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Juni 2006 - Interview mit "Neues Deutschland"
Guantanamo Bay
und Iran werden strittige Top-Themen des Gipfels sein.
Wie sollten sich die Europäer in diesen Punkten gegenüber den USA
verhalten?
Hinsichtlich Guantanamo und der Frage der Einhaltung von Menschenrechten
und internationalem Recht im Anti-Terror-Kampf gibt es inzwischen
prinzipielle Differenzen zwischen EU und USA. Die Regierungen werden unter
dem Druck der Öffentlichkeit, von vielen nationalen Parlamenten und einer
großen Mehrheit im Europäischen Parlament gezwungen sein, dieses Problem
deutlich anzusprechen. Beim Thema Iran sind die Gemeinsamkeiten groß, da
sich auch die USA nun stärker auf eine diplomatische Lösung orientieren.
Die neue Einigkeit steht aber auf wackligen Füßen man muss wohl annehmen,
dass die USA die Bereitschaft zu militärischen Aktionen nicht aufgeben
werden.
Kann Europa die USA ernsthaft zur Schließung von Guantanamo Bay bewegen
oder bleibt es bei einer kritischen Positionierung?
Die Haltung der Regierungen ist in diesen Fragen absolut nicht konsequent,
doch der Druck auf die USA ist mittlerweile beträchtlich gestiegen. Ich
erwarte von den Regierungen, dieses Problem und die europäische Haltung
auf dem Gipfel unmissverständlich anzusprechen,
damit Guantanamo Bay endlich geschlossen wird.
Die Europäische Kommission will die rechtswidrige Weitergabe von
Passagierdaten an die USA fortsetzen. Warum dieser vorauseilende Gehorsam?
Ich fürchte, dass man den USA-Forderungen vollständig entgegenkommt. Das
ist ein großes Problem für die europäische Integration. Bei vielen
Menschen werden die ohnehin großen Zweifel an der Europäischen Union
weiter wachsen. Ihre Interessen und Rechte werden von Kommission und Rat
ignoriert. Sie erleben die Missachtung parlamentarischer Rechte.
Viele europäische Staaten standen der US-Kriegspolitik im Irak zunächst
ablehnend gegenüber. Mittlerweile scheint man auf den US-Kurs
einzuschwenken. Erfolgt letztlich doch eine Annäherung?
Ich halte das für widersprüchlich. Entgegen der öffentlich bekundeten
Ablehnung des Irak-Krieges hat Deutschland schon unter Rot-Grün den Krieg
logistisch und anderweitig unterstützt. Andererseits zeigt sich ein
Klimawandel auch in den Staaten der so genannten Koalition der Willigen.
Italien oder Spanien etwa haben ihre Positionen deutlich geändert. Das
liegt nicht zuletzt auch daran, dass die USA mit ihrer Politik im Irak
vollständig gescheitert sind.
Wie werden sich die Gipfel-Gespräche auf die derzeitige Situation in
Afghanistan auswirken?
Die Tendenz geht eindeutig zur Zusammenlegung der ISAF mit ihrem
UNO-Mandat und der amerikanischen Interventionsstreitkräfte Enduring
Freedom. Ich finde das falsch und gefährlich. Angesichts der aktuellen
Entwicklung und der Instabilität in weiten Teilen Afghanistans sieht man,
dass das keine Lösung ist und eine ähnlich Entwicklung wie im Irak
bedeutet, zumal die US-Streitkräfte inzwischen in Afghanistan zuerst
unpopulär sind und
mit den sowjetischen Interventionsstreitkräften verglichen werden. Es ist
unverantwortlich, dass die Europäer den USA in dieser Frage offensichtlich
zunehmend nachgeben.
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