. Notwendig
seien nicht nur Gespräche mit den Nachbarländern Iraks, sondern auch die
Einbindung anderer Staaten mit internationalem Einfluss in die
Konfliktlösung. Im ersten Golfkrieg sollten sie vor allem die
Finanzierung, jetzt offensichtlich den politischen Trümmerhaufen der
US-Politik (mit-) übernehmen.
Zweifellos gehört zu diesen Staaten auch das
EU-Dreieck Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Alle drei Länder
sind Akteure auf der internationalen Bühne, auch wenn diese Rolle sehr
unterschiedlich angenommen wird. Zu Beginn des jüngsten Irak-Krieges
gehörten Paris und Berlin zu den Kritikern des Völkerrechtsbruchs durch
die USA. Während jedoch London zunehmend selbstbewusster auftritt und
trotz – oder wegen – seiner Mitgliedschaft in der „Koalition der Willigen“
inzwischen sogar vorsichtige Kritik an Washingtons Außenpolitik vorbringt,
ist es im Elysée-Palast in den vergangenen Monaten merkwürdig still
geworden. Berlin dagegen scheint spätestens seit Beginn der Regentschaft
Angela Merkels vollständig ins Washingtoner Fahrwasser zurückgekehrt zu
sein. Nachdem Bundesaußenminister Steinmeier Anfang Dezember von einem
Besuch bei seiner US-Kollegin Rice zurückkehrte, berichteten die Agenturen
süffisant über die Begrüßungsformeln: "liebe Condoleezza" und "Fränk-Wolter".
Für den im ersten Halbjahr 2007 anstehenden
deutschen G-8-Vorsitz und die EU-Ratspräsidentschaft ist der
offensichtliche Schulterschluss kein gutes Omen. Denn gerade Europa hätte
die Aufgabe, einen Gegenentwurf zur unilateralen Machtpolitik der USA zu
formulieren. Das wäre im Übrigen auch die ursprüngliche, inzwischen akut
gefährdete, aber vielleicht noch mögliche Chance für Afghanistan, nicht
eine fortgesetzte militärische Besatzungspolitik. Dies würde jedoch
voraussetzen, erst einmal strategische Politikansätze zu entwickeln, die
auf die tatsächlichen globalen Herausforderungen wie Armut,
Unterentwicklung und damit verbunden Gewalt und Krisen, auf Klimawandel
und weltweit schwindende Ressourcen, auf verheerende Krankheiten,
ethnische Konflikte und soziale Gefälle auch im Norden zielen.
Politikansätze, die auf internationalem und Völkerrecht basieren, die die
Menschenrechte in ihrer universellen Gültigkeit schützen und die die
internationalen Organisationen stärken und handlungsfähiger machen, die
UNO in das Zentrum internationaler Politik rücken würden.
Das Programm der deutschen EU-Ratspräsidentschaft
bedient jedoch zum großen Teil die verbrauchten europäischen Stereotype.
Man trifft alte Bekannte: Von der Vollendung des Binnenmarktes und der
Stärkung der Wettbewerbskraft Europas über die Sicherung der europäischen
Energieversorgung und die polizeiliche und juristische Zusammenarbeit bis
hin zur fortgesetzten Militarisierung – und natürlich die EU-Verfassung.
Vor allem letztere will die Regierung Merkel voran bringen. Dabei zeigt
sich gerade in dieser Frage das Dilemma europäischer (Nicht-)Politik. Nach
wie vor steht die Diskussion darüber aus, weshalb der Vertrag in
Frankreich und den Niederlanden politisch durchgefallen ist und selbst in
europäischen Musterländern wie Luxemburg nur eine knappe Zustimmung
erhält. Statt dessen wird diskutiert, mit welchen Tricks man den
Verfassungsvertrag dennoch in Kraft setzen könnte. Noch vor wenigen Tagen
betonte Frau Merkel, am Text des Verfassungsvertrags werde es keine
substanziellen Änderungen geben. Man kann nur hoffen, dass auch sie sich
nicht um ihr "Geschwätz von gestern" scheren wird.
Das internationale Agieren im Interesse von
Frieden, Sicherheit, Stabilität, friedlicher Konfliktbeilegung und
-prävention findet sich dagegen als Unterpunkt im hinteren Teil des
Berliner Präsidentschaftsprogramms. Sicher, Deutschland und andere
EU-Staaten haben sich in jüngster Zeit mehrfach an UN-Mission beteiligt.
Letztlich handelt es sich dabei aber um ein Reagieren (und dies zumeist
mit heftigen Bauchschmerzen) und nicht um ein Agieren. Und wo sie
agierten, schufen sie maßgeblich Ursachen von Krisen und gefährlichsten
Konflikten. "Falling states" (gescheiterte Staaten) macht sie als Wurzel
von Kriegen und Terrorismus aus. Kein Wort darüber, dass die marktradikale
Weltwirtschaftspolitik und die "Sicherheits"politik des Westens Staaten
zum Einsturz bringen. Auch in meinem eigenen Umfeld wird die Meinung
gepflegt, die Palästinenser bewiesen gerade, dass sie nicht zu Demokratie
und Zivilität fähig seien. Doch die Lunte an den aktuell dort drohenden
Bürgerkrieg hat nicht zuletzt der Westen gelegt - mit seiner
jahrzehntelangen Ignoranz gegenüber einem unterdrückten und rechtlosen
Volk, mit seiner Blockade der Direktzahlungen an die Palästinensische
Autonomiebehörde, mit seinem Paternalismus, die Palästinenserinnen und
Palästinenser als Objekt und nicht als Subjekt von Lösungen zu sehen. Das
ließe sie fortsetzen für viele explosive Konflikte.
Auch die Gruppe der 8 „Großen“ hat ihre
beschränkte Sicht – wenngleich ich die jüngsten von Großbritannien
gestarteten entwicklungs- und umweltpolitischen Initiativen als Schritte
in die richtige Richtung betrachte. Im deutschen Programm ist davon wenig
zu entdecken. Solange es bestenfalls um die Gemeinsamkeit des Westens (und
Russlands oder Chinas und Indiens) geht und ursachenorientierte Politik
nur eine Floskel bleibt, wird nicht nur der von Kofi Annan beklagte
Unilateralismus weiter existieren, sondern die Zuspitzung politischer,
sozialer, umweltpolitischer und militärischer Krisen nicht aufhaltsam
sein. Ich wäre gern optimistischer für das Jahr 2007, aber dafür brauchte
man andere Gründe als die deutschen außenpolitischen Programme. |
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