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André Brie, 7. März 2006, Kommentar für den „Freitag“
Hoffnung für den
Irak?
Die Felder an der
Straße zwischen Erbil und Dohuk im kurdischen Norden des Irak grünen, und
mancherorts in den geschützten und fruchtbaren Tälern ernten Frauen den
Winterkohl. Es ist Freitag, muslimischer Feiertag. Auf der weiten Wiese an
einem Fluss feiern zwei-, dreihundert Männer und Frauen in Festtagstracht
eine Hochzeit an diesem sonnigen Frühlingstag. In großem Kreis tanzen sie
zu traditioneller Musik. Es ist ein zerrissenes, gegensätzliches Land, der
Irak, nicht erst seit der amerikanisch-britischen Invasion, aber noch viel
mehr seitdem. Die drei Provinzen, die der kurdischen Regionalregierung
unterstehen, sind stabil und weitgehend sicher. Auch europäische Besucher
können sich hier frei bewegen. Vor den öffentlichen Gebäuden, den
Parteibüros der beiden großen kurdischen Parteien PUK und KDP und den
neuen gläsernen Hotels allerdings stehen drei Meter hohe Betonmauern,
kontrollieren mit Kalschnikows bewaffnete Peshmergas den Zugang, muss jede
Besucherin, jeder Besucher eine Metallkontrolle passieren. Tausende
Lastkraftwagen, die sich tagelang vor den Grenzübergängen stauen, bringen
aus der Türkei und dem Iran alles, was Bauwesen, Handwerk und Handel
benötigen. In den kurdischen Städten entstehen moderne Regierungsgebäude,
Kongresszentren, neue, komfortable Wohngebiete. Es fehlt an Vielem, aber
anders als im ölreichen Süden oder gar im sunnitischen Dreieck gibt es
eine rasche wirtschaftliche und soziale Entwicklung, die die armen
Bergdörfer jedoch nicht erfasst hat und die Landflucht verstärkt.
Gelegentlich sieht man mal südkoreanische Soldaten, aber außer einer
symbolischen Rolle für die Besatzung des Irak durch die USA haben sie
keine Funktion. An den Grenzen zwischen der Türkei und dem Iran zum
kurdisch-irakischen Norden und Osten stehen keine Besatzungssoldaten und
niemand von der irakischen Armee oder Polizei, nur die Peshmergas der PUK
oder der KDP, die sich in den 90er Jahren einen heftigen Bürgerkrieg
geliefert hatten. Irakisch-Kurdistan hat ein gemeinsames Parlament und
einen Präsidenten, noch aber zwei Regierungen und die drei Provinzen sind
aufgeteilt in die Herrschaftsgebiete der PUK und der KDP. Erst Ende Januar
wurde die Vereinigung der beiden Regierungen und Verwaltungen beschlossen,
bis zur Realisierung wird es sicherlich noch viele Schwierigkeiten geben.
Doch hier in Dohuk oder Erbil oder Sulaimaniya könnte man Hoffnung finden
und teilen, dass es doch einen friedlichen Weg für den Irak geben könnte.
Aber bin ich hier im Irak? Mehr als 80 Prozent der Kudrinnen und Kurden
wünschen sich die Trennung vom Irak, ein unabhängiges Kurdistan. In einem
Parteibüro sehe ich eine Landkarte mit einem Großkurdistan vom Kaukasus an
das Mittelmeer, weit in den Irak und den Iran hinein. Die Führer der PUK,
Talabani, amtierender irakischer Staatspräsident, und der KDP, Barzani,
kurdischer Regionalpräsident versuchen auch in den gegenwärtigen
Verhandlungen zur Regierungsbildung verantwortungsvoll, zwischen
arabischen Schiiten und Sunniten zu vermitteln, aber klar ist auch, dass
sie die Ausdehnung der kurdischen Herrschaft auf Kirkuk und die Ölgebiete
des Nordens wollen. Alle meine kurdischen Gesprächspartner scheinen eine
Sprachregelung zu haben. „Im Moment“, und diese Worte betonen sie
unmissverständlich, „sind wir zufrieden mit einem autonomen Kurdistan in
einem föderalen Irak.“
Seit dem Anschlag
auf die schiitische Moschee in Samara sprechen die europäischen Zeitungen
davon, dass das Land am Rande eines Bürgerkriegs stehe. Doch, was war und
ist das, was die Irakerinnen und Iraker seit der Okkupation erleben,
anderes als ein bereits blutiger Bürgerkrieg? Zehntausende sind Opfer der
Besatzungsmächte, der Terroranschläge und des alltäglichen Mordens der in
den westlichen Medien kaum zur Kenntnis genommenen Milizen und
Todesschwadrone geworden. Eine mafiose Massenkriminalität tut ein übriges.
