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André Brie, "Brüsseler Spitzen", ND vom 08.09.06 

Die Rückkehr der Taliban

 

Die internationalen Medien geben sich aufgeregt. Von einer "alarmierenden Entwicklung" in Afghanistan ist die Rede, von einer "Unterschätzung der Gefahr" und von einer "akuten Bedrohung durch gewaltbereite Kräfte". Was höchstens am Rande erwähnt wird: Die seit langem bekannten Probleme wurden bewusst ignoriert. Die aktuelle Entwicklung war vorauszusehen und wurde nicht zuletzt durch die faktische Nicht-Politik der internationalen Gemeinschaft forciert.  

Unbestritten haben Gewalt, Chaos, wirtschaftliche Deformationen und erneute kulturelle Zerstörungen eine neue Dimension erreicht. Nahezu täglich sind Dutzende Opfer zu beklagen. Die Gefechte, die sich derzeit radikalislamische Milizen und ISAF-Truppen liefern, sind die schwersten seit dem Sturz der Taliban Ende 2001. Der Aufschrei im Westen war besonders groß, als Anfang des Monats 14 britische Soldaten starben. Der Tod von Zivilisten, von Unbeteiligten, von Frauen und Kindern, die massive Verdrängung von Mädchen aus den Schulen, die generelle Entwicklung in dem Land am Hindukusch interessieren dagegen kaum. 

Gewalt, religiöser Fundamentalismus und nicht zuletzt das Wiedererstarken der Taliban speisen sich zum einen aus der arroganten und kolonialistisch geprägten Militärpolitik der USA, zum anderen aus der dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Situation. 2,5 Millionen Afghanen sind  akut von Hunger bedroht. Auch, weil der Anbau von Schlafmohn zur Rauschgiftproduktion um Vieles lukrativer ist als die Aussaat von Getreide. Gerade in den ärmsten Regionen des Landes ist die Opiumherstellung oft die einzige Einnahmequelle. Die Anbaufläche für Mohn ist 2006 um 46 Prozent gewachsen.  

Was ist schief gelaufen in Afghanistan? Abgesehen von der Besatzungspolitik der USA, die immer mehr Widerstand hervorruft und längst von großen Teilen der Bevölkerung mit jener der Sowjetarmee in den 80er Jahren verglichen wird, fehlte - und fehlt - vor allem ein Konzept für Wiederaufbau und nachhaltige Entwicklung. Wie mit dem zerstörten Land, in dem das gestürzte Taliban-Regime ein Machtvakuum hinterließ, umzugehen ist, wurde auf der Bonner Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 im Schnelldurchlauf beraten und beschlossen. Von Bekämpfung von Unterentwicklung und Armut war die Rede, von Demokratisierung und Aufbau eines funktionsfähigen Staatswesens. 

Ja, es gibt heute eine Regierung. Aber vom Kabinett Karsai ist praktisch nichts zu hören, oder nur davon, dass der Präsident die mächtigen regionalen Warlords nicht entwaffnet, sondern sie in die Regierung holt. Die allmächtige Korruption reicht nicht nur bis in die höchsten Staatsspitzen, sondern geht vielfach von ihr aus. Ohnehin war der Einfluss des von den USA ins Amt gehievten Präsidenten auf Kabul beschränkt. Ja, es gibt ein Parlament, doch in dem spielen Kriegsverbrecher, Opium-, Waffen- und Menschenhändler eine wesentliche Rolle. Ja, es gibt internationale Unterstützung. Aber die Hilfe erreicht oft nicht die tatsächlich Bedürftigen - weil zu wenige tatsächliche Kenner des Landes  einbezogen sind, die Bedingungen des Landes und der Regionen ignoriert werden, und insbesondere, weil sie oft den imperialen und militärischen Zielen der USA untergeordnet wird. Ja, es wurden nationale Sicherheitskräfte aufgebaut. Doch diese sind schlecht ausgebildet und oft mit privaten Milizen und Drogenkartellen verbandelt. Das Sagen haben weiter die Besatzungstruppen, die sich auch so aufführen. 

Die Warnungen, Afghanistan könnte ins Chaos fallen, scheinen sich nun zu bewahrheiten. Eine Folge ist der Rückgriff vieler Menschen auf den 2001 noch völlig diskredidierten religiösen Fundamentalismus. Für nicht wenige Afghanen scheinen die "geordneten Zustände" unter den Taliban besser als die gegenwärtige Situation. Dabei wird in Kauf genommen, dass selbst die wenigen Errungenschaften, wie der Aufbau eines Schulsystems, in dem auch Mädchen Chancen auf Bildung haben, zerstört werden. Allein in den vergangenen zwölf Monaten wurden 150 Schulen niedergebrannt, 200 weitere wurden geschlossen. 

Trotzdem hat Afghanistan eine Chance; und noch gibt es die politischen Kräfte im Lande selbst, die sie nutzen könnten. Wenn sich die Weltgemeinschaft nicht abwendet, wenn die Unterstützung sich endlich auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung konzentriert, wenn Hilfe bei jenen ankommt, die sie brauchen, die mit den USA verbündeten Warlords entwaffnet werden und die schwache, aber sehr aktive Zivilgesellschaft gefördert wird. Diese Prioritäten sollte auch die EU setzen. 

 
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