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Strasbourg,
15.02.2006
Zu der anhaltenden Diskussion um die
Verschiebung einer Delegationsreise der Linkspartei durch die Führung der
KP Kubas und zur Kuba-Abstimmung im Europäischen Parlament erklärt der
Europaabgeordnete André Brie:
Da
ich zeitlich nicht in der Lage bin, auf jeden einzelnen Brief und jede
Mail individuell zu antworten, bitte ich um Verständnis für diese Form.
Ich weise zugleich auf die gemeinsame Erklärung von fünf
Linkspartei-Abgeordneten im Europäischen Parlament hin.
1.
Ich bin nicht bereit, mich mit Vorwürfen des Verrats, „reaktionär“, den
Vergleichen mit den Kriegskrediten 1914, dem Ermächtigungsgesetz 1933 oder
Vorschlägen, wir und ich sollten Pinochet zu seinem Geburtstag
gratulieren, auseinanderzusetzen. Wenn die tragische Geschichte der SED-
und KPdSU-Verfahren jetzt als billige Farce wiederholt werden soll, muss
auf mich als Teilnehmer verzichtet werden.
2.
Solidarität mit Kuba, insbesondere gegen die völkerrechtswidrige Politik
der USA, ist für uns und mich eine auch im Europaparlament vielfach
praktizierte Selbstverständlichkeit. Ebenso steht trotz vieler anderer
Aufgaben die beständige Auseinandersetzung mit den
Menschenrechtsverletzungen der USA auf jedem Gebiet im Zentrum unserer
Arbeit. Das ist umfangreich dokumentiert und wird von uns nicht nur am
grünen Schreibtisch gemacht.
3.
Ich weiß, verstehe und achte sehr wohl, dass Kuba für viele Linke im
besten Sinne eine Herzensangelegenheit und die Solidarität mit Kuba ein
Teil ihrer politischen Biografie ist.
Solidarität mit Kuba, auch die Tatsache, dass Kuba soziale Menschenrechte
oft vorbildlich realisiert, und Auseinandersetzung mit der US-Politik
bedeuten aber nicht, die Verletzung politischer Menschenrechte in Kuba mit
Stillschweigen zu übergehen. Ich erinnere daran, dass ich dafür auch 1999
schon heftig attackiert worden bin. Unabhängig davon, ob man meine
Überzeugungen richtig oder falsch findet, kann daher niemand von der
Kontinuität meiner politischen Position überrascht sein.
- Zum ersten war es einer der wesentlichsten Bestandteile des
Gründungskonsenses der PDS und ist es Prinzip unserer Parteiprogramme seit
1990 geworden, von der Universalität der Menschenrechte auszugehen. Das
bedeutete und bedeutet die Einheit sozialer und kollektiver, politischer
und individueller Menschenrechte ebenso wie die Konsequenz, Menschenrechte
nicht nur beim politischen Gegner, sondern auch beim politischen Freund
einzufordern. In der Präambel des derzeitigen Parteiprogramms heißt es
unmissverständlich: "Uns eint der unumkehrbare Bruch mit der Missachtung
von Demokratie und politischen Freiheitsrechten, wie sie in und von nicht
wenigen linken Parteien, darunter der SED, praktiziert worden ist." An
anderer Stelle wird festgestellt: "Gleichheit ohne Freiheit ist
Unterdrückung." Diese Schlussfolgerung ist unaufgebbar, wenn die Fehler
der Vergangenheit nicht kopiert und die Chance einer Wiedergewinnung der
sozialistischen Idee für eine starke und nachhaltige linke Bewegung
zerstört werden sollen.
- Zum anderen bin ich darüber hinaus gehend überzeugt, dass gerade die
Linke und Sozialismus der universellen Geltung der Menschenrechte
bedürfen. Deren Missachtung ist meiner Meinung nach einer der Gründe für
das Scheitern der UdSSR und der DDR. Auch in dieser Hinsicht sehe ich
keinen Grund, hinter die ebenfalls im Parteiprogramm der PDS zitierte
Überzeugung Rosa Luxemburgs zurück zu gehen, dass "es sich bei den
demokratischen Formen des politischen Lebens in jedem Lande ...
tatsächlich um höchst wertvolle, ja unentbehrliche Grundlagen
sozialistischer Politik handelt". Wer Freiheit und Demokratie angesichts
der US-Bedrohungen Kubas als sekundär und als Gefahr für die Sicherheit
des Sozialismus ansieht, denkt meiner Meinung nach zu kurz. Sozialismus
kann mit einer wie auch immer gearteten Missachtung oder Geringschätzung
von individuellen Freiheitsrechten nicht überleben.
- Schließlich: Unsere und meine Glaubwürdigkeit und politische
Wirksamkeit, wenn wir uns scharf mit Menschenrechtsverletzungen durch die
USA, Russland, die EU etc. auseinandersetzen, hängt von unserer Konsequenz
ab. Uns unterscheidet von anderen Parteien, dass wir diese Fragen nicht
nur dort ansprechen, wo es für uns politisch opportun ist. Genau das
werfen wir anderen oft genug zu Recht vor. Deswegen werden und können wir
es selbst (mit entgegen gesetzten politischen Vorzeichen) nicht
praktizierten.
Individuelle
politische Freiheitsrechte mögen anderen angesichts der "Sache", der
Revolution usw. als untergeordnete Fragen erscheinen. Für mich sind sie
Kern unseres Lernprozesses, des erwähnten Bruches mit der SED-Politik und
Teil der sozialistischen Erneuerung. Und politische Freiheit gilt auch und
gerade für den Kritiker und Gegner, oder sie gilt nicht. Kleiner ist der
Preis der Freiheit nicht, ist vor allem ihr Wesen nicht. |
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