Der stabile kurdische Norden wird von arabischen Sunniten und Schiiten
sowie der Türkei und dem Iran mit Argwohn beobachtet. Kurdische
Extremisten schüren selbst Konflikte in den beanspruchten Nachbarregionen
und hoffen auf das Auseinanderfallen des Irak. Der schiitische Süden
scheint nur dem europäischen Zeitungsleser ruhig, denn zum einen ist es
die Ruhe, die fundamentalistische, Milizen, teilweise vom Iran finanziert
und massiv unterstützt, mit Waffengewalt, Terror, Einschüchterung und
extremistischer Ideologie durchsetzen. Vor allem die Großstädte sind
selbst für die Besatzungsmächte kaum noch betretbar. Die USA und
Großbritannien schicken sich angesichts des Scheiterns ihrer
Okkupationspolitik in das Übel fundamentalistischer Herrschaft. Zum
anderen ist diese „Ruhe“ nur das Desinteresse der westlichen Medien an den
wirklichen Vorgängen im Süden. Frauen, die sich mit dem reaktionären
Frauenbild der religiösen Eiferer nicht abfinden, liberale, säkulare und
gemäßigte Politikerinnen und Politiker sowie die Offiziere und anderen
ehemaligen Gefolgsleute des Baath-Regimes kennen keine Ruhe, sondern
Repression, Drohungen, Mord. Über die Täter von Samara wird weiterhin nur
gemutmaßt: Waren es Anhänger Al Sarakiwis, des Iran, der Sadr-Armee? Aber
sie wussten, was sie taten, und so unterschiedlich die bewaffneten Gruppen
sind, es eint sie ein Interesse an der endgültigen Destabilisierung des
Landes: um die Besatzer zu treffen, um den iranischen und
fundamentalistischen Einfluss auszudehnen, um eine schiitische
Militärherrschaft durchzusetzen, um eigene Dominanz zu erreichen. In jedem
Fall leiden zuerst Irakerinnen und Iraker hunderttausendfach. Und die
ganze Region vom Nahen Osten, dem Kaukasus, Zentralasien bis nach
Afghanistan kann mit in den Abgrund gerissen werden. Diese absehbaren
Folgen haben die USA bewusst in Kauf genommen. Sie sind mit ihrer
Strategie offensichtlich gescheitert, aber den Preis bezahlen die Menschen
im Irak und die internationale Gemeinschaft.
Wo sollen die
Auswege liegen? Kurdistan ist ein Beispiel, so lange auch die Ambivalenz
seiner Stabilität nicht ignoriert wird. Die Sicherheit und das
vergleichsweise liberale politische Klima könnten auch von der
internationalen Gemeinschaft aktiv genutzt werden, um im ganzen Irak, die
vorhandenen demokratischen Kräfte, die unabhängigen Medien und den
wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbau aktiv zu unterstützen. Denn
davon ist im Irak nahezu nichts erlebbar. UNO, Weltbank, Botschaften und
die meisten internationalen Hilfsorganisationen haben sich in den
Festungen der Amerikaner und Briten verbarrikadiert. Das Hauptproblem
bleibt eindeutig die Okkupation, die kein Problem des Irak löst und viele
verursacht oder verschärft. Nur: Die USA haben das Land in eine Situation
gestürzt, die selbst bei anderer internationaler und innerirakischer
Politik nicht innerhalb von zwei oder drei Jahren lösbar ist und noch
lange blutig bleiben wird. Nur eine konsequent realistische Einschätzung
könnte dazu beitragen, die Veränderung überhaupt möglich zu machen. Aber
davon ist weder in den USA noch in Europa etwas zu spüren.
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